ArchivDeutsches Ärzteblatt44/201473. Bayerischer Ärztetag: Denkfehler der Politik

POLITIK

73. Bayerischer Ärztetag: Denkfehler der Politik

Dtsch Arztebl 2014; 111(44): A-1891 / B-1617 / C-1549

Schmidt, Klaus

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Ärzte benötigen keine finanziellen Anreize, um gute Qualität zu erbringen, so der Tenor beim Bayerischen Ärztetag in Weiden.

Es entspreche dem ärztlichen Selbstverständnis, gute Qualität zu erbringen, betonte Max Kaplan. Foto: Karin Wilck
Es entspreche dem ärztlichen Selbstverständnis, gute Qualität zu erbringen, betonte Max Kaplan. Foto: Karin Wilck

Die qualitätsorientierte Vergütung medizinischer Leistungen („Pay for Performance“, P4P) ist weder aus Sicht der Ärzteschaft noch aus Sicht der bayerischen Gesundheitspolitik vonnöten. Bei der Eröffnung des 73. Bayerischen Ärztetags am 24. Oktober in Weiden (Oberpfalz) betonte der Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, Dr. med. Max Kaplan, es entspreche dem Selbstverständnis der Ärzte, die Patienten qualitativ hochwertig zu versorgen. P4P-Instrumente liefen Gefahr, das Gesundheitssystem in Richtung Gesundheitswirtschaft zu lenken, wenn sie ausschließlich auf Ergebnisqualität ausgerichtet seien.

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Bayerns Ge­sund­heits­mi­nis­terin Melanie Huml versicherte, es bestünden derzeit in Bayern keine Pläne, im ambulanten Bereich verbindliche P4P-Instrumente einzuführen. Dafür stünden erstens keine ausreichenden Datengrundlagen zur Verfügung, zweitens bräuchten die bayerischen Krankenkassen entsprechende finanzielle Mittel, also angemessene Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds, um in solche Modelle investieren zu können. Fakt sei aber, dass seit Gründung des Gesundheitsfonds zunehmend Versichertengelder aus Bayern in andere Bundesländer abflössen, 2011 rund 2,16 Milliarden Euro.

Eine hartnäckige Ministerin

Huml betonte in Weiden noch einmal die bayerische Forderung, die Mittel aus dem Gesundheitsfonds transparenter und gerechter zu verteilen. Die Einführung eines Regionalfaktors stehe weiterhin auf ihrer Agenda. Deswegen hat die Ministerin auch Bedenken gegen die Konvergenz der vertragsärztlichen Vergütung, wie sie im Gesetzentwurf angekündigt ist. Der Freistaat besteht darauf, erst einmal zu prüfen, ob unterschiedliche Versorgungsstrukturen in den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) unterschiedliche Vergütungshöhen rechtfertigen. So gebe es in Bayern einen deutlich höheren Anteil an ambulanten Operationen. Auch dürften unter dem Deckmantel des Innovationsfonds nicht einzelne KV-Regionen subventioniert werden. Sie bestehe deshalb auf ein Mitspracherecht der Länder und eine gerechte Verteilung der Mittel auf die Länder. Mit Blick auf den Koalitionspartner in Berlin forderte sie Nachbesserungen im Sinne der berechtigten Interessen der bayerischen Ärzte und Patienten ein. Huml: „Da kann ich sehr hartnäckig sein.“

In der Diskussionsrunde wurde der Gedanke des Pay-for-Performance sehr zurückhaltend aufgenommen. Dr. Christof Veit vom Institut für Qualität und Patientensicherheit meinte, in bestimmten Situationen könne man mit P4P steuern, aber man müsse auch sehen: „Wir können viel Unsinn damit machen.“ Für Unsinn hält es jedenfalls Präsident Kaplan, Instrumente wie Benchmarking im Gesundheitswesen einzusetzen. Dadurch würde selektioniert, schwere Krankheitsfälle würden verschoben: „Qualität beginnt in der Region damit, dass ausreichend Ärzte und Krankenhäuser vorhanden sind.“ Unter Qualität fällt für Ministerin Huml auch die Erreichbarkeit von Arzt oder Krankenhaus. Auch müsse man darauf achten, dass es zu keiner Selektion von Risikopatienten komme.

Gute Qualität kostet Geld

Veit gestand ein, dass die Medizin ständig bemüht sei, sich zu verbessern. Doch gebe es einfach Unterschiede in der Qualität. Es sei Sache des Qualitätsmanagements, dafür zu sorgen, dass es eine gute Versorgung überall im Lande gebe. Dabei gehe es nicht um Qualität erster, zweiter oder dritter Klasse.

Einig war man sich auch darin, dass gute Qualität Geld kostet, doch von Abschlägen für schlechte Qualität wollte niemand etwas wissen. Prof. Dr. med. Georg Marckmann, Direktor des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der LMU München, fragte, ob es richtig sei, den Arzt durch finanzielle Anreize immer mehr zu einer Marionette zu machen. Kaplan hält es für einen Denkfehler zu glauben, dass finanzielle Motivation notwendig sei, damit Ärzte Qualität erbringen: „Wir nehmen unseren ärztlichen Auftrag sehr ernst und brauchen dafür keine finanziellen Anreize.“ Auch hänge die Qualität der medizinischen Versorgung wesentlich von der aktiven Mitwirkung des Patienten ab. Die umfassende Mitarbeit des Patienten und die Stärkung der Eigenverantwortung für seine Gesundheit seien im Rahmen der Qualitätsförderung in der Medizin unabdingbar.

Klaus Schmidt

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