ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2014Evidenzbasierte Medizin: Eher Studienmüll
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Danke für diesen Beitrag. Ich erinnere mich noch gut an die hohe Zeit von EbM, als zum Beispiel in der 4S-Studie (Scandinavian Simvastatin Survival Study) 1994 gezeigt wurde, dass selbst bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit und sehr hohen Cholesterolwerten (212–310 mg/dl) durch Simvastatin (40 mg/d) die Gesamtsterblichkeit im Vergleich zu Placebo im Verlauf von fünf bis sechs Jahren nur um 3,3 Prozent reduziert wurde. Das entspricht einem NNT (number needed to treat) = 30 und folglich einem NTN (number treated needlessly) = 29! Die Wirkung (= efficacy) von Simvastatin war also selbst in der „Sekundärprävention“ nur sehr marginal! Die Reihe guter Studien ließe sich fortsetzen. Ihre Ergebnisse waren erhellend und ernüchternd zugleich.

Was heute oft unter dem Motto EbM angeboten wird, ist dagegen – vorsichtig formuliert – eher „Studienmüll“. Das liegt natürlich vor allem an den nationalen und internationalen Zulassungsbehörden, für die nicht selten kurzfristige placebokontrollierte Studien auf der Basis von Surrogaten zulassungsrelevant sind.

Das Dilemma wird derzeit bei den oralen Antidiabetika besonders deutlich, wenn in der aktuellen Versorgungsleitlinie „Diabetes mellitus Typ 2“ von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) bei Versagen von Metformin alle anderen vorhandenen Substanzen ohne spezielle Reihung empfohlen werden. Das kann man natürlich als „individuelles Vorgehen“ präferieren. Aus meiner Sicht spiegelt es wohl eher die Ratlosigkeit oder Orientierungslosigkeit der Leitlinienautoren wider, was nicht verwundert, da keine langfristigen Studien mit klinisch relevanten Endpunkten vorliegen. Woran die Pharmaindustrie aus naheliegenden Gründen auch nicht interessiert ist.

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Solange die „Zulassung“ eines Arzneimittels aber nicht gleichzusetzen ist mit dem vom Arzt zu Recht erwarteten Behandlungsstandard, wird es EbM kaum gelingen, „heimisch“ zu werden. Ärzte und Patienten haben aber Besseres verdient.

Literatur beim Verfasser
Prof. Dr. med. Frank P. Meyer, 39164 Wanzleben-Börde

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