ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2014Hochschulmedizin: „Geht nicht, gibt’s nicht bei uns“

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Hochschulmedizin: „Geht nicht, gibt’s nicht bei uns“

Dtsch Arztebl 2014; 111(47): A-2048 / B-1742 / C-1666

Flintrop, Jens; Grunert, Dustin; Richter-Kuhlmann, Eva; Stüwe, Heinz

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Die 33 Universitätsklinika und 37 medizinischen Fakultäten setzten in der zweiten Novemberwoche ein bundesweites Zeichen gegen das „wachsende Ungleichgewicht von Spitzenleistungen und immer schlechterer Vergütung“.

365 Tage im Jahr für alle Notfälle bereit – insbesondere nachts und an Wochenenden sind die Notaufnahmen der Uniklinika stark beansprucht.
365 Tage im Jahr für alle Notfälle bereit – insbesondere nachts und an Wochenenden sind die Notaufnahmen der Uniklinika stark beansprucht.

Die Universitätsklinika haben im Rahmen einer Aktionswoche Bund und Länder in zahlreichen Aktionen und Veranstaltungen aufgefordert, Maßnahmen gegen die drängenden wirtschaftlichen Probleme der Hochschulmedizin und den Verfall der Infrastruktur zu ergreifen. „Die finanzielle Situation vieler hochschulmedizinischer Einrichtungen ist dramatisch“, betonte Ralf Heyder, Generalsekretär des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands (VUD), am 10. November in Berlin. Für das laufende Jahr erwarteten knapp zwei Drittel der Uniklinika (19 Häuser) ein Defizit. Nur noch fünf Häuser rechneten mit einem positiven Jahresergebnis. Damit verzeichneten die Uniklinika bereits im dritten Jahr ein kollektives Defizit. „Das Gesamtdefizit für die Jahre 2012 und 2013 liegt bei über einer Viertelmilliarde Euro“, erläuterte Heyder.

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Ursachen der Finanzierungskrise sind nach Angabe von Gunter Gotal, Kaufmännischer Vorstand der Universitätsmedizin Greifswald und Vorstandsmitglied des VUD, ständig steigende Kosten für Personal, Medikamente und Energie, rückläufige Investitionszuschüsse der meisten Bundesländer sowie eine unzureichende Kompensation für Mehrleistungen der Uniklinika. „Fast alle Krankenhäuser leiden unter der Unterfinanzierung. Doch die Universitätsklinika sind durch die Kopplung von Krankenversorgung, Forschung und Lehre besonders betroffen“, betonte Gotal. Prof. Dr. med. Annette Grüters-Kieslich, Vizepräsidentin des Medizinischen Fakultätentages (MFT) und Dekanin der Charité – Universitätsmedizin Berlin, ergänzte: „Neben der Krankenversorgung sind wir zuständig für die Ausbildung der Ärzte von morgen und für die ärztliche Weiterbildung, für eine internationale Spitzenforschung, die Versorgung komplexer und seltener Erkrankungen sowie für eine 24/7-Notfallversorgung.“ Zudem stellten die Hochschulambulanzen vielerorts die ambulante Krankenversorgung sicher, obwohl sie gesetzlich nur zur Behandlung von Patienten im Rahmen von Forschung und Lehre verantwortlich seien, so MFT-Generalsekretär Dr. med. Volker Hildebrandt.

Die schwierige Lage der nordrhein-westfälischen Hochschulmedizin stellten Vorstände und Klinikdirektoren am 14. November in Düsseldorf dar: Die Uniklinika in Bonn, Düsseldorf, Essen und Münster hätten 2013 insgesamt mehr als 40 Millionen Euro Verlust gemacht, nur Aachen und Köln seien knapp in der Gewinnzone gewesen. „Wir brauchen Hilfe von der Politik. Ansonsten ist ein Eckpfeiler der medizinischen Versorgung bedroht“, warnte Prof. Dr. rer. nat. Stefan Uhlig, Dekan der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen. Allein 80 Prozent der Patienten mit seltenen Erkrankungen würden an Unikliniken behandelt, betonte Uhlig.

