ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2014Von schräg unten: Kritik

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Kritik

Dtsch Arztebl 2014; 111(48): [80]

Böhmeke, Thomas

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Kritik an Ärzten macht immer etwas her. Wenn ich in meine Suchmaschine „Sommerloch, Ärzte, Kritik“ eingebe, habe ich in 0,39 Sekunden über eine Million Treffer. Das ist einerseits ein schlagender Beweis für die mediale Beachtung, die unseren altruistischen Taten geschenkt wird, andererseits wenig schmeichelhaft. Aber in jeder Kritik steckt auch ein Körnchen Wahrheit, das es zu finden gilt, so dass wir auf dem nie enden wollenden Weg zur Perfektion ein kleines bisschen voranschreiten können. Daher spitze ich immer meine Ohren wie eine Doppelschliffkanüle, wenn unsere Schutzbefohlenen ihr Leid mit der modernen Medizin klagen.

„Also hören Sie mal zu, das können Sie gar nicht fassen, was ich da erlebt habe!“ Selbstverständlich höre ich zu, denn ich bin ob der Dramatik, die sich förmlich wagnerianisch ankündigt, gespannt wie der Rippensperrer bei einer Thorakotomie. „Also, ich ging da ins Krankenhaus, weil mir so komisch war, wie soll ich sagen: irgendwie seltsam!“ Seltsam, so denke ich mir, mag zwar ein bedauernswerter Zustand sein, ist mir jedoch weder als DRG-kodierte Aufnahmediagnose noch als Ausgangspunkt einer SOP, also einer „standard operating procedure“, geläufig. Was die differenzialdiagnostische Vermutung nahelegt, dass der weitere Verlauf im Krankenhaus, den die Dame schildert, eher seltsame Wege genommen hat.

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„Das können Sie sich nicht vorstellen! Der Aufnahmearzt sprach so gut wie kein Deutsch!“ Dies wiederum könnte ich ihr erklären. Unserer nachwachsenden Medizinergeneration ist der Sinn für die Schönheit unzähliger unbezahlter Überstunden in unseren Krankenhäusern, für eine erfüllte 80-Stunden-Woche irgendwie abhanden gekommen. Wenn sich einer unserer Adepten trotzdem über die Maßen engagiert, findet er im Ausland weit einladendere Bedingungen. Was wiederum dazu führt, dass wir gezwungen sind, Kollegen aus anderen Ländern zu beschäftigen, deren Sprachkenntnisse und Vorstellungen nicht so weit reichen, dass das Vorhandensein eines seltsamen Gefühls einer Krankenhausbetreuung bedarf. Ich glaube aber, dass es nicht viel nutzt, der Dame diese Kausalitäten klarzumachen, also halte ich lieber meine Klappe.

„Das glauben Sie gar nicht! Der wollte, dass ich mich komplett ausziehe und in jede Körperöffnung gucken!“ Asche auf mein kahles Haupt. Besagter Kollege führt professionell eine gründliche körperliche Untersuchung nach allen Regeln der Kunst und mich gleichsam vor, der ich dies zwar gelernt, aber durch die heutige Technokratie verzogen bin wie ein Mediastinum bei Lungenlappenatelektase. Stumm neige ich meinen Schädel in Demut.

„Ich sage Ihnen mal was: Heute können Sie alle Ärzte vergessen, ich geh’ zu keinem mehr hin! Daran möchte ich mich mein Lebtag nicht mehr erinnern!“ Ach, ja. Erinnerungen verschönern das Leben, Vergessen macht es erträglich, meinte schon Balzac. Ich für meinen Teil meine: Sofort vergessen wird die Dame ihren vollmundigen Vorsatz, keine Ärzte mehr aufzusuchen, wenn hohes Fieber das Blut zum Kochen bringt, garstige Gallensteine in den zugehörigen Gang grätschen, fragile Frakturen geflickt werden müssen.

Aber all das kann ich ihr nicht sagen. Denn ich sitze im Zug, und die besagte Dame telefoniert so laut, dass man kaum seine eigenen Gedanken hören kann.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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