ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2014Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS): Mehr Medikamente auf dem Land

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Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS): Mehr Medikamente auf dem Land

PP 13, Ausgabe November 2014, Seite 498

Hillienhof, Arne

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Eine Studie der AOK zeigt, dass ADHS im Kindes- und Jugendalter 2012 doppelt so häufig diagnostiziert wurde wie 2006. Hinsichtlich der Häufigkeit der Diagnose und auch der medikamentösen Therapie bestehen regionale Unterschiede.

Die Zahl der Methylphenidat-Verordnungen stieg zwischen 1999 und 2013 um mehr als 600 Prozent. Foto: dpa
Die Zahl der Methylphenidat-Verordnungen stieg zwischen 1999 und 2013 um mehr als 600 Prozent. Foto: dpa

Bei Kindern und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren ist die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) unter den am häufigsten diagnostizierten Störungen. Jungen in diesem Alter sind mehr als doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. Das berichtet die AOK in einer bislang unveröffentlichten Ausgabe ihrer Publikation Gesundheit und Gesellschaft (G+G). Basis ist eine Untersuchung der ärztlichen Diagnosen aus dem ambulanten und stationären Bereich sowie der entsprechenden Arznei- und Heilmitteltherapien von bundesweit 3,5 Millionen AOK-versicherten Kindern und Jugendlichen.

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Danach diagnostizieren Ärzte bei knapp jedem zehnten Jungen im Alter zwischen neun und elf Jahren ADHS. Zwischen 2006 und 2012 hat sich laut der Analyse in allen Altersgruppen der Jungen und Mädchen die dokumentierte ADHS-Häufigkeit verdoppelt. Erhielten im Jahr 2006 noch 2,3 Prozent aller AOK-versicherten Kinder eine ADHS-Diagnose, waren es im Jahr 2012 bereits 4,6 Prozent.

Laut dem Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BKJPP) liegen diese Zahlen „im Erwartungsbereich“ und entsprechen der Größenordnung, wie sie bereits die KIGSS-Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen des Robert Koch-Institutes dokumentiert habe.

Mehr Jungen betroffen

Ärzte verordneten im Jahr 2013 der Untersuchung zufolge knapp 43 Prozent der AOK-versicherten Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS-Diagnose spezifische Medikamente. Zwischen 1999 und 2013 stieg die Zahl dieser Verordnungen innerhalb der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung um mehr als 600 Prozent. Bei den Jungen mit der Diagnose ADHS liegt der Behandlungsgipfel bei etwa 60 Prozent im Alter von 13 bis 15 Jahren, bei den Mädchen in dieser Altersgruppe bei fast 45 Prozent.

Von den mit Medikamenten behandelten AOK-versicherten Patienten erhält nahezu jeder zweite (48 Prozent) mehr als 180 Tagesdosen (DDD). „Diese Menge lässt auf einen chronischen Gebrauch schließen, wenn man die gängige Praxis von Therapiepausen am Wochenende oder in den Schulferien berücksichtigt“, heißt es in dem Beitrag. Allerdings erhalte auch ein Drittel der Patienten mit Pharmakotherapie weniger als 100 DDD.

„Dass etwas weniger als die Hälfte der Patienten mit dieser Diagnose eine medikamentöse Behandlung bekommen, entspricht auch den Erwartungen. Eine erste Auswertung einer bundesweiten Evaluation der Sozialpsychiatrievereinbarung ergaben in unseren Praxen eine etwas niedrigere Rate von circa 37 Prozent Stimulanzienbehandlung bei ADHS-Diagnose“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des BKJPP, Dr. med. Gundolf Berg, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Die AOK-Studie dokumentiert auch regionale Unterschiede bei der Häufigkeit der Diagnose und der Behandlung: So lag die Häufigkeit in allen fünf östlichen Bundesländern über dem Bundesdurchschnitt, in den Stadtstaaten hingegen darunter. „Möglicherweise unterscheidet sich die Morbidität zwischen den Regionen tatsächlich. Vielleicht beeinflusst aber auch die gute ADHS-Versorgung in Ballungszentren die Diagnosestellung“, heißt es in dem Beitrag in G+G. Laut der AOK liegt die Vermutung nahe, dass erfahrene Experten mit einer ausführlichen und leitliniengerechten Differenzialdiagnostik den Verdacht auf ADHS öfter entkräften könnten.

Auch in der Behandlung von ADHS-Patienten mit entsprechenden Psychopharmaka bestehen regionale Unterschiede. Die medikamentösen Therapien werden laut der Analyse eher nicht in den Ballungsgebieten, sondern im ländlichen Raum eingesetzt. So belegt das bayerische Amberg den Spitzenplatz im Ranking der 412 Regionen Deutschlands: Mehr als zwei Drittel werden hier medikamentös behandelt, während in Passau, ebenfalls Bayern, gerade einmal jeder fünfte Patient die entsprechenden Psychopharmaka erhält“, heißt es in dem Beitrag.

Berg wies daraufhin, dass die Verordnungsmengen bundesweit seit 2013 erstmalig leicht rückläufig sind. „Ob sie weiter zurückgehen bleibt abzuwarten, jedenfalls scheint der Anstieg nicht weiterzugehen, wie in der Vergangenheit“, so der BKJPP-
Vize.

Dr. med. Arne Hillienhof

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