ArchivDeutsches Ärzteblatt21/1996Krankenhäuser: Zerschlagung in Westberlin

POLITIK: Aktuell

Krankenhäuser: Zerschlagung in Westberlin

Wiegand, Annemarie

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LNSLNS In keinem alten Bundesland wurde die Kostendämpfung im Gesundheitswesen mit so wenig Rücksicht auf den kranken Menschen und die im Gesundheitswesen tätigen Fachberufe, die Lehrenden und Lernenden durchgeführt wie in Westberlin. Die aktuellen Vorgänge zur Schließung weiterer Berliner Krankenhäuser sind ein Beleg für die auch in anderen Bundesländern zu beobachtenden politischen Bestrebungen.


Bereits im Jahr 1975 wurden gut funktionierende kleine Berliner Klinikverwaltungen zerschlagen. Die Krankenhäuser – ursprünglich in der Gründerzeit als soziale Einrichtungen erbaut – wurden zu "Betrieben" erklärt und Mammutbetriebe mit oft weit auseinander liegenden Zweigbetrieben geschaffen. So wurde zum Beispiel die Lungenfachklinik Heckeshorn dem Behring-Krankenhaus zugeschlagen, und es erfolgte die Umbenennung in "Krankenhausbetrieb Berlin-Zehlendorf". Ähnlich geschah es dem sehr gut arbeitenden Krankenhaus Britz, das inzwischen ganz verschwunden ist. Heute halten Verwaltungsleute das Gelände besetzt, vom schönen Park existieren nur noch Reste.
Als DDR-Kenner muß man über die Umbenennung betroffen sein, wundert sich aber andererseits, weshalb die Kliniken nicht gleich in "Kombinate" umgewandelt wurden. Das hätte die Abwicklung wesentlich erleichtert. Gleichzeitig wurden im Jahr 1975 besonders Krankenhausbetten in den Fachbereichen Gynäkologie, Kinderheilkunde und Chirurgie abgebaut.
1985/86 unter dem damaligen Berliner Gesundheitssenator Ulf Fink (CDU) folgte eine zweite große Schließungs- und Beunruhigungswelle für die Berliner Kliniken. Damals wurden gegen den erbitterten Widerstand der Betroffenen der kostenträchtige Umzug des Universitäts-klinikums West-end nach Wedding und die Auflösung des Städtischen Rudolf-Vir-chow-Krankenhauses durchgesetzt. Im Laufe des Jahres 1986 erschienen mehrere Artikel, die darauf aufmerksam machten, daß in Westberlin bei jüngeren Menschen eine auffallend hohe Sterblichkeit im Vergleich zum Bundesgebiet besteht. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, daß in Westberlin bereits 1982 die Zahl der allgemeinchirurgischen Betten unter dem Bundesdurchschnitt lag.
Der Berliner Gesundheitssenator behauptete, daß diese Daten nicht zuträfen, insbesondere sei Berlin mit operativen Krankenhausbetten gut versorgt. Dem widerspricht allerdings der Krankenhausplan für das Land Berlin 1986 (Tabelle 14, Seite 61). Die Summe aller operativen Betten in Berlin-West lag bereits 1982 unter dem Bundesdurchschnitt, besonders ungünstig ist die Situation in den Fachbereichen Gynäkologie und HalsNasen-Ohren-Heilkunde.
Entgegen allen Hoffnungen brachte die Vereinigung für die Westberliner Kliniken keine Ruhe. Im März 1996 wurde über die komplette Schließung des Universitätsklinikums Benjamin Franklin (Steglitz) und des UrbanKrankenhauses (einziger "Krankenhausbetrieb" von Kreuzberg) diskutiert; Anfang April kündigten die Krankenkassen vier gemeinnützigen Krankenhäusern die Verträge und stellten in Aussicht, die Städtischen Kliniken ("Betriebe") Neukölln, Urban, Wenckebach und AVK zu schließen, wenn dort nicht Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe erfolgten. Noch nie wurden bei den Plänen zur Schließung von Krankenhausbetten in Westberlin Daten aus der Bevölkerungsstatistik berücksichtigt. Den Vertretern der Krankenkassen scheint auch unbekannt zu sein, daß in nächster Zukunft der Umzug der Regierung nach Berlin geplant ist, was mit einer erheblichen Zunahme der Bevölkerung verbunden sein dürfte.


Betten-Mangel
Ein Blick in die Bevölkerungsstatistik zeigt, daß ausschließlich deshalb, weil in Westberlin die Zahl von Männern im Alter von über sechzig Jahren seit 1972 stark zurückging, die bisherigen Betteneinsparungen keine dramatischen Folgen hatten (vgl. Tabelle). Im Zeitraum von 1972 bis 1992 ging die Zahl der Todesfälle bei Männern im Alter zwischen 60 bis unter 70 Jahren von 4 500 auf 1 860 zurück. Sie erhöht sich aber bis zum Jahre 2002 wieder und verdoppelt sich in einem Zeitraum von nur zehn Jahren auf ungefähr 3550 Fälle. Davon werden rund 1120 Todesfälle durch Krebs sein (1992 = 588 Fälle). In den Zahlen für das Jahr 2002 ist der Regierungsumzug nicht berücksichtigt, ebensowenig die Inanspruchnahme durch Kranke aus dem Umland. Bereits im Winter 1995/96 kündigten sich Engpässe an, wenn man versuchte, ein Kranken-hausbett für einen Notfall zu finden. Das verwundert nicht, denn im Jahr 1996 tritt der geburtenstarke Jahrgang 1936 ins sechzigste Lebensjahr. Auch wenn man den Bettenreduzierungsplänen noch Einhalt gebietet, die Situation in Berlin ist bereits heute so, daß kurzfristig mit einem Mangel an Krankenhausbetten für Patienten mit operationspflichtigen Krankheiten zu rechnen ist.
Bereits in jüngster Zukunft ist damit zu rechnen, daß in Westberlin Krebspatienten, die womöglich durch eine Operation geheilt werden könnten, nicht mehr operativ behandelt werden, weil Krankenhausbetten fehlen. Dasselbe kann womöglich Unfallopfern geschehen. Sie müssen dann ohne Operation zum Sterben in ein Pflegeheim verlegt werden.
Das hat eine weitere Konsequenz: Kranke werden frühzeitig zu Pflegefällen erklärt (für sie ist die gesetzliche Krankenkasse nur noch im Falle der Behandlungspflege zuständig). Die gesetzliche Pflegeversicherung deckt aber bei weitem nicht die Kosten einer professionellen häuslichen Pflege, geschweige denn die stationären Pflegekosten. Wenn der zum Pflegefall erklärte Kranke länger lebt, verliert er nicht nur seine Rente, sondern oft auch sein Vermögen, bis er schließlich zum Sozialfall wird.


Anschrift der Verfasserin:
Dr. med. Annemarie Wiegand
Kottbusser Damm 7
10967 Berlin

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