ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2014„Hirngespinster“: Liebe und Schizophrenie

KULTUR

„Hirngespinster“: Liebe und Schizophrenie

PP 13, Ausgabe November 2014, Seite 522

Osterloh, Falk

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Der schizophrene Architekt Hans verweigert eine Therapie. Seine Familie versucht, ihm zu helfen.

Goldfolie gegen Gedankenklau: Der schizophrene Hans verbarrikadiert sich in seinem Haus. Foto: movienetfilm
Goldfolie gegen Gedankenklau: Der schizophrene Hans verbarrikadiert sich in seinem Haus. Foto: movienetfilm

Schizophrene, so die Laienmeinung, leiden unter einer Persönlichkeitsspaltung. Dass das Krankheitsbild deutlich vielschichtiger ist, ist eher unbekannt. Hans Dallinger ist schizophren. Doch er will es nicht wahrhaben. Er verweigert seine Medikation und schließt sich in seinem Büro ein. Hier entwirft der einst berühmte Architekt Pläne für einen Museumsbau, mit denen er an alte Erfolge anknüpfen will. Zwischendurch reißt er die neue Satellitenanlage seiner Nachbarn von deren Dach. Die Regierung soll damit aufhören, ihn auszuspionieren. Als sie Tage später erneut montiert wird, greift Hans zur Axt und vertreibt die Handwerker mit Gewalt. Vier Polizisten braucht es schließlich, um ihn zu überwältigen. Er wird in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen.

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Mehr noch als die Krankheit zeigt „Hirngespinster“ die emotionale Last, die sie Hans Familie auferlegt. Verzweifelt um Normalität bemüht, verschweigt Hans 22-jähriger Sohn Simon seiner neuen Freundin die Krankheit seines Vaters. Und Hans Frau Elli beginnt, seine Medikamente zu pulverisieren und heimlich in sein Essen zu mischen. Doch die Versuche scheitern – die Krankheit lässt sich nicht totschweigen.

Der Debütfilm des Düsseldorfer Regisseurs Christian Bach lebt von dem herausragenden Spiel der beiden Hauptdarsteller Tobias Moretti und Jungstar Jonas Nay (Grimme-Preis und Deutscher Filmpreis für das Drama „Homevideo“). In hellen Bildern und ruhigem Tempo erzählt Bach, wie schwere Erkrankungen alle Mitglieder einer Familie befallen und wie jeder seinen Weg finden muss, mit ihnen fertig zu werden. Eskapismus allerdings, das zeigt sich bald, ist keine gute Strategie.

Als Hans aus der Psychiatrie entlassen wird, eine medikamentöse Therapie aber weiterhin ablehnt, spitzt sich die Lage zu. Auch in diesem Moment jedoch bleibt sich „Hirngespinster“ treu und missbraucht die Schizophrenie nicht für dramaturgische Eskapaden. Am Ende muss Jonas lernen, die Last von seinen Schultern zu nehmen und sein eigenes Leben zu leben. Zuvor fragt er seine Mutter: „Wie hältst du das eigentlich aus mit einem Schizophrenen?“ Ihre Antwort, ein Heilmittel, das kein Arzt verordnen kann: „Ich liebe ihn.“ Filmstart war der 9. Oktober.

Falk Osterloh

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