ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2014Buddy-Coaching: Den Kollegen weiterentwickeln

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Buddy-Coaching: Den Kollegen weiterentwickeln

Dtsch Arztebl 2014; 111(47): [2]

Kruckeberg, Katja

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Alltags-Coaching unter Kollegen („Buddys“), die sich gegenseitig unterstützen und unter die Arme greifen, kooperativ und partnerschaftlich: Das ist mehr als eine sozialromantische Utopie im real existierenden Berufsleben.

Foto: Fotolia/Jan Becke

Unterstützung unter Kollegen, die sich auf derselben Hierarchieebene befinden, hat es schon immer gegeben. Es lassen sich jedoch weitaus effektivere Möglichkeiten der kreativen Kooperation unter Kollegen verwirklichen, wenn der Arzt systematisch vorgeht.

Von Buddy-Coaching sprechen wir, wenn ein Kollege mit dem anderen ein Gespräch mit der Zielsetzung führt, ihn bei der Lösung eines beruflichen Problems zu unterstützen, eine Schwäche abzumildern oder ein persönliches Ziel zu erreichen.

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Kollegen-Coaching unterscheidet sich von dem lockeren Austausch im Klinik-Bistro. Der Buchtitel zum Thema, „Tausche Abendessen gegen Coaching“, bringt es auf den Punkt: Es geht darum, sich gezielt unter Kollegen zu unterstützen und sich hierfür bewusst außerhalb des Arbeitsalltags Zeit zu nehmen. Der Fokus eines solchen Gesprächs richtet sich für einen vorher verabredeten Zeitpunkt ganz und gar auf das Anliegen einer Person. So entsteht eine asynchrone Gesprächsstruktur, die einer Beratungssituation ähnelt, bei der sich Menschen, die einander vertrauen, mit dem Ziel der Weiterentwicklung eines Beteiligten austauschen. Während der eine Kollege als beratender Coach fungiert, nimmt der andere die Rolle des zu beratenden Coachees ein. Schon ein einziges Gespräch dieser Art führt oft zu überraschenden Ergebnissen wie innerer Klarheit und Mut zum Handeln.

Damit Kollegen-Coaching möglich ist, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. Vor allem sollte zwischen den Teilnehmern ein Vertrauensverhältnis existieren, denn beim Buddy-Coaching werden zuweilen auch privat-persönliche Themenfelder berührt. Ein Beispiel: Es geht um eine Ärztin, die sich beruflich weiterentwickeln möchte, aber nicht weiß, welche Richtung sie einschlagen möchte, weil sie ihre beruflichen Ambitionen auch mit ihrer Rolle als Mutter von drei Kindern vereinbaren können muss. Hier kann ein Gespräch mit einer Kollegin weiterhelfen, der es gelungen ist, Karriere und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Die Spielregeln kennen und akzeptieren

Eine weitere Voraussetzung ist, dass die Beteiligten vorab die Spielregeln des Buddy-Coaching akzeptieren und festlegen: Sie kennen diese Form der kreativen Kooperation und sind angetrieben von dem Wunsch, Erfahrungen auszutauschen und sich zu unterstützen. Im Mittelpunkt steht nicht der unverbindliche Austausch, sondern eine konkrete Aufgabenstellung wie: Die Ärztin Martina Müller will dem Kollegen Axel Meyer helfen, mit einem individuellen Problem besser umzugehen. Dazu setzen sie sich in Ruhe zusammen – am besten außerhalb des Arbeitsplatzes, also nicht in der Klinik oder der Praxis.

Eine Alternative besteht darin, dass sich zwei – oder auch mehrere – Ärzte in einem festen Rhythmus, etwa alle sechs bis acht Wochen, zusammenfinden und sich gegenseitig coachen, ohne die Themen vorher konkret festzulegen.

