ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2014Ebola: Infektiöse Irrationalität

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Ebola: Infektiöse Irrationalität

Dtsch Arztebl 2014; 111(44): A-1877 / B-1605 / C-1537

Zylka-Menhorn, Vera

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Weltweit grassiert die Angst vor Ebola als einer unbeherrschbaren Seuche. Jeder Verdachtsfall löst in TV und Online-Portalen Eilmeldungen aus. Man erinnert sich unwillkürlich an den medialen „overkill“ während der Zeiten von SARS, aviäre und Neuer Influenza. Zweifelsohne erleben die Menschen in Liberia, Sierra Leone und Guinea humanitäres Leid von – in Europa – ungeahntem Ausmaß. Doch mit 10 141 Erkrankungen und 4 922 Todesfällen (Stand 25.10.) hat das Virus keineswegs pandemische Verbreitung erreicht. Senegal und das bevölkerungsreiche Nigeria gelten inzwischen sogar als „Ebola-frei“, nachdem infizierte Personen konsequent isoliert worden waren. Kurz: Aus epidemiologischer Sicht handelt es sich bei Ebola um einen regionalen Ausbruch – allerdings mit ruinösen Folgen für die westafrikanische Gesellschaft.

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Dr. med. Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin Medizinreport
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin Medizinreport
st aber nicht der Pathogenität des Erregers zuzuschreiben, sondern vielmehr den dortigen sozialen Verhältnissen: Wegen extremer Armut, schlechter Regierungsführung, Korruption und zahlreichen Bürgerkriegen existieren dort weder eine flächendeckende medizinische Versorgung noch eine funktionierende Seuchenkontrolle. Mangels Aufklärung kannten die Menschen in Liberia, Sierra Leone und Guinea nicht die potenzielle Gefährdung durch eine Erkrankung, die unscheinbar – und ähnlich wie die Malaria – mit hohem Fieber, Durchfall und Mattheit beginnt. Auch ist es für Afrikaner Usus, ihre kranken Angehörigen zu Hause zu pflegen, wo sie mit Schweiß, Exkrementen, Erbrochenem und Blut der Infizierten in Kontakt kommen.

Die medizinischen, sozialen, kulturellen und politischen Verhältnisse unterscheiden sich somit völlig von denen in den Industrieländern. Es ist folglich richtig, dass Infektiologen vor einer „Ebola-Hysterie“ in Europa warnen. Das Virus sei keine große Herausforderung für den Seuchenschutz, hieß es letzte Woche bei einem Symposium des Gesundheitsamtes in Frankfurt/Main. Und: Deutschland sei „weltweit führend in der Vorbereitung“ auf hochkontagiöse Erkrankungen, hob Amtsleiter Prof. Dr. Dr. René Gottschalk hervor.

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Fast zeitgleich zum Frankfurter Symposium wurden Statistiken zu anderen Infektionserkrankungen veröffentlicht, die tatsächlich besorgniserregend sind und aufrütteln sollten – aber weitgehend ungehört blieben. So teilte die Welt­gesund­heits­organi­sation mit, dass trotz aller medizinischen Fortschritte im vergangenen Jahr etwa 1,5 Millionen Menschen an Tuberkulose und weitere 1,5 Millionen an den Folgen von Aids gestorben sind. Mycobakterium tuberculosis und HIV sind somit jene Erreger, die weltweit die meisten Todesopfer fordern. Und wer spricht von den 1,5 Millionen Kindern, die jährlich Opfer infektiöser Durchfälle werden? Da geht kein Aufschrei durch die Medien. Hat man sich bereits an die jährlich wiederkehrenden Negativ-Statistiken zu diesen Erkrankungen gewöhnt?

Irrational ist auch das Verhalten gegenüber einem Virus, das – anders als bei Ebola – über die Atemluft übertragen wird, und dem hierzulande jeden Winter Tausende Menschen zum Opfer fallen (2012: 18 889), obwohl man sich durch Impfung davor schützen kann: die saisonale Influenza. Angst und Irrationalität verbreiten sich eben schneller als die real existierenden Viren.

Ebola verpflichtet zu humanitärer Hilfe für die Menschen in Westafrika. Für Hysterie in unserem eigenen Lebensumfeld gibt es keinen Grund.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport

  • Ebola: Wertvoll
    Dtsch Arztebl 2014; 111(48): A-2120 / B-1798 / C-1720
    Pommer, Peter

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klausenwächter
am Donnerstag, 6. November 2014, 11:05

Urspruch in Versorgungsmängen - Verbreitung durch Lücken in den hoch technisierten Nationen

"Between 6 000 and 12 000 patients per month came to the outpatietn clinic vor general medical care. Five syringes and needles were issued to the nursing staff each morning for use at the outpatient department, the prenatal clinic and the inpatient wards." [Bremann, J.G., Piot, P., Johnson, K.M. et al.: The Epidemiologiy of Ebola Haemorrhagic Fever in Zaire, 1976. In: Ebola Virus Haemorrhagic Fever. S. R. Pattyn editor. Elsevier/North-Holland Biomedical Press Amsterdam. New York 1978: 105.
Regional nicht übertragbare Umgebungsbedingungen veranlassten die Ausbrüche. Dennoch bestehen Lücken in den hoch technisierten Nationen: In der Wahrnehmung von Hilfebedarf und in den eigenen Umsetzungen von infektonsbekämpfenden Maßnahmen.

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