ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2014Arbeitsmedizin: Franz Xaver Koelsch, der rastlose Untersucher

MEDIEN

Arbeitsmedizin: Franz Xaver Koelsch, der rastlose Untersucher

Dtsch Arztebl 2014; 111(46): A-2024

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Württemberg, Baden und schließlich Bayern waren die ersten Länder im Deutschen Reich, die einen Arzt für die medizinische „Fabrikaufsicht“ bestellten, nämlich 1904, 1905 und 1908. Erster Landesgewerbearzt in Bayern wurde ein praktischer Arzt aus dem Fichtelgebirge, Franz Xaver Koelsch, der nebenbei arbeitsbedingte Erkrankungen in der örtlichen Glas- und Textilindustrie beschrieben hatte. In seinem neuen Amt hatte er alsbald und über Jahrzehnte mit der BASF im (damals bayerischen) Ludwigshafen und den spezifischen Erkrankungen in der boomenden Chemieindustrie zu tun. Aber auch weit darüber hinaus war er ein gefragter, rastlos untersuchender und publizierender Experte. Trotz mehrerer Professuren (a.o., apl. h.c.) galt er im Universitätsbetrieb weniger als Wissenschaftler denn als Praktiker.

Was nicht hindert, dass Franz Koelsch einer der Pioniere der Arbeitsmedizin in Deutschland gewesen ist. Das geht aus der Biografie von Gine Elsner hervor, der früheren Direktorin des Instituts für Arbeitsmedizin an der Universität Frankfurt. Sie hat sich in Koelschs Publikationen gründlich eingelesen und die Archive durchforstet. Detailreich und betont kritisch stellt sie dessen arbeitsmedizinischen, sozialen und politischen Einstellungen dar. Elsner steht den Gewerkschaften nahe und bevorzugt einen sozialmedizinischen Ansatz. Koelsch hingegen lässt soziale Lage und Arbeitsumwelt als Ursachen von Berufskrankheiten zwar gelten, hält aber die „erbliche Belastung“, die „Konstitution“ letztlich für ausschlaggebend. Ein solches biologisches Erklärungsmodell kam den Unternehmern entgegen, wenn es galt, Entschädigungen oder Renten zu zahlen. Es schlug sich (und schlägt sich bis heute) auch in den Listen der Berufskrankheiten gemäß Berufskrankheitenverordnung nieder, die Koelsch mit beeinflusst hat. Anhand der Biografie lässt sich nachempfinden, wie zäh die Auseinandersetzungen um die Aufnahme einer Erkrankung in die Liste verlaufen sind und immer noch verlaufen.

Anzeige

Die Betonung der „Konstitution“ kam auch den Nationalsozialisten entgegen, sie passte in deren Leistungsideologie. Dem NS scheint Koelsch indes nicht eng verbunden gewesen zu sein. Er arrangierte sich, soweit es ihm nützte, begrüßte auch die Förderung der Gewerbemedizin, blieb aber der Alte. Ein Grund für Koelschs freundliche Distanz zum Regime dürfte gewesen sein, dass er von sich selbst und seiner Bedeutung für die Arbeitsmedizin überzeugt war, ganz gleich, ob er unter Prinzregent Luitpold, dem NS oder dem Freistaat Bayern nach 1945 diente. Bezeichnend für seine Selbsteinschätzung ist, dass er sich im 80. Lebensjahr selbst um einen hohen Orden bewarb. Er würde sich außerordentlich freuen, seitens des Bayerischen Staates „endlich eine Anerkennung“ zu bekommen, teilte er dem Kultusminister mit. Unverzüglich bekam er das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik, kurz darauf noch den (viel selteneren) Bayerischen Verdienstorden. An dem konnte er sich noch zwölf Jahre erfreuen. Norbert Jachertz

Gine Elsner: Staatstragende Arbeits-medizin. Franz Xaver Koelsch (1876–1970) – Bayerischer Gewerbearzt von der Monarchie bis zur Bundesrepublik. VSA, Hamburg 2014, 430 Seiten, gebunden, 29,80 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema