ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2014Krankheit und Gesellschaft: Vom Stigma der Psychiatrie

THEMEN DER ZEIT

Krankheit und Gesellschaft: Vom Stigma der Psychiatrie

Dtsch Arztebl 2014; 111(45): A-1952 / B-1668 / C-1597

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Als Konsiliararzt der Psychiatrie stößt man teilweise auf ablehnende Reaktionen seitens der Patienten. Gefühlte 50 Prozent aller Patienten, die ich aufsuche, erschrecken erst einmal, wenn ich mich als „Psychiater“ vorstelle, besser gesagt „oute“. Ausrufe wie „Oh Gott, ein Irrenarzt?“ oder „Ich bin doch nicht verrückt“ sind häufig die ersten Reaktionen. Einige lehnen es dann strikt ab, mit mir zu sprechen; andere sind äußerst misstrauisch. Es gibt einige mögliche Gründe für dieses Verhalten. Zum einen könnte es an der Historie der Psychiatrie liegen – also daran, dass früher „Irrenanstalten“ abseits der anderen Krankenhäuser gebaut wurden, Menschen häufig gegen ihren Willen mitunter jahrelang dort untergebracht waren und mangels Alternativen mit abstrusen „Therapien“ behandelt worden sind. Demgegenüber müsste man allerdings auch andere Fachdisziplinen stellen, die in der Vergangenheit aufgrund des damaligen Kenntnisstandes nicht wirklich besser dastanden . . .

Dass psychisch erkrankte Patienten häufig stigmatisiert werden, ist leider eine Tatsache. Jeden Tag haben psychisch Kranke damit zu kämpfen – ob im Job, in der Familie und überhaupt in der Meinung der Allgemeinbevölkerung. Aber die Stigmatisierung geht weiter: auch Psychiater, Psychotherapeuten, Nervenärzte und psychiatrisch tätige Pflegekräfte werden belächelt, wenn sie ihre Berufe preisgeben, oder aber sind mit Fragestellungen konfrontiert, die nichts mit dem eigentlichen Beruf zu tun haben. Häufig werden auch Berufsgruppen durcheinander gebracht und Tätigkeiten vermutet, die rein gar nichts mit der Realität zu tun haben. Beispiele hierfür sind schon die Berufsgruppen „Psychologe“ und „Psychiater“: Unterschiede dieser beiden Berufsgruppen sind vielen Menschen unbekannt.

Gravierender wird die Unkenntnis in der Unterscheidung zwischen einem Psychiater und einem forensischen Psychiater. Dazu tragen unter anderem die Medien bei, die reißerische Aussagen wie „Vergewaltiger flieht aus Psychiatrie“ oder „Mutmaßlicher Täter für fünf Jahre zu Unrecht in Psychiatrie“ formulieren. Es folgt automatisch die Assoziation, dass „Psychiatrie“ etwas Schlechtes ist, ein Sammelbecken für Gewalttäter mit psychischen Störungen. Und dass man dort „eingesperrt“ ist und „nicht mehr rauskommt“. Die Differenzierung zwischen klinischer Psychiatrie und dem Maßregelvollzug scheint teilweise auch unseren Politikern schwerzufallen. Es wäre sehr hilfreich, wenn diese fehlerhafte Berichterstattung aufhören könnte, um einer weiteren Stigmatisierung entgegenzuwirken. Letztlich kann das sogar Suizid vermeiden helfen, denn Patienten mit Suizidgedanken entscheiden sich aufgrund der Stigmatisierung manchmal bewusst gegen Konsultation eines Psychiaters oder Psychotherapeuten.

Anzeige

Der Gang zu einem Psychiater sollte in der Allgemeinbevölkerung genauso akzeptiert werden wie der Gang zum Hausarzt oder Chirurgen. Davon scheinen wir aber noch weit entfernt zu sein. Es ist wirklich interessant zu sehen, wie unterschiedlich Patienten auf Stationen anderer Fachrichtungen reagieren, wenn man sich auf verschiedene Arten vorstellt. „Guten Tag, ich bin der Psychiater“ ist zum Beispiel ein Satz, der großen Argwohn herbeiführen kann. Sätze wie „Jetzt ist es also soweit, ich muss in die Klapse“ sind häufige Reaktionen. Ebenso lehnen es viele Patienten dann gleich ab, mit mir zu sprechen. Wenn ich mich aber als „Arzt der psychologischen Medizin“ vorstelle, sind die Reaktionen schon sehr viel milder, ein Gespräch wird eher akzeptiert. Ähnlich „akzeptiert“ scheint die Disziplin beziehungsweise der Begriff „Psycho-somatik“ zu sein. Es gibt durchaus Krankheitsbilder, die von beiden Disziplinen behandelt werden, wie zum Beispiel depressive Störungen. Hierbei habe ich schon häufiger bemerken können, dass es Patienten lieber ist, in einer psychosomatischen Abteilung behandelt zu werden. Bei genauerem Nachfragen gehen nämlich viele Patienten davon aus, dass man, anders als in der Psychosomatik, in der Psychiatrie hauptsächlich mit Medikamenten behandelt wird. Dies spiegelt jedoch nicht die Realität wider.

Wenn Patienten jedoch erstmal den Schritt gegangen sind und sich psychiatrisch behandeln lassen, dann sind viele doch recht positiv überrascht, dass eine Psychiatrie nichts mit all den Vorurteilen zu tun hat. Wobei einzuräumen ist, dass es auch in der Allgemeinpsychiatrie Patienten gibt, die dort gesetzlich untergebracht sind und somit gegen ihren Willen dort sind. Dies ist allerdings immer nur dann der Fall, wenn Patienten aufgrund einer akuten Gefährdung für sich selbst (zum Beispiel der Patient mit Schizophrenie, der sich aufgrund von befehlsgebenden Stimmen das Leben nehmen will) oder aber für andere darstellen.

Der Großteil aller Patienten, die sich in psychiatrischer Behandlung befinden, ist jedoch aus freien Stücken da. Und die meisten Patienten können nach der Behandlung sagen, dass ihnen der Aufenthalt geholfen hat.

*Oberarzt und Leiter des psychiatrischen Konsiliardienstes an der Charité – Campus Benjamin Franklin, Berlin

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema