ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2014Nationalsozialismus: Kampf zwischen Anerkennung und Verleugnung

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Nationalsozialismus: Kampf zwischen Anerkennung und Verleugnung

PP 13, Ausgabe November 2014, Seite 518

Moser, Tilmann

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Es scheint ein neues Kapitel zur Erforschung der Nachwirkungen in den Seelen der zweiten Generation von Täter- und Opferkindern herangereift zu sein: Es ist die Entdeckung, dass die dunklen Familiengeschichten der Tätergeneration im Untergrund weiter gebrodelt haben und schleichend oder plötzlich eine Konfrontation fordern. Deshalb sind die sehr persönlichen Geschichten von Ute Auhagen, Angela Moré und Ruth Waldeck in dem Band so wichtig, weil sie die lange Auseinandersetzung mit dem Einbruch der unabweislichen Verstrickung der Eltern dokumentieren, mit den Ängsten vor der Offenbarung der lange verdrängten Wahrheit hinter den Schleiern der Verleugnung. Oft mussten Jahrzehnte einer „Existenz im Falschen“, also der Unwahrheit vergehen, bevor der Mut gewachsen war, die kindliche Loyalität zu den entlastenden Mythen der stummen oder bösartig lügenden Eltern zu wagen. Das Annehmen der „Gefühlserbschaft“ (Freud) war Schwerarbeit. Die Auswirkungen der Verweigerung des Erbes wird sichtbar in den Ideologien und Taten des Rechtsextremismus, den Wolfgang Benz und Jan Lohl sachkundig untersuchen.

Sensationell aber ist der lange Aufsatz von Hannes Heer, dem „Schöpfer“ der Ausstellung zur Verstrickung der Wehrmacht in den Holocaust, der im Grunde ein Buch im Buch darstellt. Er verfolgt mit enormem dokumentarischen Aufwand die Windungen der „Vergangenheitspolitik“, also der Abfolgen der verschiedenen Deutungsphasen von Krieg und Holocaust in den Medien, der historischen Wissenschaft wie in der Literatur. Es ist erschütternd zu lesen, wie der Kampf wog zwischen Anerkennung der Schuld und der Verleugnung, Minimierung und Rechtfertigung. Heer schildert das Schicksal der in 30 Städten gezeigten Wehrmachtsausstellung, die hasserfüllte Leugnung der Verstrickung, die Verdächtigung als Ausdruck eines kollektiven Selbsthasses der Nation, die sich in den entlastenden „Schlussstrich“ retten wollte.

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Hannes Heer hat Intimfeinde in zwei herausragenden Schriftstellern, an deren wankelmütigen Geständnis- und Verhüllungskursen er sich abarbeitet: Martin Walser und Günter Grass. Beiden wirft er in ausgreifender Dokumentation vor, wie sie sich als Angehörige der „Flakhelfer-Generation“ ihrer frühen Faszination kaum entwinden konnten, Andeutungen und versteckte Teilgeständnisse zuhauf streuten, sich widersprachen, mit dem „Geheimnis“ spielten und es doch nicht preisgeben wollten. Und er deutet klar, wie sehr beide den unterschiedlichsten öffentlichen Strömungen gerecht werden wollten. Die Selbstgerechtigkeit Walsers führt ihn in eine fast erbarmungslose Empörung. Ein Glanzstück seiner Dokumentation ist die Auseinandersetzung mit den turbulenten Folgen von Philipp Jenningers Parlamentsrede zum Jahrestag der Reichspogromnacht 1938, nach deren zum Teil infamen Turbulenzen er zurücktreten musste. Tilmann Moser

Jan Lohl, Angela Moré (Hrsg.): Unbewusste Erbschaften des Nationalsozialismus. Psychosozial-Verlag, Gießen 2014, 313 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro

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