Die letzte Anlaufstelle

Zu einem besonderen Magneten für Patienten aus ganz Deutschland mit langen Leidensgeschichten wegen unerkannter, weil unbekannter Krankheiten hat sich das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) entwickelt. Das Klinikum sorgte im letzten Jahr für Schlagzeilen, als es das Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen (ZusE) einrichtete. Ärzte und Patienten können hier seither die Akten von Fällen mit offener Diagnose einsenden. „Wir sehen das Ganze mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagte Dr. med. Gunther K. Weiß, kaufmännischer Geschäftsführer am UKGM in Marburg am 14. November im ZusE: „Auf der einen Seite zeichnet uns das aus und ehrt uns. Auf der anderen Seite müssen die Kostenträger diese Dienstleistung bisher relativ unentgeltlich anbieten.“ Das Finanzierungssystem sei nicht auf die komplizierten Fälle ausgerichtet, bei denen durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit, Labordiagnostik und lange Liegezeiten hohe Kosten entstehen könnten.

„Wir leisten mehr“, lautete das Motto der Aktionswoche. Hier zeigt Ingo Gräff der Presse, wie im Interdisziplinären Notfallzentrum des Uniklinikums Bonn gearbeitet wird. Fotos: picture alliance/Mika Volkmann für Deutsches Ärzteblatt
„Wir leisten mehr“, lautete das Motto der Aktionswoche. Hier zeigt Ingo Gräff der Presse, wie im Interdisziplinären Notfallzentrum des Uniklinikums Bonn gearbeitet wird. Fotos: picture alliance/Mika Volkmann für Deutsches Ärzteblatt

Der Bedarf nach dem Angebot des ZusE scheint groß: „Mehr als 3 000 Patientenanfragen landeten bisher bei uns auf dem Tisch“, erklärte Leiter Prof. Dr. med. Jürgen Schäfer, „und das sind keine E-Mails und Anrufe, sondern dicke Aktenpakete.“ Jeden Dienstag um 14 Uhr setzt sich das zehnköpfige Team um den Kardiologen Schäfer für ein bis zwei Stunden zusammen und bespricht mehrere Patientenakten. „Manchmal lässt sich die Erkrankung schon durch die Befunde aus den Krankenakten eingrenzen. Wir empfehlen dann, worauf man testen sollte und wo man genauer hinschauen muss“, erläutert Schäfer. Viele Fälle seien aber auch nicht so schnell zu lösen. Die Patienten müssten dann persönlich in Marburg vorstellig werden.

So war es auch bei einem Patienten, der letztendlich wohl der Auslöser für die Gründung des Zentrums war. Der 55-Jährige Mann wurde innerhalb von eineinhalb Jahren nahezu blind, taub und herzschwach. Insgesamt verbrachte er vier Monate in verschiedenen Kliniken, bis die US-Fernsehserie „Dr. House“ Schäfer auf die richtige Fährte führte. Dem Mann war ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt worden, das nun defekt war und – ähnlich wie in der Serie – zu einer Kobaltvergiftung führte. Nachdem das Gelenk ausgetauscht worden war, erholte sich der Mann von den Beschwerden. Bei Schäfer, inzwischen als „deutscher Dr. House“ bekannt, häuften sich in der Folge die Kollegenanfragen zu Patienten, die Rätsel aufgaben. Als klar wurde, wie viele ungeklärte Krankheitsfälle es bundesweit gibt, entschied der private Betreiber des UKGM, die Rhön Klinikum AG, zur Gründung des prestigeträchtigen Zentrums.

