ArchivDeutsches Ärzteblatt21/1996Weltärztebund spricht Empfehlungen zu Antibiotika-Resistenzen aus

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Weltärztebund spricht Empfehlungen zu Antibiotika-Resistenzen aus

Glöser, Sabine

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LNSLNS In der fortschreitenden Resistenzentwicklung von Mikroben gegenüber antimikrobiell wirksamen Arzneimitteln sieht der Weltärztebund ein akutes Public-Health-Problem. Daher sprach der Vorstand der Organisation Ende April in Genf Empfehlungen aus, die in Kooperation mit den nationalen Mitgliedervereinigungen erarbeitet wurden:
Der Weltärztebund und seine nationalen Mitgliedervereinigungen sollten die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) und die Regierungen der einzelnen Mitgliedstaaten dabei unterstützen, ihr globales Netzwerk zur Kontrolle antimikrobieller Resistenzen effektiv zu verbessern.
Die nationalen Ärztevereinigungen werden zudem aufgefordert, die Regierungen zu unterstützen, verstärkt klinische Forschung und Grundlagenforschung zu finanzieren, um neuartige antimikrobielle Wirkstoffe und Impfstoffe zu entwickeln und diese sicher anzuwenden. Die pharmazeutische Industrie sollte vermehrt mit dem Ziel forschen, innovative und anwendbare antimikrobielle Wirkstoffe und Impfstoffe verfügbar zu machen. Die jeweiligen Regierungen werden des weiteren dringend aufgefordert, die Verfügbarkeit von Antibiotika durch Verschreibungspflicht einzuschränken.
Die nationalen Ärztevereinigungen sollten Hochschulen und medizinische Fortbildungseinrichtungen unterstützen, Ärzte mehr für den angemessenen Gebrauch von Antibiotika zu sensibilisieren. Dabei werden insbesondere Ärzte, Infektiologen und klinische Mikrobiologen aufgefordert, die Verantwortung für den adäquaten Gebrauch der Arzneimittel, Resistenzprävention und Kontrollmaßnahmen zu übernehmen. Notwendig sei außerdem, daß Ärzte ihre Patienten über ihre antimikrobielle Therapie und deren Risiken aufklären. Auch sollten sie die Patienten über die Wichtigkeit der Compliance und das Problem der Antibiotika-Resistenz informieren. Der Weltärztebund vertritt weiterhin die Auffassung, daß die Regierungen sowie die medizinischen Vereinigungen und Ärzte auch in der Öffentlichkeit ein stärkeres Bewußtsein für das Problem Antibiotikaresistenzen schaffen sollten. Letztlich müsse auch der Einsatz von Antibiotika als Futterzusatzstoffe eingeschränkt werden. Die nationalen Ärztevereinigungen müßten in Kooperation mit den tierärztlichen Organisationen ihre Regierungen dabei unterstützen, in der Tierhaltung nur Antibiotika zuzulassen, die nicht beim Menschen eingesetzt werden.
Die Maßnahmen begründete der Weltärztebund folgendermaßen: Die Entwicklung resistenter Mikroorganismen sei zwar schon immer ein Problem gewesen, die Lage habe sich jedoch verschärft, heißt es in der Stellungnahme. So würden immer mehr Patienten mit Antibiotika therapiert. Sowohl Patienten mit geschwächter Immunabwehr als auch Patienten, die sich einem invasiven Eingriff unterziehen müssen oder an chronisch schwächenden Krankheiten leiden, seien davon betroffen. Ferner verschärfe der Mißbrauch von Antibiotika die Situation.
Der dadurch aufkommende Selektionsdruck führe dazu, daß Mikroben mutieren und resistent gegenüber den eingesetzten Antibiotika werden. Insbesondere gehe eine Gefahr von Bakterienstämmen aus, die gegenüber allen gegenwärtig verwendeten Antibiotika resistent sind.
Verursacht wurde diese Entwicklung nach Ansicht des Weltärztebundes durch mehrere Faktoren: Zum einen stelle die unangemessene Verschreibung antibakterieller Prophylaktika sowie die inadäqate Behandlung bakterieller Infektionen ein Problem dar, zum anderen dürfe auch die geringe Compliance der Patienten, Behandlungsvorschriften zu befolgen, nicht unterschätzt werden. Weiterhin sei von Bedeutung, daß in vielen Entwicklungsländern Antibiotika nicht verschreibungspflichtig und daher leicht erhältlich seien. Dr. Sabine Glöser
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