ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2014Körperbilder: Euan Uglow (1932–2000) – Kontrollierte Leidenschaft

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Euan Uglow (1932–2000) – Kontrollierte Leidenschaft

Dtsch Arztebl 2014; 111(45): [57]

Schuchart, Sabine

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Euan Uglow war ein sogenannter Künstler-Künstler, der besonders bei seinen konzeptuell arbeitenden Kollegen hoch geschätzt, aber einem breiteren Publikum nicht bekannt war. Die von 1970 bis 1977 entstandene „Diagonale“ gilt als exemplarisch für sein Werk: Wie auf vielen anderen seiner Aktbilder positionierte er sein Modell, in diesem Fall die amerikanische Künstlerin Jacques Rochester, in seinem leeren, laborähnlichen Atelier. Um die geometrischen Proportionen zwischen Modell und Umgebung exakt darzustellen, spannte er Fäden durch den Raum, nahm kreuz und quer Maße und markierte diese auf dem nackten Körper Rochesters wie auf der Leinwand. Charakteristisch für ihn: Auf dem fertigen Bild sind diese Markierungen teils sichtbar. Sechs Jahre und unzählige Sitzungen benötigte der Perfektionist, bis er 1977 mit der „Diagonale“ zufrieden war.

Euan Uglow: „The Diagonal“, 1977, Öl auf Leinwand, 118 × 167 cm: Zwischen dem weiblichen Körper und dem umgebenden Raum konstruierte der renommierte britische Künstler geometrische Beziehungen – wie hier ein Dreieck. Seine Aktmodelle mussten lange in den ungewöhnlichen Körperposen ausharren, denn der akribisch arbeitende Uglow benötigte viel Zeit für jedes Bild.
Euan Uglow: „The Diagonal“, 1977, Öl auf Leinwand, 118 × 167 cm: Zwischen dem weiblichen Körper und dem umgebenden Raum konstruierte der renommierte britische Künstler geometrische Beziehungen – wie hier ein Dreieck. Seine Aktmodelle mussten lange in den ungewöhnlichen Körperposen ausharren, denn der akribisch arbeitende Uglow benötigte viel Zeit für jedes Bild.

Das Gemälde war gleich danach bei einer Ausstellung seiner Londoner Galerie Browse & Darby zu sehen. Hinweisen, es sei total durchkomponiert, begegnete der Maler mit typischem Understatement: „Es hätte genauso gut ein Brett sein können, aber es war ein Mädchen. Ist ja auch viel interessanter anzuschauen. Aber es war auch eine Reaktion auf ihre Person, denn sie war sehr hochgewachsen und konnte lange so sitzen.“ Tatsächlich gehörte Uglow zur innovativen Generation britischer Nachkriegskünstler, die die figurative Malerei neu erfanden. Er wollte nur abbilden, was sein Auge sah, möglicht objektiv und ohne Einsatz von Perspektivetechniken, um seine Emotionen beim Malen unter Kontrolle zu halten. Jeden Pinselstrich setzte er nach sorgfältiger Überlegung. Seine extrem disziplinierte Vorgehensweise bezeichnete er einmal als „kontrollierte Leidenschaft“.

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Obwohl Uglow die Vermarktung seiner Bilder zeitlebens eher behinderte als förderte, löste eines jüngst einen Medienhype aus. Von 1978 bis 1980 hatte die junge Cherie Booth, später Ehefrau von Premier Tony Blair, ihm für das Aktbild „Striding Nude, Blue Dress“ Modell gestanden. Das unvollendete Werk, auf das sie stolz war, das aber – angeblich auf Blairs Wunsch – über Jahrzehnte im Lager von Browse & Darby versteckt blieb, wurde diesen Mai für knapp 100 000 Euro an einen unbekannten Bieter versteigert. Sabine Schuchart

Ausstellung
„Das nackte Leben. Bacon, Freud, Hockney und andere. Malerei in London 1950–80“
LWL-Museum für Kunst und Kultur, Domplatz 10, Münster;
www.lwl.org/LWL/Kultur/museumkunstkultur;
Di.–So. 10–18 Uhr; 8. November 2014 bis 22. Februar 2015

„Das nackte Leben: Bacon, Freud, Hockney und andere“, Katalog zur Ausstellung, broschiert, 260 Seiten, Hirmer 2014; 39,90 Euro

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