Retten rund um die Uhr

„Drastisch unterfinanziert“ ist nach Darstellung von Prof. Dr. med. Wolfgang Holzgreve, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Uniklinikums Bonn, auch die Notfallversorgung. Während sich immer mehr Krankenhäuser in den Nachtstunden und an Wochenenden von der Notfallversorgung abmeldeten, müssten die Uniklinika an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr Fachärzte aller Disziplinen verfügbar haben, sagte er am 12. November in Bonn.

„Wir schicken hier keinen Patienten weiter“, betonte Dr. med. Ingo Gräff, Leiter des Interdisziplinären Notfallzentrums (INZ) am Uniklinikum Bonn: „Geht nicht, gibt’s nicht bei uns.“ Seit der Eröffnung im Jahr 2008 nehme das INZ immer mehr eine Schlüsselfunktion bei der Notfallversorgung in der Region ein. Die Zahl der Patienten nehme jährlich um fünf bis zehn Prozent zu, nach 22 000 Patienten im Jahr 2010 werde man in diesem Jahr mehr als 30 000 Patienten behandeln. Gräff: „Die ambulante Notfallversorgung findet inzwischen hauptsächlich im Krankenhaus statt.“ Gefragt, woran das liegt, verweist der Anästhesist auf die zunehmende Zahl älterer multimorbider Patienten, aber auch auf ein Umdenken in der Gesellschaft: „Aus Angst um ihren Arbeitsplatz gehen heute viele Leute werktags nicht mehr tagsüber zum Arzt.“ Daraus ergäben sich dann die Belastungsspitzen in den Abendstunden und am Wochenende.

Das Problem sei die „historisch bedingte Unterfinanzierung“ der ambulanten Notfallversorgung, unterstrich Holzgreve. Die Politik habe den Uniklinika zwar die Ambulanzen für ihre Aufgaben in Forschung und Lehre zugestanden, aber zugleich die Vergütung nicht auskömmlich angelegt, damit den niedergelassenen Ärzten keine Konkurrenz entstehe. Holzgreve: „Diese politische Entscheidung ist nicht mehr zeitgemäß.“ Die Unterdeckung je ambulantem Patienten im INZ belaufe sich auf durchschnittlich 100 Euro. Für stationäre Notfälle forderte Holzgreve einen Vorhaltezuschlag auf die Fallpauschalen, für die ambulanten Notfälle müssten die Pauschalen deutlich angehoben werden.

Die Vorstände und Klinikdirektoren der nordrhein-westfälischen Unikliniken stellten in Düsseldorf klar, dass sie eine eigenständige Finanzierungssäule für die besonderen Leistungen der Universitätsmedizin fordern, jedoch keinen Preiszuschlag beispielsweise für Extremkostenfälle. Denn Fehlanreize wie ein Wettbewerb um solche Fälle müssten vermieden werden. Besonders eindringlich verlangen sie vom Land Nordrhein-Westfalen Maßnahmen gegen den Investitionsstau. Die Unikliniken könnten im Durchschnitt acht Prozent ihres Umsatzes investieren, nötig seien aber mindestens zwölf Prozent, sagte Christoph Hoppenheit, Kaufmännischer Direktor des Uniklinikums Münster.

„Die Gesundheitspolitik ist unserem Ruf nach einem Systemzuschlag, der als eigenständige Finanzierungssäule die Leistungen der Universitätsmedizin in besonderer Weise gewichtet, leider nicht gefolgt“, sagte VUD-Generalsekretär Heyder in Berlin mit Blick auf den Koalitionsvertrag der Großen Koalition. Stattdessen solle über vier Einzelthemen – Hochschulambulanzen, Extremkosten, Notfallversorgung, Zentrenzuschläge – die Finanzierung der Hochschulmedizin gesichert werden. Heyder: „Der VUD und der MFT werden sich aber bei der Ausgestaltung von Einzellösungen aktiv einbringen.“

Jens Flintrop, Dustin Grunert,
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann, Heinz Stüwe

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