ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2014Zöliakie bei Kindern: Ein früher, gezielter Glutenkontakt senkt die Erkrankungsrate nicht

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Zöliakie bei Kindern: Ein früher, gezielter Glutenkontakt senkt die Erkrankungsrate nicht

Dtsch Arztebl 2014; 111(48): A-2119 / B-1797 / C-1719

Leinmüller, Renate

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Die gezielte frühkindliche „Gewöhnung“ an Gluten ist bei Säuglingen mit hohem Risiko nicht geeignet, der Entwicklung einer Zöliakie effektiv entgegenzuwirken. Nach Ergebnissen retrospektiver Studien schien es empfehlenswert, zusätzlich zum Stillen im „window of opportunity“ ab dem 4. bis 5., aber nicht später als dem 7. Monat kleine Mengen Gluten zur Primärprävention zu verabreichen. Die Hoffnung, dadurch bei genetisch prädisponierten Säuglingen eine langfristige Toleranz gegenüber Gluten zu bewirken und damit die Zahl der Zöliakie-Neuerkrankungen zu senken, hat sich nach zwei aktuellen Studien nicht erfüllt.

In die von der Europäischen Union finanziell unterstützten PreventCD-Studie (Prevent Celiac Disease, [1]) sind fast 950 Säuglinge mit Zöliakie-Risikoallelen (HLA-DQ2 und DQ8) aufgenommen worden. Die Teilnehmer mussten mindestens einen Verwandten ersten Grades mit Zöliakie aufweisen. Sie erhielten randomisiert im 5. und 6. Lebensmonat geringe Glutenmengen (100 mg/die, entsprechend einer halben Nudel) oder Placebo. Vom 7. bis 9. Monat bekamen beide Gruppen steigende Mengen Gluten, ab 10. Monat ohne Einschränkung. Im Alter von drei Jahren wurde bei 5,9 bzw. 4,5 % eine Zöliakie diagnostiziert (nichtsignifikant).

Prävalenz der Zöliakie bei prädisponierendem Genotyp ist höher bei Glutenexposition ab Monat 6 (Gruppe A) als ab Monat 12 (Gruppe B), aber nicht signifikant
Prävalenz der Zöliakie bei prädisponierendem Genotyp ist höher bei Glutenexposition ab Monat 6 (Gruppe A) als ab Monat 12 (Gruppe B), aber nicht signifikant
Grafik
Prävalenz der Zöliakie bei prädisponierendem Genotyp ist höher bei Glutenexposition ab Monat 6 (Gruppe A) als ab Monat 12 (Gruppe B), aber nicht signifikant

In der Celiprev-Studie (Risk of Celiac Disease and Age at Gluten Introduction [2]) erfolgte der Gluten-Erstkontakt offen, aber randomisiert bei 832 Säuglingen aus Zöliakie-Familien im Alter von 6 oder 12 Monaten. Im Alter von 2 Jahren wurden signifikant mehr Kinder der „Frühanfängergruppe“ (12 versus 5 %) mit Zöliakie diagnostiziert; im Alter von 5 Jahren bestand mit jeweils 16 % kein Unterschied mehr. Stillen bei Einführung von Gluten modifizierte das Risiko in beiden Studien nicht. Beide Studien belegen, dass eine frühe Einführung von Gluten langfristig keinen präventiven Effekt hat. Ganz entscheidend für das absolute Risiko ist der HLA-Risiko-Genotyp. In der Hochrisikogruppe, die für DR3-DQ2 homozygot positiv ist, muss bei einem von vier Kindern innerhalb der ersten 10 Lebensjahre mit Zöliakie gerechnet werden, auch wenn die Familienanamnese nicht positiv ist (3). Bei einfach positivem HLA-DQ2 oder DQ8 ist das Risiko niedriger.

Fazit: Der Zeitpunkt des Erstkontaktes von Gluten und Stillen beeinflussen langfristig die Entwicklung einer Zöliakie im Kindesalter nicht. Die wichtigsten Risikofaktoren für die Zöliakie sind der HLA-Genotyp und das weibliche Geschlecht. „Diese Ergebnisse zeigen, dass Erkenntnisse aus retrospektiven Beobachtungsstudien und daraus abgeleitete Empfehlungen durch randomisierte Interventionsstudien überprüft werden müssen“, kommentiert Prof. Dr. med. Sibylle Koletzko vom Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU München. Die Suche nach Umweltfaktoren, die bei genetisch prädisponierten Personen die Toleranz brechen, geht damit weiter. Dr. rer. nat. Renate Leinmüller

  1. Vrienzinga SL, et al.: Randomized feeding intervention in infants at high risk for celiac disease. N Engl J Med 2014; 2; 371: 1304–15.
  2. Lionetti E, et al.: Introduction of gluten, HLA Status, and the risk of celiac disease in children. N Engl J Med 2014; 371: 1295–303.
  3. Liu E, et al.: Risk of pediatric celiac disease according to HLA Haplotype and Country. N Engl J Med 2014; 371: 42–9.
Prävalenz der Zöliakie bei prädisponierendem Genotyp ist höher bei Glutenexposition ab Monat 6 (Gruppe A) als ab Monat 12 (Gruppe B), aber nicht signifikant
Prävalenz der Zöliakie bei prädisponierendem Genotyp ist höher bei Glutenexposition ab Monat 6 (Gruppe A) als ab Monat 12 (Gruppe B), aber nicht signifikant
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Prävalenz der Zöliakie bei prädisponierendem Genotyp ist höher bei Glutenexposition ab Monat 6 (Gruppe A) als ab Monat 12 (Gruppe B), aber nicht signifikant

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