ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2014Suizid: Mehrere Straftaten
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Bei der Lektüre des obigen Artikels fehlt doch eine ganz entscheidende Diskussion: nämlich das geradezu bizarre Verhalten des Sohnes des Suizidenten. Der Sohn soll selbst Arzt gewesen sein. Dessen Verhalten wird am Anfang des Artikels lapidar erwähnt, ohne dann weiter im Beitrag gewürdigt zu werden. Wenn es im Artikel richtig wiedergegeben ist, hat dieser die Rettungsleitstelle informiert, offensichtlich nur, um dem herbeieilenden Notarzt mit Rettungsteam mitzuteilen, dass ärztliche Hilfe beim Vater nicht gewünscht sei und er dies untersage. Damit nicht genug: Werde solche trotzdem geleistet, drohte er mit einer Anzeige wegen Körperverletzung. Aus dem Beitrag geht nicht hervor, ob der Sohn für diese Anweisungen überhaupt prinzipiell berechtigt war, da nicht vermerkt ist, ob er im Besitz einer Vorsorgevollmacht war oder als gesetzlicher Betreuer fungierte. Ebenfalls nur indirekt erfahrbar ist aus dem Artikel der Umstand, dass die Ehefrau des Suizidenten kurz zuvor offensichtlich mit Morphin getötet worden war. (Vom späteren Suizidenten? Vom Sohn? Oder hat dieser zumindest Beihilfe geleistet? Der Leistenzugang deutet doch sehr stark auf Letzteres hin.) Völlig im Dunkeln bleibt die mutmaßliche Motivation des Sohnes, seinen Kollegen herbeizurufen. (Hob er vielleicht auf eine ärztliche Leichenschau ab?)

Meines Erachtens hat sich der Sohn des Suizidenten mehrerer Straftaten schuldig gemacht, die vor Beschuldigung des Notarztes hätten geprüft werden müssen:

  • Missbräuchliche Nutzung des Notrufes, da er von vorneherein eine Hilfeleistung ablehnte und er somit keine Veranlassung hatte, den Notruf zu betätigen.
  • Nötigung, indem er dem herbeieilenden Notarzt ohne Nachweis einer Bevollmächtigung Hilfe verbot und mit Anzeige drohte.
  • Wenn die Staatsanwaltschaft den Notarzt schon anklagt, hätte sie zuvor auch den Sohn anklagen müssen, denn dieser hat ebenfalls die Notfallhilfe nicht durchgeführt – erschwerend kommt hinzu, dass er als Arzt vor dem Notarzt anwesend war, und somit seine Hilfe noch größere Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.
  • Geprüft hätte auch werden müssen, ob der Sohn nicht Beihilfe zum Tod der Mutter und zum Suizid des Vaters leistete.
  • Anstiftung zu einer Straftat: durch Bedrohung des Notarztes mit Anzeige, Nötigung und Anstiftung zur Unterlassung einer Hilfeleistung.

Warum all diese Sachverhalte im Beitrag nicht berücksichtigt wurden, erschließt sich mir nicht . . .

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Abschließend muss man davon ausgehen, dass der Notarzt ohne Anwesenheit des Sohnes sicherlich unverzüglich Hilfe geleistet hätte. Dem bedauernswerten Kollegen, der Notarzt fuhr und dann von der Staatsanwaltschaft mit Haft bedroht wurde wegen vorsätzlicher Tötung, gilt mein Mitgefühl. Immerhin hat das Landgericht ein Einsehen gehabt. Wie mit dem Sohn verfahren wurde, erfahren wir Leser leider nicht. Ich gehe aber nach der derzeitigen Verfassung unserer Rechtsprechung davon aus, dass er ungeschoren davon gekommen ist.

Dr. med. Uwe Zeller, 70193 Stuttgart

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