ArchivDeutsches Ärzteblatt48/201425. Deutscher Psychotherapeutentag in München: „Wir brauchen gleiche Ausbildungsstrukturen wie die Ärzte“

POLITIK

25. Deutscher Psychotherapeutentag in München: „Wir brauchen gleiche Ausbildungsstrukturen wie die Ärzte“

Dtsch Arztebl 2014; 111(48): A-2093 / B-1777 / C-1701

Bühring, Petra; Gerst, Thomas

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Der Psychotherapeutentag traf eine richtungsweisende Entscheidung: Nach einem Hochschulstudium der Psychotherapie soll künftig die Approbation erfolgen; in einer Weiterbildung sollen Schwerpunkte gesetzt werden. Das Versorgungsstärkungsgesetz wurde kritisch beleuchtet.

Die Delegierten stimmten mit 86 zu 38 Stimmen für ein Hochschulstudium der Psychotherapie mit anschließender Approbation. Foto: Bundes­psycho­therapeuten­kammer
Die Delegierten stimmten mit 86 zu 38 Stimmen für ein Hochschulstudium der Psychotherapie mit anschließender Approbation. Foto: Bundes­psycho­therapeuten­kammer

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Gröhe wartet auf ein klares Votum der Profession – bitte entscheiden Sie, damit wir in Gespräche mit der Politik eintreten können.“ Der Appell von Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK)-Präsident, Prof. Dr. phil. Rainer Richter an die Delegierten des 25. Deutschen Psychotherapeutentages (DPT) am 15. November in München war eindringlich. Seit zehn Jahren ist die Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung Thema auf den Psychotherapeutentagen, seit drei Jahren werden Konzepte diskutiert. Der Zeitpunkt für Veränderungen ist günstig: Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag festgelegt, das Psychotherapeutengesetz und die Zugangsvoraussetzungen zur Ausbildung in dieser Legislaturperiode zu überarbeiten.

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Den Delegierten war die Notwendigkeit zu entscheiden bewusst: Nach einer sachlichen Diskussion sprach sich der 25. DPT für eine richtungsweisende Reform aus: eine Ausbildung, die eine Approbation nach einem wissenschaftlichen Hochschulstudium der Psychotherapie auf Masterniveau anstrebt. In einer anschließenden Weiterbildung sollen Schwerpunkte in der Behandlung von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen sowie in wissenschaftlich anerkannten Verfahren gesetzt werden.

Einheitlicher Masterabschluss

Status quo ist eine postgraduale Ausbildung, also ein Hochschulstudium der Psychologie mit anschließender drei- bis fünfjähriger Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten (PP), oder der Pädagogik/Sozialpädagogik für die Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP). Anlass für eine Reform ist zum einen die wegen der Bologna-Reform zunehmende „Bachelorisierung“ der Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten: Zehn von 16 Bundesländern erkennen inzwischen den Bachelorabschluss als Zugang an. Befürchtet wird eine mindere Qualifizierung von künftigen KJP. Zum anderen demonstrieren Psychotherapeuten in Ausbildung seit Jahren für eine angemessene Honorierung ihrer obligatorischen praktischen Tätigkeit in Psychiatrischen und Psychosomatischen Kliniken und Abteilungen. Dieses einjährige „Praxisjahr“ wird häufig gar nicht, oft geringfügig und nur von wenigen Kliniken angemessen vergütet. „Psychotherapeuten in Ausbeutung“ ist deshalb auf Transparenten der Demonstrierenden zu lesen.

„Solange die praktische Tätigkeit juristisch als Praktikum gewertet wird, wird sich daran auch nichts ändern“, betonte Präsident Richter beim 25. DPT. Zum anderen lasse sich die Qualifizierung auf Masterniveau für KJP auch nur über eine umfassende Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung sichern, sagte er in Richtung einer Initiative von Hochschullehrern, die sich im Vorfeld des DPT an das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) gewandt hatten, mit der Forderung, die Zugangsvoraussetzungen zur KJP-Ausbildung sofort gesetzlich auf Masterniveau festzuschreiben. Die Initiatoren sind die Professoren, die 2009 das Forschungsgutachten für das BMG zur Reform der psychotherapeutischen Ausbildung erstellt haben. Der Forderung haben sich mehr als 4 700 Psychotherapeuten angeschlossen.

Ganz leicht fiel den Delegierten die Entscheidung für die sogenannte basale Direktausbildung nicht, letztlich stimmten aber 86 Delegierte der Landeskammern dafür, 38 dagegen bei vier Enthaltungen. Zur Diskussion stand im Vorfeld des entscheidenden Psychotherapeutentages, neben dem Beibehalt der postgradualen Ausbildung, auch das Modell der „dualen Direktausbildung“: Nach dem Studium der Psychotherapie war dabei ein 1. Staatsexamen vorgesehen, die Approbation wäre aber erst nach einer zweiten Qualifizierungsphase und einem 2. Staatsexamen erfolgt.

„Der springende Punkt ist der Zeitpunkt der Approbation, denn nur bei einer Approbation nach dem Hochschulstudium ist eine Finanzierung der Weiterbildung wie bei den Fachärzten möglich“, erklärte Walter Ströhm, Delegierter der Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen. Um die ordnungspolitischen Probleme der Ausbildung lösen zu können, brauche es „eine Gleichstellung mit den Ärzten, also gleiche Ausbildungsstrukturen“, betonte auch der Präsident. Außerdem könnten nur auf diesem Weg Psychotherapeuten in Institutionen und Kliniken Facharztstatus erhalten.

