ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2014Ebola: Aufholjagd der Politik

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Ebola: Aufholjagd der Politik

Dtsch Arztebl 2014; 111(44): A-1883 / B-1611 / C-1543

Zylka-Menhorn, Vera

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Der 6. World Health Summit stand angesichts der dramatischen medizinischen und sozialen Entwicklung in Westafrika unerwartet im Zeichen der lebensbedrohlichen Infektionskrankheit – und bot Vertretern der Bundesregierung eine Bühne.

„Im Kampf gegen das unsichtbare Virus kann kein Land alleine erfolgreich sein“: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung des World Health Summit in Berlin, Foto: Steffen Kugler
„Im Kampf gegen das unsichtbare Virus kann kein Land alleine erfolgreich sein“: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung des World Health Summit in Berlin, Foto: Steffen Kugler

Eigentlich sollten die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit Schwerpunktthema des 6. World Health Summit (WHS) in Berlin sein. Doch dann stiegen die Infektionszahlen von Ebola in Liberia, Sierra Leone und Guinea exponentiell an und führten die dortigen Gesundheitssysteme an den Rand des Kollaps und darüber hinaus. Obwohl verschiedene Nichtregierungsorganisationen – allen voran „Ärzte ohne Grenzen“, die mit rund 3 000 internationalen Helfern vor Ort sind – schon Monate lang vor dieser Entwicklung warnten, blieb ihr Ruf bei den politischen Entscheidungsträgern bis vor Kurzem ungehört. Für Vertreter der Bundesregierung bot der WHS daher nun die Bühne, Versäumtes nachzuholen.

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„Wahrscheinlich ist der Vorwurf richtig, dass wir die Größe und Dynamik der Epidemie unterschätzt haben“, erklärte Bundesaußenminister Frank Walter-Steinmeier (SPD) vor den rund 1 000 Teilnehmern des Weltgesundheitsgipfels aus 80 Ländern. Neben der humanitären Katastrophe drohe auch eine politische und soziale Krise. „Wenn wir nicht handeln, werden die Folgen – auch für uns in Deutschland – unkalkulierbar“. Solche gefährlichen Entwicklungen könnten schlimmstenfalls auch zum Krieg führen, warnte Steinmeier. Als Sofortmaßnahme werde man 100 Millionen Euro für den Kampf gegen die Seuche zur Verfügung stellen.

Die Aktivitäten der Bundesregierung seien Teil der von den Vereinten Nationen (UN) und der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) koordinierten Hilfe. Dazu gehöre die von der Bundeswehr betriebene Luftbrücke, die Hilfsgüter von Dakar in die liberische Hauptstadt Monrovia transportiert, ebenso wie die Ausbildung von Helfern im Umgang mit Erkrankten und dem Schutz vor Infektion. Außerdem unterstütze die Bundesregierung das Rote Kreuz beim Aufbau von Behandlungszentren mit etwa 200 Betten. Der Sonderbeauftragte für Ebola, der deutsche Botschafter in Venezuela, Walter Lindner, werde diese Maßnahmen koordinieren.

Pool von „Weißhelmen“ für zukünftige Einsätze angeregt

Steinmeier betonte die Notwendigkeit eines Koordinators im Kampf gegen die Ebola-Epidemie auch auf europäischer Ebene. Inzwischen haben die Staats- und Regierungschefs auf ihrem EU-Gipfel in Brüssel den künftigen Kommissar für humanitäre Hilfe, Christos Stylianides aus Zypern, mit dieser Aufgabe betraut. Als mittelfristiges Ziel schlug Steinmeier auf dem WHS vor, einen Pool aus medizinischen und logistischen Experten zu bilden (kurz: „Weißhelme“), die „bei Gesundheitskrisen auf freiwilliger Basis für einen schnellen und gezielten Einsatz“ bereitstehen. Dass die westliche Welt zu spät auf die Epidemie reagiert habe, bestätigte auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU): „Viele gingen davon aus, dass auch dieser Ausbruch wie die vorherigen 21 Ausbrüche regional sehr begrenzt sei und nach kurzer Zeit abebben würde.“

Inzwischen gab das Bun­des­for­schungs­minis­terium bekannt, dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung fünf Millionen Euro für die Entwicklung eines Schnelltests bereitzustellen, der Ebola-Viren unkompliziert nachweisen kann.

„Die Zeit des Redens und der theoretischen Debatten ist vorüber“, mahnte Florian Westphal, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen e.V. (siehe Interview) beim WHS. Es scheint, als habe seine Organisation nun endlich Gehör gefunden.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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