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Interview mit Dr. med. Jürgen Bonnert, Chefarzt für Neurologie am MediClin Reha-Zentrum Reichshof: Rehabilitation auf dem Land

Dtsch Arztebl 2014; 111(44): [12]

Ollenschläger, Philipp

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Seit 1998 arbeitet der Neurologe Dr. med. Jürgen Bonnert in der Rehabilitationsklinik im Bergischen Land, seit 2003 ist er Chefarzt. Er genießt die Arbeit in der ländlichen Region.

Foto: Kurverwaltung Reichshof
Foto: Kurverwaltung Reichshof

Was hat Sie dazu bewogen, an einer Rehabilitationsklinik im ländlichen Raum zu arbeiten?

Jürgen Bonnert: Zu Beginn hatte ich die Vorstellung, dass es sich bei meiner Tätigkeit an der Reha-Klinik um eine Übergangszeit handeln würde. Ich habe eine ganze Weile auf der Intensivstation einer großen Klinik gearbeitet und muss sagen, die Intensivmedizin ist mit der Zeit sehr beanspruchend. 1998 wurde die Reha-Klinik in Reichshof-Eckenhagen neu eröffnet und ich hatte die Möglichkeit, hier eine sogenannte Frührehabilitation aufzubauen. Dabei handelt es sich um die nächste Station nach der Intensivstation. Für eine Frührehabilitation dürfen die Patienten nicht mehr beatmet werden und nicht Herz-Kreislauf-instabil sein. Dies aufzubauen hat mich gereizt. Zudem finde ich es schön, auf dem Land zu arbeiten.

Was macht die Arbeit auf dem Land für Sie so besonders?

Bonnert: Ich finde es reizvoll, jeden Tag von Köln aufs Land rausfahren zu dürfen. Es ist wunderbar, auf diese Weise die Jahreszeiten mitzubekommen, auch wenn es im Winter manchmal schwierig ist, anzureisen. Außerdem glaube ich, dass der Patientenmix hier ein anderer ist als in der Stadt. Menschen, die auf dem Land leben, sind oftmals noch stärker in ihren Familien verwurzelt. So habe ich auch noch viel mehr mit den Angehörigen der Patienten zu tun, als dies vermutlich in der Stadt der Fall wäre.

Und auch nach 15 Jahren Reha-Tätigkeit verspüren Sie nicht den Wunsch nach einer Veränderung . . .

Bonnert: Nein. An meinem Job reizt mich eine Sache ganz besonders: Im Gegensatz zur Akutmedizin begleitet man die Patienten hier über einen wesentlich längeren Zeitraum. Im Durchschnitt sehe ich die Patienten fünf bis sechs Wochen und habe auch regelmäßig beratenden Kontakt zu den Angehörigen. Akutmedizin ist heutzutage sehr stark von der Diagnostik geprägt: sehr kurze Liegezeiten, sehr hoher diagnostischer Druck. In der Reha haben wir ein anderes Zeitfenster, dadurch kann ich mich mit Patienten auf einer ganz anderen Ebene auseinandersetzen. Ich kann mich intensiver mit ihnen beschäftigen und lerne sie besser kennen. Ein wichtiger Aspekt der Reha ist die Sozialmedizin, bei der man sich mit dem Lebenshintergrund der Patienten auseinandersetzt, um herauszufinden, wie ein Patient wieder in seine ursprüngliche Lebenswelt zurückkehren kann. Wenn das nicht möglich ist, müssen wir versuchen, etwas an seiner Lebenswelt zu modifizieren.

Sie haben auch eine Facharztausbildung zum Psychiater absolviert. Hilft Ihnen diese Erfahrung bei Ihrer täglichen Arbeit?

Bonnert: Auf jeden Fall. Zusätzlich bin ich auch noch Psychotherapeut. Während man sich im Krankenhaus meist für eine Fachrichtung entscheiden muss, ergibt sich für mich hier die Möglichkeit, meine psychotherapeutischen und psychiatrischen Erfahrungen für eine ganzheitliche Beurteilung und Behandlung der Patienten zu nutzen. Die meisten Patienten kommen nach einem Schlaganfall zu uns in die Reha-Klinik. Manche haben aber auch eine psychiatrische Erkrankung, so dass ich dann psychiatrisch gefordert bin. Häufig entwickelt sich auch infolge einer schweren Erkrankung, wie einem Schlaganfall, eine psychische Symptomatik.

Zudem haben wir hier auch eine große Abteilung für Onkologie und Pneumologie. Viele Patienten befinden sich dort aufgrund ihrer Krebserkrankung in einer Ausnahmesituation und benötigen eine psychiatrische Behandlung. In solchen Fällen kooperieren wir zwischen den Abteilungen.

Ist die Arbeit in der Rehabilitation weniger stressig als in einem Krankenhaus?

Bonnert: In der Rehabilitation ist die Arbeit planbarer, aber auch hier sind die Veränderungen des Gesundheitssystems deutlich spürbar. Durch die Verkürzung die Liegezeiten wird die Behandlung in den Rehabilitationseinrichtungen akuter. Es ist jedoch so, dass wir keine Notaufnahme haben, unsere Patienten werden einbestellt; dadurch lassen sich die Termine besser koordinieren. Daraus ergibt sich, dass man auch seine Freizeit besser planen kann.

Ist es in einer Reha-Klinik einfacher, sich als Arzt zu profilieren als zum Beispiel an einer Uniklinik?

Bonnert: Sich hier zu profilieren ist was anderes als an einer Uniklinik. Während es an Unikliniken neben den klinischen Arbeiten darum geht, wissenschaftliche Arbeiten zu veröffentlichen und sich sichtbar zu machen, profiliert man sich hier neben der fachlichen Kompetenz weniger durch eine wissenschaftliche Expertise, sondern vielmehr durch soziale Kompetenzen. Ob es leichter ist weiß ich nicht, wahrscheinlich muss man einfach ein anderer Typ Arzt sein.

Ist es schwierig für Sie, ärztliches Personal zu rekrutieren?

Bonnert: Das ist ein Thema. Diese Problematik hat sich in den letzten Jahren verschärft. Unsere Personalabteilung ist aber sehr aktiv, um neue Mitarbeiter zu finden. Auch im Ausland. Ich persönlich gehe auf Personalmessen, um für unsere Klinik zu werben. Ich versuche zudem, die Ausbildung für Assistenzärzte gut zu organisieren und zu strukturieren und somit unseren Standort attraktiver zu machen.

Welche Freizeitmöglichkeiten haben die Patienten hier?

Bonnert: Zum einen bieten wir unseren stationären Patienten ein Freizeitangebot: Dazu gehören Einkaufsfahrten, Museumsbesuche, Ausflüge zu einem Bauernmarkt. Sofern die Patienten dazu in der Lage sind, können sie auch an Wanderausflügen teilnehmen. In der Neurologie sind allerdings nur circa 20 Prozent der Patienten wirklich dazu fähig, an solchen Ausflügen teilzunehmen. Bei den Krebspatienten ist der Anteil deutlich höher. Dort sind viele Patienten deutlich jünger und haben oftmals die körperlichen Voraussetzungen, am Freizeitprogramm teilzunehmen.

Foto: Jardai/modusphoto.de
Foto: Jardai/modusphoto.de

Da ich seit fünf Jahren auch als Kurarzt für Reichshof-Eckenhagen fungiere, erarbeite ich mit der Kurverwaltung Freizeitprogramme für ambulante Patienten. Dazu gehören Fahrradtouren und Naturwanderungen mit Tierbeobachtungen.

Spielen Sie manchmal mit dem Gedanken, aufs Land zu ziehen?

Bonnert: Ich habe insbesondere in den ersten Jahren meiner Tätigkeit in der Reha-Klinik mit dem Gedanken gespielt. Schließlich ist es in der ländlichen Gegend wesentlich günstiger, Wohnraum zu mieten oder zu kaufen. Letztlich gab es immer mehr Argumente für ein Leben in Köln – vornehmlich familiäre Argumente. Inzwischen pendel ich seit 15 Jahren, habe mich daran gewöhnt und genieße es ja auch.

Das Interview führte Philipp Ollenschläger

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