ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2014Hüftgelenksarthrose: Ob Physiotherapie die Funktion verbessert, ist unklar

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Hüftgelenksarthrose: Ob Physiotherapie die Funktion verbessert, ist unklar

Dtsch Arztebl 2014; 111(45): A-1960 / B-1672 / C-1602

Heinzl, Susanne

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In Leitlinien wird eine Physiotherapie für Patienten mit Hüftgelenksarthrose unabhängig von der Schwere der Erkrankung, der Schmerzstärke und vom Funktionsstatus empfohlen. Die Kosten sind erheblich, bislang gibt es aber nur wenige Wirksamkeitsnachweise. Der Nutzen der Physiotherapie wurde nun in einer australischen Studie randomisiert und placebokontrolliert untersucht.

Zwischen Mai 2010 und April 2012 wurden 102 Teilnehmer mit röntgenbestätigter Hüftgelenksarthrose aufgenommen, die auf einer visuellen Analogskala (VAS; 100 mm) eine Schmerzstärke von mindestens 40 mm angaben. 49 Patienten wurden in die Verumgruppe und 53 in die Kontrollgruppe randomisiert. Alle Teilnehmer erhielten binnen 12 Wochen 10 Behandlungen und wurden anschließend 24 Wochen nachbeobachtet. Die Behandlung beider Gruppen erfolgte durch 8 Physiotherapeuten mit mindestens 5 Jahren Berufserfahrung. Die aktive Intervention umfasste halbstandardisierte physiotherapeutische Komponenten sowie optionale Techniken und Übungen, die vom Zustand des Patienten abhingen. So wurden alle Patienten der Verumgruppe mit manueller Therapie behandelt und in 4 bis 6 Übungen für zu Hause unterwiesen. Bei Bedarf erhielten sie eine Gehhilfe. In der Nachbeobachtungszeit sollten sie dreimal wöchentlich zu Hause die gymnastischen Übungen machen. Die Patienten der Placebogruppe wurden mit inaktivem Ultraschall und inertem Gel in der Hüftregion behandelt. Sie erhielten keine manuelle Therapie und keine Übungsanleitungen. In der Nachbeobachtungszeit sollten sie nur dreimal wöchentlich das Gel über 5 Minuten leicht einmassieren.

Die Teilnehmer wurden zu Beginn der Studie sowie nach 13 Wochen durch den gleichen verblindeten Assistenten untersucht, nach 36 Wochen erhielten sie einen Fragebogen. „Hauptschwierigkeit bei Studien zur Physiotherapie ist die Verblindung“, kommentiert Dr. med. Frank Heldmann, Rheumazentrum Ruhrgebiet in Herne. „Dieses Problem ist hier gut gelöst.“ Primäre Endpunkte waren der durchschnittliche Schmerz auf der VAS sowie die körperliche Funktion gemessen mit dem Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index (WOMAC). Von den 102 Teilnehmern beendeten 94 % die erste Phase nach Woche 13 und 81 % die Nachbeobachtungszeit nach Woche 36. Schmerzstärke und körperliche Funktion unterschieden sich nach Woche 13 nicht: In der Therapiegruppe war die Schmerzstärke von 58,8 mm zu Beginn der Studie auf 40,1 mm gesunken, in der Placebogruppe von 58,0 mm auf 35,2 mm. Die Schmerzen hatten sich in beiden Armen signifikant verbessert. Der WOMAC-Score lag zu Studienbeginn im Therapiearm bei 32,3, nach 13 Wochen bei 27,5, in der Placebogruppe bei 32,4 bzw. 26,4. Auch in den sekundären Endpunkten gab es keine Unterschiede.

Im Therapiearm berichteten signifikant mehr Patienten (41 %) über Nebenwirkungen wie vermehrte Hüftgelenksschmerzen, Steifigkeit oder Rückenschmerz als in der Vergleichsgruppe (14 %; p < 0,003). Alle Nebenwirkungen waren leicht und vorübergehend.

Fazit: „Die Ergebnisse dieser randomisierten, placebokontrollierten Therapiestudie lassen vermuten, dass es keinen Unterschied in der Effektivität zwischen einer regelmäßigen multimodalen Physiotherapie und einer Scheinbehandlung gibt“, resümiert Feldmann. Wegen einiger methodischer Probleme wie der Heterogenität des Patientenkollektivs und der radiologisch vergleichsweise fortgeschrittenen Hüftgelenksbefunde sollte die Physiotherapie aber nicht gänzlich infrage gestellt werden, sondern die Studie in erster Linie Anlass zur weiteren systematischen Untersuchung des Wertes dieser Behandlung geben.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Bennell KL, Egerton E, Martin J, et al.: Effect of physical therapy on pain and function in patients with hip osteoarthritis. A randomized clinical trial. JAMA 2014; 311: 1987–97.

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