ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 4/2014Geldanlage: Viele Anleger scheuen die Aktie – zu Unrecht

Supplement: PRAXiS

Geldanlage: Viele Anleger scheuen die Aktie – zu Unrecht

Dtsch Arztebl 2014; 111(45): [4]

Fischer, Leo

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In den zurückliegenden 100 Jahren können Aktien mit einer jährlichen Rendite von durchschnittlich etwa sieben Prozent aufwarten.

Foto: picture alliance
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Im langfristigen Vergleich schlägt die Aktie alle anderen Kapitalanlagen – Gold und Immobilien, vor allem aber die Anleihe. In den zurückliegenden 100 Jahren konnten Aktien mit einer jährlichen Rendite von durchschnittlich etwa sieben Prozent aufwarten, unterstreicht Norbert Keimling, Vorstand der Vermögensverwaltungsgesellschaft Starcapital, die zahlreiche Investmentfonds für Aktien und Anleihen verwaltet. Keine andere Anlageform kann mit der Aktie konkurrieren, was die Rendite anbelangt. Gleichwohl spielt die Aktie bei der Geldanlage der Deutschen immer noch eine sehr geringe Rolle. Die Bundesbürger halten die Aktie für unberechenbar. Die kaum zu prognostizierenden Schwankungen der Aktienkurse, im Fachjargon Volatilität, sind den Bundesbürgern nicht geheuer.

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Seit Jahren stagniert die Zahl der Aktionäre in Deutschland, nur 4,56 Millionen konnten sich über den Kursanstieg des letzten Jahres freuen, aber fast 90 Millionen Versicherungsverträge halten die Bundesbürger. Während die Zinsgutschriften für diese von Jahr zu Jahr zurückgehen, legte der Deutsche Aktienindex (DAX) 2013 um 25 Prozent zu.

Dass die Bundesbürger nach wie vor die Aktie meiden, liegt auch daran, dass Investoren häufig zum falschen Zeitpunkt ein- und aussteigen und dann enttäuscht der Aktienbörse den Rücken kehren, meint Keimling. Es gab in der Vergangenheit zahlreiche Versuche, die Kursbewegungen an der Aktienbörse transparent und verständlich zu machen. Aber nach wie vor werden Kursprognosen mit einem Blick in die Kristallkugel verglichen. Einen neuen Versuch, die Prognosen von Aktienkursverläufen auf eine berechenbare Basis zu stellen, unternahm jetzt Keimling.

Üblich ist es seit Jahrzehnten, das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für die Bewertung einzelner Aktien und auch des Gesamtmarktes heranzuziehen. Dabei wird der Unternehmensgewinn je Aktie zum Kurs in Relation gesetzt. Dieses KGV hat aber gewisse Nachteile, die das „zyklisch adjustierte Kurs-Gewinn-Verhältnis“, das Keimling von Robert J. Shiller übernommen hat, vermeidet. Dabei wird das KGV auf Basis der mittleren inflationsbereinigten Gewinne der vorausgehenden zehn Jahre ermittelt. Es wird daher als KGV10 bezeichnet. Shiller, Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2013, hat unter anderem das Platzen der New-Economy-Blase und die Finanzkrise vorausgesagt.

Überbewertungen und Unterbewertungen für den US-Aktienmarkt waren aus einem hohen und niedrigen KGV10 zu entnehmen. In den Jahren 1901, 1928, 1966 und 1996 war das KGV10, gemessen am S&P 500 (Standard-and-Poors-Index), sehr hoch; diesen Jahren mit Kurshöchstständen folgten prompt jeweils 15 bis 20 Jahre mit teils erheblichen Kursverlusten. Nur drei Mal unterschritt das KGV10 den Wert von acht, nämlich 1917, 1932 und 1980. Die Aktien fielen in diesen Jahren auf langjährige Tiefstkurse. Doch wer in diesen Jahren, als die Stimmung auf einem Tiefpunkt war, einstieg, konnte in den folgenden 15 Jahren jährliche Renditen von durchschnittlich 10,5 Prozent erzielen.

Auch Keimling räumt ein, dass damit keine brauchbaren kurz- bis mittelfristigen Prognosen möglich sind. Immerhin ließen sich aber für einen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren realistische Renditeerwartungen ableiten. Die alles entscheidende Frage nach dem Timing für den optimalen Einstieg am Aktienmarkt lässt sich allerdings so nicht beantworten. Für die kurzfristige Entwicklung der Aktienmärkte spielt zum Beispiel die Notenbankpolitik eine große Rolle.

Der deutsche Aktienmarkt wird derzeit nach Berechnungen von Keimling mit einem KGV10 von 17,3 bewertet. In den letzten 140 Jahren folgten auf Perioden mit vergleichbaren Bewertungen im Mittel Wertsteigerungen von jährlich 6,4 Prozent über die folgenden 15 Jahre (real), die Mehrzahl der 15-Jahresperioden wies eine Wertsteigerung von 4,3 bis 7,6 Prozent auf. „Unterstellt man eine (konservative) Inflationsrate von einem Prozent, ist damit ein DAX-Stand von etwa 27 000 Punkten im Jahr 2029 realistisch“, meint Keimling. Die wahrscheinliche Bandbreite bewege sich zwischen 20 100 bis 32 000 Punkten. Noch deutlich mehr Potenzial bieten andere europäische Aktienmärkte, wie Italien. Auf das aktuelle KGV10 von 8,8 folgten historisch in der Regel reale Wertzuwächse von 9,3 bis 13,9 Prozent pro Jahr, niemals folgten auf derart attraktive Bewertungen langfristig Wertverluste. Ähnlich attraktive Renditeaussichten ergeben sich nach Keimling in Märkten wie Spanien oder Belgien. Wenig verheißungsvoll ist hingegen das Renditepotenzial des US-Marktes. Mit einem KGV10 von 24,6 notiert der US-Aktienmarkt etwa 50 Prozent über seiner historischen Durchschnittsbewertung. Zu kurzfristigen Kursprognosen taugt diese Theorie also nicht. Aber immerhin lässt sich ableiten, dass derzeit der DAX mehr Zukunftspotenzial haben dürfte als der Dow Jones. Dr. Leo Fischer

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