ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2014Versorgung auf dem Land: Es hat sich schnell ausgerollt

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Versorgung auf dem Land: Es hat sich schnell ausgerollt

PP 13, Ausgabe November 2014, Seite 489

Rieser, Sabine

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Viel positive Berichterstattung begleitete den Einsatz einer rollenden Arztpraxis in Niedersachsen und den Start eines Patientenbusses in Brandenburg. Doch für die alten Leute auf dem Land war beides nicht das Richtige.

Nichts für Kranke: Auf dem Land sind die Busfahrpläne meist an den Bedürfnissen von Schulkindern ausgerichtet, nicht an denen kranker Senioren. Foto: picture alliance
Nichts für Kranke: Auf dem Land sind die Busfahrpläne meist an den Bedürfnissen von Schulkindern ausgerichtet, nicht an denen kranker Senioren. Foto: picture alliance

Wenn man ein Gesundheitsamt leitet, muss es einen nicht kümmern, wie die alten, kranken Leute in der Region zu einem Hausarzt kommen. Doch den Leiter des Gesundheitsamtes Märkisch-Oderland in Brandenburg hat es gekümmert und dazu bewogen, mit anderen das Modell eines Patientenbusses für Müncheberg zu entwickeln. „Ich fühle mich in erster Linie nicht als Verwaltungsmensch, sondern als Arzt“, betonte Steffen Hampel kürzlich. Er referierte bei einer Veranstaltung von Deutschem Roten Kreuz und der Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen in Berlin. Dort ging es um passende Angebote für Patienten in ländlichen Räumen.

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Zu wenige Fahrgäste

Hampel schilderte, wie seit 2010 in umfangreichen Abstimmungen das Angebot eines Patientenbusses entwickelt wurde, der Bus Ende 2012 startete – und wegen zu geringer Nachfrage Ende 2013 wieder eingestellt wurde. „Die Idee war nicht die schlechteste“, ist er überzeugt. Hampel betonte, dass es vor dem Start Befragungen der Bevölkerung und Bedarfsanalysen gegeben habe, vor allem vonseiten der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg. Sie hat im Rahmen ihres KV-Regiomed-Konzepts schon mehrere Versorgungsansätze für ländliche Regionen entwickelt. Als der Patientenbus endlich fuhr, allerdings nur dienstags, zeigte sich jedoch, „dass die nachbarschaftlichen und familiären Bande noch ausgeprägt genug sind“, so Hampel: Viel weniger Bürger als angenommen nutzten den Bus, nur einige fuhren damit zum Arzt. Deshalb waren auch die Kosten ein Problem: Rund 28 000 Euro wurden pro Jahr veranschlagt, 30 bis 50 Fahrgäste stiegen monatlich ein. Pro Kopf hätte eine Fahrt bei dieser Auslastung dauerhaft rund 50 bis 60 Euro gekostet.

Hampel findet gleichwohl, dass sich das Projekt gelohnt hat, denn grundsätzlich ließe sich die Idee bei Bedarf wiederbeleben. Er betonte zudem, dass die vielen Abstimmungen zwischen Amt, KV, Kreistag, Ortsvorstehern und Akteuren des öffentlichen Nahverkehrs nicht umsonst waren: „Unsere Zusammenarbeit hat sich bewährt. Sie trägt auch für weitere Projekte.“ Mehrere Arbeitsgemeinschaften haben sich gegründet; ihre Mitglieder wollen beispielsweise ein Weiterbildungsnetzwerk Allgemeinmedizin etablieren, Maßnahmen zur Sturzprophylaxe von Senioren ergreifen und vielleicht einen gemeindepsychiatrischen Verbund gründen.

Eingestellt wird Ende des Jahres auch die rollende Arztpraxis in Wolfenbüttel/Niedersachsen. Dort übernahmen seit Sommer 2013 von der KV Niedersachsen angestellte Hausärzte die Versorgung in einigen abgelegenen Orten. Warteräume stellten die Gemeinden zur Verfügung, den Bus hatte Volkswagen bezahlt. Sogar die „Zeit“ würdigte die Innovation mit einem Porträt eines der fahrenden Hausärzte.

Im Ausland läuft es

Doch auch hier war die Nachfrage nicht so groß wie ursprünglich angenommen. Matthias Quickert von der Wietmarscher Ambulanz- und Sonderfahrzeug GmbH, der einen Prototyp der rollenden Praxis vor dem Veranstaltungsort präsentierte, hält ein solches Angebot dennoch „für eine Antwort auf den demografischen Wandel“. Seine Überzeugung: „Wir meinen, dass es eine rollende Praxis für viele Einsätze sein kann.“ Ein solches Sonderfahrzeug könnten in ländlichen Regionen Fachärzte wie Gynäkologen, Hautärzte oder Urologen nutzen, aber auch Versorgungsassistentinnen oder Gemeindeschwestern.

Auf Aufträge kann Quickert warten. In andere Länder liefert das Wietmarscher Unternehmen bereits rollende Praxen und schwere, umfangreich ausgestattete Fahrzeuge – bis hin zu halben Kliniken.

Sabine Rieser

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