„In der Weiterbildung hätten die Kollegen dann nicht nur Anrecht auf Vergütung auf Facharztniveau, sondern auch tarifrechtlichen Schutz und das Recht auf Lohnfortzahlung“, erläuterte Dieter Best, Rheinland-Pfalz. Auch Hans Bauer, Hessen, sprach sich für die basale Direktausbildung aus: „Wenn wir uns nicht entscheiden, dann werden es andere tun. Und das BMG hat sehr deutlich gemacht, dass nur eine Direktausbildung in Frage kommen kann.“ „Die Verantwortung für die weitere Entwicklung bleibt bei uns, wenn wir uns für die Direktausbildung entscheiden“, sagte auch Alfred Kappaus, Präsident der Psychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz. „Das Konstrukt Approbation nach einem Psychotherapiestudium mit anschließender Weiterbildung sichert die Eigenständigkeit und Qualität unseres Berufes“, verdeutlichte Barbara Lubisch, NRW. Die Weiterbildung müsse dann geregelt werden.

Doch es gab auch einige kritische Stimmen: „Mir fällt der Abschied von der hoch qualifizierten postgradualen Ausbildung schwer“, sagte Susanne Walz-Pawlita, Hessen. Sie fand die Diskussion „sehr verkürzt“. Viele Bedenken blieben auf der Strecke. Die Debatte sei mit der Entscheidung des 25. DPT nicht beendet, betonte Präsident Richter, und viele Gespräche müssten noch geführt werden. Aber: „Die Weichen sind gestellt, wir senden damit ein klares Signal an die Politik.“

Sprechstunden einführen

Über Auswirkungen des im Entwurf vorliegenden GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes auf die psychotherapeutische Versorgung konnte man im Bericht des Vorstands lesen, der den Delegierten des 25. Deutschen Psychotherapeutentages vorlag. Aufmerksam wird dort die geplante Neuregelung zu psychotherapeutischen Sprechstunden verfolgt. Nähere Bestimmungen hierzu soll der Gemeinsame Bundes­aus­schuss treffen. In diesen Sprechstunden sollen ein Erstgespräch und eine individuelle Beratung über verschiedene Versorgungsangebote stattfinden. Angestrebt wird eine kurzfristige Abklärung des Behandlungsbedarfs.

Der BPtK-Vorstand will in diesem Kontext eine allmähliche Aufhebung von Befugniseinschränkungen für Psychotherapeuten erreichen. Wenig Unterstützung in der Gesundheitspolitik sieht er derzeit für die Forderung, dass Psychotherapeuten zur Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit befugt sein sollen. Realistischer erscheine es, dass sie künftig ins Krankenhaus einweisen dürfen. Angestrebt wird zudem die Befugnis zur Verordnung von Soziotherapie und Heilmitteln bei bestimmten Indikationen.

Prof. Dr. Rainer Richter setzt sich seit 2005 als Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer für die Interessen der Berufsgruppe ein.
Prof. Dr. Rainer Richter setzt sich seit 2005 als Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer für die Interessen der Berufsgruppe ein.

Sehr kritisch beurteilt der BPtK-Vorstand die Regelung im Gesetzentwurf, nach der die Zulassungsausschüsse dafür sorgen sollen, dass ab einem Versorgungsgrad von über 110 Prozent, Praxisübernahmen nur noch in Ausnahmefällen zulässig sind. Würde dies stringent umgesetzt, müsste rund ein Drittel der psychotherapeutischen Praxen abgebaut werden. Dies wären 7 444 der 23 546 Niederlassungen.

Kritik des BPtK-Vorstands gab es auch am Entwurf eines Präventionsgesetzes. Auffällig sei, dass psychotherapeutischer Sachverstand hier nur unzureichend adressiert werde. Die Realisierung einer gesundheitsförderlichen Lebensweise sei aber von einer Reihe emotionaler, motivationaler und sozialer Faktoren abhängig, für deren Beeinflussung die Profession bestens geeignet sei. Die BPtK werde sich angesichts des Stellenwerts psychischer Erkrankungen dafür einsetzen, dass Beratungsangebote zur Prävention auch von Psychotherapeuten erbracht werden können.

Petra Bühring, Thomas Gerst

Kritik aus der Ärzteschaft

Die Bundes­ärzte­kammer sieht die geplante Reform der psychotherapeutischen Ausbildung kritisch und verweist auf den Beschluss des 115. Deutschen Ärztetages aus dem Jahr 2012. Hierin wird das Bundesministerium für Gesundheit aufgefordert, auf Pläne zur Direktausbildung zu verzichten. Stattdessen solle die bewährte postgraduale Ausbildungsstruktur erhalten bleiben.

Begründet wird die Ablehnung der Direktausbildung damit, dass ein ausreichender Kompetenzerwerb der PP und KJP in der Diagnostik und Behandlung von Schwerkranken ohne Einbezug stationärer Behandlungssettings nicht möglich erscheint. Sinnvoller wäre es demnach, den klinischen Teil der Ausbildung zu verbessern und eine Bezahlung der Auszubildenden durchzusetzen.

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