ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2014Arzneimittelversorgung: Der Arzt als „Schlüsselfigur“

POLITIK

Arzneimittelversorgung: Der Arzt als „Schlüsselfigur“

Dtsch Arztebl 2014; 111(48): A-2101 / B-1783 / C-1706

Richter-Kuhlmann, Eva

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Wer trägt die Verantwortung für die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln – Arzt oder Apotheker? Rechtlich ist die Kooperation teilweise widersprüchlich.

Foto: dpa
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Ein Raunen ging durch die Ärzteschaft, als die Apotheker im Sommer verlauten ließen, mehr Verantwortung für die Arzneimittelversorgung übernehmen zu wollen, indem sie den Patienten ein „systematisches Medikationsmanagement“ anbieten. Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände beschloss ein Strategiepapier, das eine Reform der Apotheker-Vergütung aufgrund veränderter Aufgaben vorsieht.

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In der Tat haben die Apotheker heute ein anderes Aufgabenspektrum als früher. Während der „15. Berliner Gespräche zum Gesundheitswesen“ widmeten sich die Juristen Prof. Dr. jur. Peter Wigge, Prof. Dr. jur. Stefan Huster und Dr. jur. Rainer Hess deshalb unter dem Titel „Arzt und Apotheker – Sektorenübergreifende Verantwortung für die Arzneimittelversorgung“ den „schwierigen geltenden rechtlichen Vorgaben“. Früher sei der Apotheker durch das Substitutionsverbot daran gehindert worden, Arzneimittelverordnungen des Arztes abzuändern, erklärte Hess, der ehemalige Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses. Der Apotheker habe die vom Arzt verordneten Medikamente nur abgegeben. Dieses sogenannte Substitutionsverbot sei allerdings durch die Einführung der Aut-Idem-Regelung im Jahr 2002 zunehmend infrage gestellt worden. Der Ersatz eines Medikaments durch ein wirkstoffgleiches Präparat durch den Apotheker ist seither nicht mehr ausgeschlossen.

Aus rechtlicher Sicht sei die Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker mittlerweile teilweise widersprüchlich, bestätigte Prof. Dr. jur. Peter Axer von der Universität Heidelberg. Nach der Apothekenbetriebsordnung sei der Apotheker zwar an die Verordnung des Arztes gebunden und dürfe von dieser nicht abweichen. Der Arzt habe immer noch die Schlüsselrolle bei der Arzneimittelversorgung inne, da nur er eine Therapie zulasten der gesetzlichen Krankenkassen veranlassen könne und die Verantwortung dafür trage. Auch in der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts werde der Vertragsarzt als „Schlüsselfigur“ bezeichnet. In vielen Fällen müsse der Apotheker jedoch aufgrund von Rabattverträgen das verschriebene Präparat gegen ein günstigeres Arzneimittel austauschen. Das sehe das Sozialgesetzbuch V vor. „In Bezug auf eine wirtschaftliche Verordnungsweise hat damit der Apotheker – ebenso wie der Gemeinsame Bundes­aus­schuss und die Verbände, die die Verträge schließen – zumindest eine weitere Schlüsselrolle erlangt“, erklärte Axner. „Nach der Apothekenbetriebsordnung soll der Apotheker beraten, aufklären und bei eigenen Bedenken beim Arzt nachfragen. Er darf jedoch nicht in die Therapie des Arztes eingreifen“, erläuterte Wigge und fragte: „Wo ist die Grenze zwischen Beratung und unerlaubter Diagnose?“

Für eine bessere Kooperation von Ärzten und Apothekern warb der Gesundheitsökonom Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Dabei sprach er sich für die Abbildung eines „Multimedikationschecks“ von Arzt und Apotheker durch die Kostenträger aus. Bei vielen Arzneimitteln könnten so Interaktionen gemindert werden. Die Zahl der Verordnungen werde in den kommenden Jahren angesichts der demografischen Entwicklung steigen, erläuterte er. Notwendig seien deshalb sektorenübergreifende Leitlinien zur Behandlung multimorbider Patienten sowie strukturierte Medikationsabgleiche bei Patienten, die mehr als fünf Arzneimittel gleichzeitig einnehmen müssten.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) will die Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern mit der Arzneimittelinitiative „ARMIN“ fördern, die im April in Sachsen und Thüringen startete.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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