Kollegen-Neid hat – natürlich – beim Buddy-Coaching keine Chance. Im Gegenteil: Die Teilnehmer sind von der Idee beseelt, dass die Kooperation der Konfrontation überlegen ist und hilfsbereite und großzügige Menschen, die auf Partnerschaftlichkeit vertrauen, letztendlich mehr Erfolg haben als egoistische und durchsetzungsorientierte Ellbogentypen. Das Prinzip „tausche und teile“, so zeigt die Erfahrung, scheint gerade bei Mitgliedern der sogenannten Generation Y als Option des kollegialen Umgangs immer mehr Anhänger zu finden.

Die jüngeren Mitarbeiter lieben ihre Unabhängigkeit und das eigenständige Arbeiten und lehnen Bevormundung und starre Hierarchien ab. Darum ist für sie Weiterentwicklung durch Kollegen-Coaching, das auf derselben Hierarchieebene stattfindet, oft eine willkommene Option.

Buddy-Coaching verlangt von den Teilnehmern Selbstdisziplin und kommunikatives Geschick. Aktiv zuhören und Fragen stellen – das ist zielführender als das monologisierende Erteilen vermeintlich wohlmeinender Ratschläge. Es hilft, wenn der coachende Kollege die GROW-Kommunikationstechnik beherrscht, mit der er den Dialog strukturiert: Dabei werden zunächst in der Goal-Phase das Thema und das Wunschziel formuliert. Wenn der Kollege beispielsweise ein Problem mit dem Oberarzt hat, kann das Wunschziel des Coaching lauten: Der Kollege versteht den Konfliktgrund besser und kann so mögliche Alternativen für die Konfliktlösung erarbeiten. Im Realitäts-Check (Reality) erfolgt die Klärung der aktuellen Situation: Warum überhaupt geraten Oberarzt und Coachee aneinander?

In der Optionsphase (Options) schließlich erarbeiten die Teilnehmer in einem Brainstorming Lösungsalternativen und wägen das Für und Wider der verschiedenen Möglichkeiten ab. Welcher Nutzen, welche Chancen eröffnen sich, welche Risiken entstehen, wenn der Kollege eigeninitiativ das Gespräch mit dem Oberarzt sucht? Oder ist es ratsam, die nächsthöhere Entscheidungsebene einzuschalten? In der vierten GROW-Phase (What?) stehen die konkreten Umsetzungsschritte und Umstände der Problemlösung im Vordergrund.

Die Kunst des Nein-Sagens erlernen

Es ist zielführend, wenn sich die Teilnehmer des Kollegen-Coachings mit einigen grundlegenden Coachingtools beschäftigt haben und in der Lage sind, gemeinsam ein Stärkenprofil zu entwerfen: Um dies herauszufinden, führen sie ein Stärkeninterview, bei dem die spezifischen Kompetenzen und Fähigkeiten des Coachees herausgestellt werden, die dieser selbst nicht so klar benennen kann wie der Kollege, weil ihm die Distanz zu sich selbst und zur eigenen Tätigkeit fehlt.

Und wenn der Coachee darunter leidet, nicht Nein sagen zu können und unter der Last von Zusatzaufgaben erstickt, verdeutlicht ihm der Kollege, wie er das „Nein-Sandwich“ kreiert: Dabei sagt er nicht einfach Nein, sondern lernt, das Nein zu begründen: „Meine aktuelle Arbeitssituation lässt das leider nicht zu“, und bietet eine konstruktive Alternative an: „Vielleicht ist es möglich, dass ein anderer Kollege ...“ Weil das Nein wie bei einem Sandwich zwischen Begründung und Alternative verpackt ist, fällt es vielen leichter, Nein zu sagen.

Und darum üben die Teilnehmer im Buddy-Coaching gemeinsam das für den Coachee außergewöhnliche Verhalten des Nein-Sagens sukzessive ein. Und vielleicht revanchiert sich der Kollege, der heute Hilfe zur Selbsthilfe erhalten hat, bei nächster Gelegenheit.

Dr. Katja Kruckeberg

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