ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2014Tabakkonsum in den USA: Erfolgreicher Kampf gegen den Rauch

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Tabakkonsum in den USA: Erfolgreicher Kampf gegen den Rauch

Dtsch Arztebl 2014; 111(48): A-2112 / B-1792 / C-1714

Schmitt-Sausen, Nora

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Das US-Gesundheitswesen hat viele Defizite, doch bei der Raucherentwöhnung sind die Amerikaner ein Vorbild. In kaum einem Land der Welt wird weniger geraucht als in den USA.

Rauchverbot im Park: Aus der größten Grünanlage von San Diego in Kalifornien sind Zigaretten verbannt. Fotos: dpa
Rauchverbot im Park: Aus der größten Grünanlage von San Diego in Kalifornien sind Zigaretten verbannt. Fotos: dpa

Ein Cowboy in Westernboots, sein muskulöses Pferd, die schier endlose Weite des mittleren Westens – und ein Glimmstängel im Mund: Jahrelang flimmerten Szenen wie diese über Kinoleinwände und in heimische Wohnzimmer. Doch der Cowboy sitzt nur noch auf Archivbildern fest im Sattel. Die USA, das Heimatland des Marlboro-Man, sind in weiten Teilen eine rauchfreie Zone geworden. Die Zigarette ist vor allem im urbanen Leben aus der Öffentlichkeit verbannt worden. Wer in Boston, New York oder Washington D.C. Raucherecken in Lokalen sucht, der sucht vergebens. Sich auf offener Straße eine Zigarette anzuzünden, gilt dort als verpönt.

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Die US-Regierung hat sich die Nikotinentwöhnung ihrer Bevölkerung viel Geld kosten lassen. Die Erfolge sind enorm: 1964 rauchten noch 42 Prozent der Erwachsenen, heute sind es nur noch 18 Prozent. Ein Topwert im OECD-Vergleich. Nur in Mexiko, Schweden und Island wird weniger geraucht.

20 Millionen Tote in 50 Jahren

Die schwerwiegenden Folgen des Rauchens waren im 20. Jahrhundert eines der größten Gesundheitsprobleme in den USA. Jahrzehntelang war der Griff zur Zigarette en vogue und weit verbreitet. Mit verheerenden Auswirkungen: Zwischen 1965 und heute sind nach offiziellen Angaben mehr als 20 Millionen Amerikaner an den Folgen des Rauchens gestorben, darunter 2,5 Millionen Passivraucher.

Neben den massiven Gesundheitsschäden des Einzelnen stehen die finanziellen Kosten, die der Nation durch das Rauchen entstehen. Die US-Regierung beziffert allein den Arbeitsausfall durch frühzeitige Tode, die auf das Rauchen zurückzuführen sind, auf 150 Milliarden US-Dollar jährlich. Die Kosten für die medizinische Versorgung von Bürgern, die an Krankheiten leiden, die mit dem Rauchen zusammenhängen, werden auf 130 Milliarden US-Dollar im Jahr beziffert.

Aufklärung und Abschreckung

Seit die Gesundheitsrisiken durch Rauchen in der Öffentlichkeit bekannt wurden (siehe Kasten), setzt die Regierung auf massive Aufklärung – und zieht dieses Engagement bis heute konsequent durch. Zu den zahlreichen Einzelmaßnahmen und vernetzten Kampagnen zählen Textwarnungen auf Zigarettenpackungen, Rauchverbote, Raucherentwöhnungsprogramme, Werbeverbote, Medienkampagnen und Preissteigerungen durch Steuererhöhungen.

Im Jahr 1966 sind die USA weltweit das erste Land, das Warnlabel auf Zigarettenpackungen durchsetzt. Ebenfalls in den 60er Jahren beginnen die ersten Werbeeinschränkungen in Fernsehen und Radio. Der US-Bundesstaat Arizona wird 1973 der erste amerikanische Bundesstaat, der Zigaretten aus Teilen des öffentlichen Lebens verbannt. Kalifornien erhebt 1988 als erster bundesstaatlicher Akteur eine Tabaksteuer, mit deren Hilfe ein staatliches Kontrollprogramm finanziert wird.

Seit den 1990er Jahren wurde der Kampf gegen den Rauch nochmals intensiviert – auf regionaler, aber vor allem auf oberster Ebene. 1990 beschließt der US-Kongress ein Rauchverbot auf allen Inlandsflügen. Mississippi zieht vier Jahre später als erster Bundesstaat gegen die Tabakindustrie vor Gericht und fordert die Erstattung von Behandlungskosten ein, die dem Bundesstaat innerhalb des staatlichen Versicherungsprogramms Medicaid für die Versorgung von Rauchern entstanden sind. 1995 verbannt Kalifornien Zigaretten landesweit aus Restaurants und Bars. Vier Jahre später verklagt das amerikanische Justizministerium die großen Tabakkonzerne, die amerikanische Bevölkerung bei den Gesundheitsrisiken von Zigarettenrauch getäuscht zu haben. Seit 2009 stehen in den USA Produktion, Vermarktung und Verkauf von Tabakprodukten unter staatlicher Aufsicht. Im selben Jahr erhebt der Kongress eine Tabaksteuer. Seit 2012 läuft die erste, aus Washington D.C. finanzierte, landesweite Aufklärungskampagne.

