ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2014Ärztliche Ausbildung: Naturwissenschaftliche Expertise als Basis
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. . . Die klassische Medizin ist ja nur als ein Teil eines viel weiter zu fassenden Verständnisses von Krankheit, Heilung und Gesundheit aufzufassen. Die Humanmedizin ist nicht nur eine Natur-, sondern auch eine Geistes- und Kulturwissenschaft. Als Wissenschaft steht sie in untrennbarem Zusammenhang mit der ökonomischen und politischen Entwicklung einer Gesellschaft. Das Studium der Humanmedizin bedarf deshalb insbesondere auch einer geistigen und ethischen Orientierung der Studenten. An den vielen Beispielen der erbittert geführten Auseinandersetzungen um große Entdeckungen und Erfindungen zeigt die Geschichte der Medizin eindrucksvoll das Zusammenspiel zwischen medizinischer Innovation und den gesellschaftspolitischen und sozialen Gegebenheiten. Unsere Studenten müssen lernen, dass das Rüstzeug, was wir ihnen mit auf den Weg geben, auch genutzt werden muss, um Lehrmeinungen, Autoritäten und Methoden kritisch zu hinterfragen . . .

Eine Verzahnung von klinischen und vorklinischen Lerninhalten erscheint durchaus sinnvoll und einem besseren pathophysiologischen Verständnis von Krankheitsentstehung und -komplexität entsprechend. Die Beurteilung des histologischen Präparates macht im Kontext mit dem Wissen um die eigentliche Erkrankung und das betroffene Organ mehr Sinn und Transparenz. Es sollte jedoch beachtet werden, dass die Etablierung fächerübergreifender, organ- und themenzentrierter Module nicht zu einer Überfrachtung mit Lehrstoff und die Kleinteiligkeit der Modularisierung nicht zu einer Pulverisierung führen. Es kann auch nicht in unserem Interesse liegen, im Studium bereits Inhalte der Facharztkataloge abzufragen und den Studierenden den letzten Freiraum für eine individualisierte Profilbildung zu nehmen. Die Basis des humanmedizinischen Studiums muss zweifellos die naturwissenschaftliche Expertise bleiben. Ob das Spannungsfeld von Öko­nomi­sierung und Wirtschaftlichkeit im Krankenhaus oder die Komplexität der medizinischen Versorgungsaufträge als Themeninhalte bereits Einzug in das Medizinstudium finden müssen, mag dahingestellt bleiben.

Es ist erstaunlich, wie sehr sich die sprachlichen Termini hinsichtlich der Novellierung der Approbationsordnung und der Weiterentwicklungsstruktur des Studiums der Humanmedizin ins Technokratische verändert haben. Die Empfehlungen werden von Begrifflichkeiten wie Kompetenzorientierung, bidirektionaler Integration, Tuning-Projekten und interprofessioneller Ausbildung geprägt. Die Lehre ausschließlich auf einen Lernzielkatalog reduzieren zu wollen, wird dem akademischen Anspruch des Studiums der Humanmedizin nicht gerecht. Es darf in der Humanmedizin nicht zu einer Verschulung des Studiums kommen und auch nicht zu einem Konkurrenzkampf der universitären Fächer hinsichtlich der Etablierung ihrer vielfältigen Lerninhalte. Es muss bei allem um die Fokussierung auf das Wesentliche gehen, nicht um die Verwirklichung von Partikularinteressen! Peter von Wichert hat Recht, wenn er die medizinische Ausbildung dadurch in Gefahr sieht, dass sich die neu festgelegten Lernziele des Lernzielkatalogs nicht mehr zu einem Ganzen zusammenfügen lassen . . .

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Prof. Dr. med. Ulrich Koehler, Klinik für Innere Medizin, Pneumologie, Intensiv- und Schlafmedizin, Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, 35043 Marburg

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