ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1999Exorzismus: Teufel-Teamwork

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Exorzismus: Teufel-Teamwork

Dtsch Arztebl 1999; 96(13): A-834 / B-693 / C-647

Knapp, Heinz

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LNSLNS Der gegenwärtigen Fortschrittsbewegung im Vatikan entstammt die Idee, daß der Teufel seit Voltaires Zeiten zu viel Staub angesetzt habe und daß man ihn, renoviert und mit ein wenig "wissenschaftlichem" Lack versehen, aus der mittelalterlichen Rumpelkammer ziehen müsse. Padre Gabriel Amorth, Kommandeur der römischen antiteuflischen Spezial-Brigaden, der unter väterlichster Aufsicht bereits über 30 000 Menschen, überwiegend Frauen, exorziert hat und steigenden Zulauf verzeichnet, hat dafür, zwar nicht lupenrein feministisch, aber um so mehr gängig schmunzelwahr, das Motto ausgegeben: "Über die Frauen kommt der Teufel besser an die Männer heran . . ."
Ist das nun so ganz falsch? Hat nicht auch Charcot vorwiegend Frauen behandelt? Freilich, man sprach da von "Hysterie". Aber da sind wir modernen Psychos heute eben etwas weiter: man kann uns doch nicht mehr mit "Projektion in die Außenwelt" kommen. Das überschreitet einfach unsere Zuständigkeit. Nein, das projizierte Böse ist, wenn uns das die dafür zuständigen Glaubensexperten glaubhaft versichern, schlicht "leibhaftig", es ist in der Außenwelt vorhanden, es hüpft in Kröten, surrt in Fliegen, verbirgt sich in Steinen, und es injiziert sich plötzlich und heimtückisch in höchst hygienische Seelen, die daraufhin in unflätigstes Gebrüll ausbrechen und alles Entsetzliche nachholen, das sie bis dahin nicht abreagieren konnten.
Da hat man also vor kurzem das neue alte Exorzismus-Brevier herausgebracht, mit dem man nun allerorten den Teufelsglauben, der ja schon viel Gutes ausgebrutzelt hat, den einfachen Menschen wieder praktisch nahebringen und als Bindungsmittel der Organisation verfügbar machen will, für den Mann auf der Straße, und noch mehr natürlich: für die Frau in der Küche. In Italien werden bereits pro Jahr (nach Recherchen von delle Donne für 1994) etwa 200 Priester neu zum Teufelskampf eingesegnet. Doch weil immerhin die Gefahr droht, daß auch einmal ein Gehirntumor mit dem ansonsten so hochwirksamen Ruf "vade retro Satanas!" angegangen oder, wie in Deutschland 1976, gelegentlich eine Schizophrene in katatonen Marasmus gesteigert und ganzheitlich aus dem Leben ausgetrieben wird, soll - und das ist die wirklich sehr gescheite (zum Beispiel auch die Vorbehalte deutscher Bischöfe beseitigen sollende) neuzeitliche Idee des aufpolierten "Rituale Romanum" - in Zukunft im "teamwork" mit Psychiatern und Psychotherapeuten exorziert werden.
Zu diesem hoch moralischen Angebot erklärte der Berner Universitätspsychiater Professor Strick in einer Diskussion im Schweizerischen Rundfunk (auf die sich unser Bericht zum Teil stützt) sofort unbedenklich, er sei darüber "sehr erfreut". Die Vertreterin der Psychotherapie assistierte gar mit blankem Entzücken: Das Vorhaben sei "klar verständlich und gesund und logisch - es ist so sauber". Die Psycho-Experten sehen also keinen Pferdefuß. Sie sind offensichtlich überzeugt, sie würden schon, mit der Kraft konzentrierter Wissenschaftlichkeit, die Sache irgendwie auf das richtige Geleise schieben - wenn man sie nur freundlichst mitwirken lasse. Allerdings glaubt die Kirche das auch, in umgekehrter Richtung. Und hat sie nicht (wie Professor Strick in schier franziskanischer Selbstverdemütigung, allerdings auch in Vermeidung jeglicher kritischen Stellungnahme, heftig betonte) in Glaubensdingen das bessere Urteil?
Statt kritischer Distanz also Unisono-Beifall zum Teufel-Teamwork? Selbst dem wohlgesonnenen Moderator (unserer Funk-Diskussion) war’s bei so viel Einklang nicht recht geheuer. Er wandte sich an Strick und flehte geradezu um ein ganz klein bißchen Gegenposition zum diabolischen Kurs: "Empfinden Sie diese Diskussion nicht doch auch ein bißchen seltsam, etwas abgehoben . . . bewegt sich die Psychiatrie in ähnliche Richtung?" Doch Strick hielt sich unverstrickt: Wissenschaft kann nicht "auf alles" antworten, "Fragen aus dem Glauben" gehören nun mal nicht in die Zuständigkeit des Berufs, vielmehr: "Wir müssen handeln." Allerdings, so räumte er schließlich - Anfall von Tollkühnheit gegen alle guten Vorsätze? - ein, der Teufel sei in den "Psychiatrielehrbüchern" eigentlich nicht vorgesehen.
Friede, Freude, Eierkuchen. Nur: Eier enthalten viel teuflischen Schwefel. Und Wissenschaft, vor allem Seelenkunde, ist nicht frei von philosophischen Prämissen, auch wenn das im Werkeln des Alltags aus dem Blick kommen mag. Ist der Psychiater - wie in der griechischen Stadt - "polites", emanzipierter Bürger der Wissenschaftsgemeinde, oder "idiotes", beschränkter Macher? Kann er vorbeisehen, wenn individuelle Pathologie durch Kollektivierung unsichtbar gemacht und, under cover, aktiviert werden soll? Freilich, es ist wahr, all das: in den Lehrbüchern nicht vorgesehen. Und weil’s nicht im Lehrbuch steht, was davon zu halten ist, begleitet, im "team", halt "jeder jeden" - wie das ein sanft verzweifelnder Moderator anmerkte. Aber wohin?
Heinz Knapp
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