ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1999Functional food: Zaubertränke der Moderne

POLITIK: Medizinreport

Functional food: Zaubertränke der Moderne

Dtsch Arztebl 1999; 96(13): A-830 / B-705 / C-670

Koch, Klaus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ernährungswissenschaftler sehen die Gefahr, daß minder-wertige Getränke und Lebensmittel nach Anreicherung dem Kunden als "gesundheitsfördernd" angeboten werden.


Es ist ein uralter Traum der Menschheit, Krankheiten zu vermeiden oder zu heilen, indem man einfach ein bestimmtes Lebensmittel verspeist. Nachdem in früheren Jahrhunderten die Hoffnungen schon einmal auf Zaubertränken ruhten, "wird die alte Idee nun von der modernen Nahrungsmittelindustrie aufgegriffen", beobachtet Helmut Streit, Direktor des Chemischen Untersuchungsamtes Mainz.
Functional food ist der bislang noch unscharf definierte Sammelbegriff für Lebensmittel, die die Lücke zwischen Nahrung und Medikament schließen sollen. Erste Vertreter gibt es schon: "Probiotische" Joghurts mit lebenden Bakterien und vitaminangereicherte Obstsäfte stehen bereits in den Läden, Margarine-Sorten mit cholesterinsenkenden pflanzlichen Zusätzen warten auf die europäische Zulassung. Gerhard Rechkammer von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe geht sogar davon aus, daß "in zehn Jahren die Hälfte der Lebensmittel als Functional food vermarktet wird".
Allerdings wurde auf einem von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung veranstalteten Seminar in Frankfurt deutlich, daß die Hoffnung auch weiterhin eine entscheidende Rolle bei der Kaufentscheidung für diese Produkte spielen wird. Derzeit liefern sich Industrie und Verbraucherschützer hinter den Kulissen der Europäischen Union noch ein heftiges Gerangel um die Definition, was solche Lebensmittel eigentlich sein sollen.
Gemeint sind meist Lebensmittel der täglichen Ernährung, die mit einzelnen Substanzen oder Organismen angereichert wurden, denen eine "gesundheitsfördernde" Wirkung zugetraut wird. Typisch ist, daß diese Lebensmittel nicht bei akuten Beschwerden helfen sollen, sondern auf eher langfristige Gesundheitsrisiken wie Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Krebs zielen. Schon allein diese Ausrichtung erschwert die Bewertung des Nutzens. "Diese Krankheiten sind immer das Ergebnis eines ganzen Bündels von Faktoren", sagt der Ernährungsforscher Prof. Helmut Erbersdobler von der Universität Kiel. "Wegnahme oder Hinzufügen eines Nahrungsmittels könne da nur vergleichsweise kleine Einflüsse haben."
Dennoch sind dem Einfallsreichtum kaum Grenzen gesetzt: Ernährungswissenschaftler vermuten, daß fast alle pflanzlichen und tierischen Nahrungsmittel neben den Hauptbestandteilen Protein, Kohlenhydraten und Fett auch Hunderte von Substanzen enthalten, die schwache, aber positive Wirkungen auf die Gesundheit haben können: neben Vitaminen auch bestimmte Fettsäuren, Ballaststoffe, Mineralien und andere Pflanzenbestandteile. Die Idee der Industrie ist, an diesen Substanzen arme Lebensmittel aufzuwerten, indem man ihnen solche Bestandteile zufügt.
Doch ob sich der Kauf solch eines in der Regel teureren Lebensmittels mit "Zusatznutzen" lohnt, ist aus mehreren Gründen fraglich. Der Ernährungsforscher Prof. Günther Wolfram von der TU München hat ernste Zweifel: "Wir gehen heute davon aus, daß beispielsweise Obst und Gemüse nicht wegen einzelner Substanzen gesund ist, sondern weil sie eine ausgewogene Mischung vieler Stoffe enthalten." Wenn einem Lebensmittel nur einer oder wenige dieser Bestandteile zugefügt werden, sei es deshalb noch lange nicht mit dem naturbelassenen Original vergleichbar.
Vor solchen fundamentalen Zweifeln am Konzept findet auf EU-Ebene ein Tauziehen darum statt, welche wissenschaftlichen Anforderungen ein Lebensmittel erfüllen muß, um das werbewirksame Etikett "gesundheitsfördernd" tragen zu dürfen. Sicher sei zumindest, sagt Rechkammer, daß die Anforderungen an funktionelle Lebensmittel "nicht die Standards von Arzneimitteln erreichen werden". Daran habe die Industrie kein Interesse, weil die nötigen Erprobungen Jahre dauerten und sehr teuer würden. Rechkammer: "Dann wären die Produkte auch so teuer wie Medikamente."
Peter Loosen, Rechtsanwalt beim Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde in Bonn - das ist eine Interessenvertretung der deutschen Nahrungsmittelproduzenten -, plädierte eher für Minimalkriterien. Im Prinzip soll jedes Lebensmittel, das mehr tut als sättigen, ein Etikett mit einem Hinweis auf diesen "Zusatznutzen" tragen dürfen. "Auch ein Apfel ist ein funktionelles Lebensmittel, weil er Vitamine enthält", sagt Loosen.
Allerdings forderten alle anderen in Frankfurt eingeladenen Experten wesentlich strengere Regelungen für die Zulassung und Kennzeichnung funktioneller Lebensmittel. Prof. Rolf Großklaus, Direktor des Bundesinstitutes für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin in Berlin, fordert, daß "die funktionellen Eigenschaften in klinischen kontrollierten Studien an Menschen hinreichend wissenschaftlich gesichert werden müssen".
Großklaus sorgt sich zudem um eine besonders subtile Falle, in die Verbraucher gelockt werden könnten, wenn man der Werbung erlaube, funktionelle Lebensmittel zu einem Synonym für "gesunde" Ernährung zu machen. Wie trügerisch dieser Glaube sein kann, verdeutlichen die mit der Vitaminkombination A, C und E angereicherten "ACE"-Getränke. Denn es sind bislang keineswegs hochwertige Fruchtsäfte, die die Industrie durch die Vitaminspritze attraktiver machen will. Alibi für minderwertige Lebensmittel
Angereichert werden vielmehr billigere Nektare, die nur etwa zur Hälfte aus Saft, zur Hälfte aber aus Wasser und Zucker bestehen. "Der Sinn kann nicht sein, minderwertigen Lebensmitteln ein Alibi zu verschaffen", sagt Großklaus. Ansonsten könnten die vermeintlich "gesundheitsfördernden" Lebensmittel sogar dazu führen, daß wirklich gesunde wie beispielsweise Obst und Gemüse verdrängt würden.
Auch Ebersdobler betonte deshalb die Position der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, daß funktionelle Lebensmittel nicht in der Lage sind, die Defizite einer unausgewogenen Ernährung auszugleichen: "Sie sind nur im Rahmen einer vollwertigen Ernährung empfehlenswert." Auf Nachfrage räumt er allerdings ein, daß jemand, der sich vollwertig ernährt, "auf diese Lebensmittel auch gut verzichten kann".
Im Klartext: Wer sich unausgewogen ernährt, der wird durch Functional food nicht spürbar gesünder. Und wer sich ausgewogen ernährt, der auch nicht. Klaus Koch

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige