ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1999Erektile Dysfunktion: Nitrate als Alternative zu Sildenafil

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Erektile Dysfunktion: Nitrate als Alternative zu Sildenafil

Dtsch Arztebl 1999; 96(13): A-868 / B-720 / C-674

Hoc, Siegfried

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LNSLNS Die penile Erektion wird durch Stickstoffmonoxid (NO) vermittelt. Bei sexueller Stimulation wird lokal NO im Corpus cavernosum von den Endothelzellen freigesetzt, was - über einen komplexen Mechanismus - zur Entspannung der Gefäßmuskulatur und zu erhöhter Blutzufuhr der Corpora cavernosa führt. Dieser Blutandrang bewirke die Erektion des Penis, erläuterte Dr. Christian de Mey (Mainz-Kastel) bei einem PresseSymposium der Firma Pohl Boskamp in München.
In diesen biochemischen Ablauf greift Sildenafilzitrat (Viagra®, Pfizer) ein, indem die Substanz das Isoenzym 5 der Phosphodiesterase spezifisch hemmt, so daß mehr NO freigesetzt werden kann und somit nach sexueller Stimulation die Erektion gefördert wird. Da aber auch Nitropräparate, wie Nitroglyzerin, Isosorbiddinitrat, Isosorbidmononitrat, Nitroprussid-Natrium oder Molsidomin über eine Aktivierung der NO-Freisetzung ihre gefäßerweiternde Wirkung entfalten, ist ihre Applikation zusammen mit Sildenafil kontraindiziert.
Eine Komedikation hat Kreislaufdepressionen zur Folge, die sogar zum Tod führen können, erinnerte Prof. Martin Michel (Essen). Die American Heart Association hat relative Kontraindikationen für Viagra® formuliert, wie Dr. Burkhard Dirks (Ulm) ergänzte: c koronare Ischämie (auch ohne Einnahme von Nitraten)
c grenzwertig dekompensierte Herzinsuffizienz
c ausgeprägte Hypertonie c Pharmakotherapie oder Vorerkrankungen, die den Abbau von Sildenafil verlangsamen.
Bei den zwischen März und Juni 1998 der amerikanischen Aufsichtsbehörde FDA gemeldeten 123 Todesfällen handelte es sich um Männer über 60 Jahre mit kardiovaskulären Erkrankungen, wie KHK, Arrhythmien, Hypertonie und Diabetes mellitus. In zwölf Fällen hatten die Betroffenen auch Nitropräparate eingenommen.
Häufige und meist dosisabhängig auftretende Nebeneffekte einer Sildenafil-Einnahme sind Kopfschmerzen, Gesichtsrötung, Magenbeschwerden und vor allen Dingen verändertes Sehvermögen. Hier reicht die Spanne von unscharfem Sehen über verstärkte Lichtempfindlichkeit bis hin zu Farbsehstörungen. Das "Blausehen" hängt mit der Hemmung der Phosphodiesterase zusammen, die an der Phototransduktion in der Retina mitwirkt. In diesem Zusammenhang sei Sildenafil auch bei Retinitis pigmentosa kontraindiziert, berichtete Michel.
KHK ist ein Risikofaktor, der auch beim Sexualakt zum Tragen kommt. Eine ungewohnte körperliche Überlastung der Männer im mittleren bis fortgeschrittenen Lebensalter beim Sexualakt erhöhe das Infarktrisiko auch ohne Einnahme von Medikamenten, erklärte Prof. Götz Kockott (München). So kann diese Gefahr innerhalb von zwei Stunden nach sexueller Aktivität um den Faktor 2,5 erhöht sein. Allerdings ist der "Liebestod" ein sehr seltenes Ereignis; in 0,6 Prozent aller unerwarteten Todesfälle ist die Ursache ein plötzlicher Herztod. Weitere Schwachstellen im pharmakologischen Profil von Sildenafil seien neben den kardiovaskulären Nebeneffekten und dem Synergismus zu Nitraten ein verspäteter Wirkungseintritt und ein unnötig protrahierter Effekt, bemängelte de Mey. Er verwies auf die Möglichkeit, auch durch Gabe eines NO-Donators eine Erektion zu erreichen. Der Prototyp eines NO-Donators ist Nitroglyzerin. Wird es in Form eines Aerosol-Sprays oder eines Gels auf den Penisschaft oder auf das Skrotum aufgetragen, so wird die Erektion nach entsprechender sexueller Stimulation gefördert.
Die Möglichkeit, zum Beispiel mit Nitrolingual® N-Spray (Pohl Boskamp) die Erektion zu erleichtern, ist kasuistisch bestätigt. Sie wird auch regelmäßig im Rahmen der Diagnose einer erektilen Dysfunktion zur Erfassung der vaskulogenen Reserve angewendet. Selbst bei Patienten mit Querschnittslähmung verbessert der Nitrat-Spray die erektile Tumeszenz.
Daher sollte dieser An-satz für Patienten in Betracht gezogen werden, die an einer erektilen Dysfunktion leiden und die bereits Nitrate wegen einer KHK einnehmen und für die Sildenafil deshalb kontraindiziert ist. Vorteile des Nitrat-Sprays sind: schneller Wirkungseintritt, angemessen kurze Wirkdauer und niedrige Behandlungskosten. Siegfried Hoc


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