Die USA, ein Land, das ansonsten stets auf die Freiheitsrechte seiner Bürger pocht und seit Jahren Schwierigkeiten hat, politischen Konsens zu finden, ist mit seinen umfassenden Anti-Raucher-Initiativen zu einem anerkannten Vorbild im Kampf gegen den Qualm geworden. „Die USA haben bemerkenswerte Fortschritte darin gemacht, den Anteil der Erwachsenen, die Tabak konsumieren, zu reduzieren“, schreibt die OECD in ihrer aktuellen Gesundheitsstatistik.

Auch die mächtige Tabakindustrie gerät immer wieder unter Beschuss. Erst im Juli dieses Jahres sorgte ein Gerichtsurteil international für Schlagzeilen. Ein Gericht in Florida verurteilte den zweitgrößten Tabakkonzern des Landes zu einer Zahlung von 23 Milliarden US-Dollar. Geklagt hatte die Witwe eines Kettenrauchers, der 1996 im Alter von 36 Jahren an Lungenkrebs gestorben war. Sie argumentierte, die Tabakfirma hätte die Gesundheitsrisiken, die ihr Produkt verursachte, bewusst verschwiegen.

Bei allen Erfolgen ist der Kampf der USA gegen die Zigarette noch nicht beendet. In einigen Bundesstaaten ist das Rauchen in Restaurants nach wie vor erlaubt, auch Werbeverbote werden nicht flächendeckend in den USA umgesetzt. Die Statistiken zeigen zudem, dass es im Land große Unterschiede innerhalb der Bevölkerungsgruppen gibt. Faktoren wie Nationalität, Herkunft, Bildungsstand, sozialwirtschaftlicher Status und Wohnort spielen bei der Frage nach dem Zigarettenkonsum eine erhebliche Rolle.

Nicht nur die „New York Times“ stellt fest, dass Rauchen in den USA heute „eine Gewohnheit der armen Bevölkerung und der Arbeiterklasse“ ist, während der Griff zur Zigarette Anfang des 20. Jahrhunderts ein Symbol der oberen Gesellschaftsschichten war. Eine Analyse der Universität von Washington/Seattle, für die staatliche Statistiken zum Tabakkonsum der Amerikaner zwischen 1996 und 2012 herangezogen wurden, legt offen, dass es in wohlhabenden Regionen deutlich besser gelungen ist, die Raucherraten zu senken, wohingegen in weniger gut situierten Gegenden teilweise kein Rückgang mehr zu verzeichnen ist.

Drastische Warnung vor den gesundheitlichen Gefahren des Rauchens im Jahr 2011– erste Warnlabels auf Zigarettenpackungen gab es in den USA schon 1966.
Drastische Warnung vor den gesundheitlichen Gefahren des Rauchens im Jahr 2011– erste Warnlabels auf Zigarettenpackungen gab es in den USA schon 1966.

Ein weiteres Problem ist, dass viele Raucher früh mit dem Rauchen beginnen – mit weitreichenden Folgen. „85 Prozent der Raucher fangen an, bevor sie 18 Jahre alt sind. Wenn sie die Highschool abschließen, wollen sie aufhören, können aber nicht. Man macht die Jugend von einer Droge abhängig, die einen von zwei lebenslangen Konsumenten töten wird”, erklärt Dr. Michael Eriksen von der Georgia State University, ein international angesehener Kämpfer gegen den Tabakkonsum.

Falls die Raucherraten junger Erwachsener auf dem heutigen Level bleiben, werden 5,6 Millionen junge Amerikaner, die heute unter 18 Jahre alt sind, frühzeitig an den Folgen des Rauchens sterben, prognostiziert die staatliche Institution Centers for Disease Control and Prevention.

Fakt ist: Noch immer rauchen in den USA 45 Millionen Menschen. Rauchen ist jedes Jahr für einen von fünf Sterbefällen verantwortlich und damit weiterhin die zentrale Todesursache für Amerikaner. Einige bekannte Darsteller der Marlboro-Kampagnen leben heute nicht mehr. Sie starben an: Lungenemphysem, Lungenkrebs, COPD.

Nora Schmitt-Sausen

Wendepunkt 1964

Die gesundheitlichen Risiken des Rauchens waren in den USA in der Öffentlichkeit bis in die 1960er Jahre nicht bekannt. Erst nachdem die Erkenntnisse der Wissenschaft immer klarer wurden, wurde die Gefahr durch das Rauchen ein Faktor in der Gesundheitspolitik. Präsident John F. Kennedy veranlasste eine Studie, die den Risiken des Rauchens auf den Grund gehen sollte, den Surgeon General’s Report on Smoking and Health, der seit 1964 jährlich erscheint. Er wurde zum „Meilenstein“ bei der Aufklärung und Raucherentwöhnung in den USA. Mit dem Satz „Die stärkste Verbindung zwischen dem Zigarettenrauchen und der Gesundheit ist Lungenkrebs“, leitete damals Luther Terry, Leiter der Studie, einen Wendepunkt ein. Nun war bekannt, dass Rauchen tödlich war. Eine Studie in
einer Sonderausgabe des Journals der American Medical Association (Januar 2014) skizziert, dass weitere acht Millionen Amerikaner an den Folgen des Rauchens gestorben wären, wenn auf die Erkenntnisse von 1964 nicht die weitreichenden Maßnahmen zur Tabakkontrolle gefolgt wären.

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