ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2014Ambulante Vergütung: Konkurrenzfähiges Honorar gefordert

POLITIK

Ambulante Vergütung: Konkurrenzfähiges Honorar gefordert

Dtsch Arztebl 2014; 111(47): A-2043 / B-1739 / C-1663

Osterloh, Falk

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Das Einkommen niedergelassener Ärzte sollte kein Zufall sein, fordert Ökonom Neubauer und errechnet ein „angemessenes Arzteinkommen“. Ein solches will die KBV durch eine adäquate Bewertung der ärztlichen Arbeitszeit ermitteln.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat eine angemessene Bezahlung ambulanter ärztlicher Arbeit gefordert, denn diese sei heute nicht gegeben. Wenn die Preise für arbeitszeitgebundene Dienstleistungen konstant gehalten würden, wie es im Gesundheitswesen infolge der Beitragssatzstabilität geschehe, komme es zu einer schleichenden Entwertung der ärztlichen Arbeitszeit, betonte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Andreas Gassen, auf der Fachtagung „Wert und Bewertung ärztlicher Arbeitszeit“ des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) am 12. November in Berlin. Er kritisierte, dass die Geldentwertung infolge der Inflation seit 2008 9,5 Prozent betrage, der Orientierungswert jedoch nur um 3,6 Prozent gestiegen sei. Real hätten vertragsärztliche Leistungen damit seit 2008 an Wert verloren.

Konkreter wurde der Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomik, Prof. Dr. rer. pol. Günter Neubauer, der das Einkommen eines niedergelassenen Arztes mit dem Gehalt eines Oberarztes im Krankenhaus verglich. Dessen Gehalt liege je nach Krankenhausträger und zusätzlichem Einkommen zwischen 110 000 und 146 000 Euro im Jahr, rechnete er vor. Im ambulanten Bereich liege der kalkulatorische Arztlohn nach Einheitlichem Bewertungsmaßstab (EBM) hingegen bei 105 000 Euro. „Man könnte nun sagen, diesen Betrag gleichen die Einnahmen aus der privaten Kran­ken­ver­siche­rung aus“, sagte Neubauer. Das gelte vielleicht für München, aber nicht für zahlreiche andere Regionen.

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„Das Einkommen niedergelassener Ärzte sollte in deren Honorar einkalkuliert werden, so dass die Höhe des Einkommens kein Zufall ist“, forderte Neubauer und präsentierte ein von ihm errechnetes „angemessenes Arzteinkommen“, in dem er sowohl das wirtschaftliche Risiko berücksichtigt hat, das niedergelassene Ärzte als Unternehmer tragen, als auch das Einkommen vergleichbarer akademischer Berufe (siehe Grafik). Als angemessen bewertete Neubauer demnach ein Einkommen zwischen 159 000 und 175 000 Euro pro Jahr.

Die Einkünfte anderer freier Berufe zeigte Gesundheitsökonom Neubauer zum Vergleich. Notare und Patentanwälte liegen vorn.
Die Einkünfte anderer freier Berufe zeigte Gesundheitsökonom Neubauer zum Vergleich. Notare und Patentanwälte liegen vorn.
Grafik
Die Einkünfte anderer freier Berufe zeigte Gesundheitsökonom Neubauer zum Vergleich. Notare und Patentanwälte liegen vorn.

Hinzu kommen ein Ausgleich der regionalen Unterschiede sowie die Kosten für eine „synthetische Musterpraxis“. Das Soll-Honorar eines niedergelassenen Arztes müsste demnach zwischen 346 000 und 363 000 Euro liegen. „Das ist etwa 44 Prozent mehr als ein Hals-Nasen-Ohrenarzt in Bayern im Durchschnitt verdient“, sagte der Münchner Gesundheitsökonom.

Es gehe nicht darum, Ärzte reich zu machen, bekräftigte er. Es gehe darum, Ärzten ein Honorar zu zahlen, das konkurrenzfähig sei. „Unter Ökonomen dürfte kein Zweifel bestehen“, sagte auch Gassen, „dass Phänomene wie ein zunehmendes Angebot von Individuellen Gesundheitsleistungen oder die terminliche Bevorzugung von Privatpatienten durch den Preisverfall im Bereich der vertragsärztlichen Versorgung erklärt werden können.“

Er schlug vor, die jährliche Festsetzung des Orientierungswertes zu ergänzen. Neben die Entwicklung der Betriebs- und Investitionskosten müsse als weiteres Kriterium auch die Bewertung der ärztlichen Arbeitszeit treten. Zurzeit liege der Stundenlohn für Ärzte bei 53 Euro. Das sei nicht übermäßig hoch. „Wir müssen offen darüber diskutieren, welcher Stundenlohn angemessen ist“, forderte Gassen, „zum Beispiel im Vergleich zu Steuerberatern oder Architekten, deren Stundenlöhne deutlich höher liegen als 53 Euro.“

Dr. Manfred Partsch vom GKV-Spitzenverband war anderer Ansicht: „Wir sind nicht dafür verantwortlich, freiberuflich tätigen Ärzte ein hohes Einkommen zu zahlen, sondern die Versorgung sicherzustellen.“ Und das funktioniere gut.

Falk Osterloh

Die Einkünfte anderer freier Berufe zeigte Gesundheitsökonom Neubauer zum Vergleich. Notare und Patentanwälte liegen vorn.
Die Einkünfte anderer freier Berufe zeigte Gesundheitsökonom Neubauer zum Vergleich. Notare und Patentanwälte liegen vorn.
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Die Einkünfte anderer freier Berufe zeigte Gesundheitsökonom Neubauer zum Vergleich. Notare und Patentanwälte liegen vorn.

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Götz Braun
am Freitag, 16. Januar 2015, 11:02

Wie wäre es mit Solidarität der Ärzteschaft auch in der Honorarfrage?

Es wird im Artikel ausschließlich vom durchschnittlichen Gewinn der Ärzteschaft gesprochen. Der sieht doch gar nicht so schlimm aus. Eine gesellschaftliche Fehlentwicklung kann daraus m. E. nur schwerlich abgeleitet werden. Zumal die Unterschiede in den Erlösen so dramatisch sind, dass es allen Widersachern in der Frage Honorare der Ärzteschaft leicht gemacht wird, eine "Alles in Ordnung Botschaft" zu senden.
Ich denke es ist an der Zeit das Ungleichgewicht in der Verteilung der Honorar endlich zu nivellieren. Schließlich sind die KVen ja zur Verteilungsgerechtigkeit gesetzlich gezwungen. Dann würde die politische Argumentation in der Frage der gesellschaftlichen Gerechtigkeit der Honorare sicherlich deutlich mehr Gewicht bekommen.
Ich frage mich immer wieder, wie es angehen kann, dass wesentliche Teile der Ärzteschaft mit einem bescheidenen bis jämmerlichen Honorar abgespeist werden, ohne dass es zur Solidarität unter diesen benachteiligten Gruppen kommt. Das die Gewinner der Verteilungsungerechtigkeit nicht umgekehrt anbieten, von ihren Honorar abzugeben, kann man ja leicht nachzuvollziehen.
Es sollte doch möglich sein, dass es in den KV-Parlamenten zu Koalitionen in der Honorarfrage kommt all derer, die sich berechtigter Weise von den eigenen Kollegen benachteiligt fühlen (dürfen). Denn die KVen haben sehr wohl die Möglichkeit, Honorar zwischen den Töpfen zu verschieben, sobald das Parlament dafür grünes Licht gibt.
Ich würde mir sehr eine fundierte Diskussion mit den benachteiligten Gruppen wünschen.

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