ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2014Schmerzmedizinische Gutachten: Rollenkonflikt im Grenzbereich

MEDIEN

Schmerzmedizinische Gutachten: Rollenkonflikt im Grenzbereich

Dtsch Arztebl 2014; 111(46): A-2022 / B-1720 / C-1646

Wirz, Stefan

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

In Deutschland lassen sich mehr als 50 Prozent aller Frühberentungen auf schmerzhafte Zustände zurückführen. Dieser Frühberentung geht ein gutachterlicher Prozess voraus. Somit kommt einem „Gut“achten eine erhebliche Bedeutung im Sinne sozialmedizinischer Verantwortung zu.

Wie wird denn ein Gutachten effizient und wahrheitsgetreu durchgeführt? Obwohl seit 2005 mehrfach überarbeitete AWMF-Leitlinien zu diesem Thema existieren, bestehen immer noch große Unsicherheiten bei der Erstellung eines schmerzmedizinischen Gutachtens. Dies kann man an der Tatsache erkennen, dass sich Gutachten bei ein und demselben Patienten häufig widersprechen oder dass fehlerhafte und unvollständige Antworten auf gutachterliche Fragen gegeben werden. Ein Grund dafür ist wiederum, dass eine Begutachtung für den ärztlichen Gutachter eine ambivalente Situation hervorrufen kann: Es entsteht ein Rollenkonflikt im Grenzbereich der therapeutischen Funktion und des gutachterlichen Auftrags, der von nichttherapeutisch orientierten Institutionen wie Gerichten, Versicherungsgesellschaften oder Sozialleistungsträgern ausgeht.

Anzeige

Genau auf diesem Feld setzt das Lehrbuch an. Es beschreibt in klar gegliederter und didaktisch gut aufbereiteter Form, wie man eine Begutachtung lege artis durchführt. Keine Angst – dieses Buch ist dabei mitnichten trockener oder langweiliger Stoff. Fallbeispiele illustrieren den Lehrinhalt, und man glaubt tatsächlich, man kenne den beschriebenen Patienten aus dem eigenen Praxisalltag. Dabei kommt der Interdisziplinarität eine hohe Bedeutung zu. Ein schmerzmedizinisches Gutachten, das den Namen im Wortsinne verdient, benötigt die Beteiligung verschiedener Fachrichtungen, angefangen vom Orthopäden bis zum Psychosomatiker, der die Befunde eines Patienten nach klaren Regeln ordnet und evaluiert. Die Werkzeuge dazu werden in diesem Buch detailliert aufgeführt, zum Beispiel in Form von empfohlenen Fragebogeninventaren, Checklisten und Untersuchungsformblättern. Dies ist dann wiederum hilfreich bei gutachterlichen Fragestellungen wie: Besteht eine willentliche Beeinflussung der Schmerzsymptomatik? Gibt es einen sekundären Krankheitsgewinn? Ist die vom Patienten angegebene Funktionseinschränkung glaubwürdig?

Insofern: ein gutes Buch. Ein Buch, welches nicht nur für den Gutachter hilfreich ist, sondern für jeden Kollegen, der mit Schmerzpatienten umgeht. Man kann die Lektüre nur empfehlen. Stefan Wirz

Ulrich T. Egle, Bernd Kappis, Ulrich Schairer, Cornelis Stadtland (Hrsg.): Begutachtung chronischer Schmerzen. Urban & Fischer, Elsevier, München 2014, 244 Seiten, gebunden, 69,99 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema