ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2014Medizinstudium: Schein und Sein
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Die deutsche Hochschulmedizin fühlt sich durch private Ausbilder aus anderen Ländern, die Standorte in Deutschland eröffnen, bedroht. Da die kalkulierten Kosten für die Ausbildung zum Arzt deutlich unter den deutschen Richtsätzen liegen, wird ihnen relativ pauschal zu wenig Nachhaltigkeit bezüglich der Forschung und Lehre unterstellt. Doch der Spreißel beim anderen ist, wie das Sprichwort verrät, leichter zu sehen als das Brett vor dem eigenen Kopf. Könnte es nicht sein, dass die tradierten Ressourcen in Deutschland in einem Sumpf veralteter Pfründe versickern und der Schein einer hoch entwickelten wissenschaftlichen Ausbildung mehr Wunsch als Sein ist?

Das Dilemma beginnt bei der Frage, welche Art von Wissenschaft der Medizin angemessen ist. Die Naturwissenschaften haben zweifelsohne ihre Bedeutung, sie verwenden jedoch zur Beschreibung Modelle, die lebendige Prozesse nicht adäquat abbilden. So sind die Gesetze der Optik am Auge zwar demonstrierbar, sie führen jedoch nicht zu einem Verständnis des Sehens – im Gegenteil, sie suggerieren die Projektion eines verkleinerten Abbilds an der Fovea centralis. Unser optischer Eindruck entsteht jedoch erst durch eine pausenlose Bewegung des Auges; Ein starres Abbild existiert nicht. Im momentanen Medizinstudium werden die Naturwissenschaften ohne Klarstellung ihrer Berechtigung und Grenzen zumeist auf Schulniveau gelehrt, weil sie im Gegenstandskatalog des ersten Staatsexamens verankert sind. Doch zurück zur Wissenschaftsfrage: Manche Methoden der Geisteswissenschaft spielen in der Medizin eine wichtige Rolle, so zum Beispiel bei ethischen Betrachtungen. Doch weder klare Anleitungen zu einer Methodik noch eine wissenschaftstheoretische Reflektion finden während des Medizinstudiums statt. Der Begriff Geisteswissenschaft steht bei vielen für Mangel an naturwissenschaftlichen Standards und deutet auf „alternatives“ im Sinne von anrüchigem Denken hin. Bleibt der nicht ausgearbeitete Begriff der Lebenswissenschaften (Life sciences). Doch wie sich darin die Medizin platziert, auf welchen wissenschaftlichen Grundlagen die Modelle entwickelt werden und wie weit sie realitätstauglich sind, wird weder unter den Hochschullehrern noch in der Lehre diskutiert. Zu einer wissenschaftlichen Ausbildung gehört aber gerade diese Reflektion. Man muss also klar konstatieren, dass die ärztliche Ausbildung in Deutschland in Bezug auf die Wissenschaftlichkeit mangelhaft ist. Dieser Mangel wird jedoch gerade nicht durch die Empfehlungen des Wissenschaftsrates behoben, mehr Forschung in das Studium zu integrieren – sie erhöhen höchstens noch weiter die Studienkosten. Viel wichtiger wäre, eine fundierte Methodenkritik zu vermitteln, auf deren Basis Studenten und junge Ärzte vermeintliches Wissen und neue Ergebnisse adäquat einordnen können . . .

Betrachtet man den Ruf nach Beibehalten einer wissenschaftlich orientierten medizinischen Ausbildung unter den genannten Aspekten, dann muss man leider feststellen, dass es mit der Wissenschaftlichkeit der Ausbildung doch sehr im Argen ist. Wenn die Wissenschaft also gar nicht direkt in die Ausbildung transferiert wird, warum muss sie dann von den Ausbildern durchgeführt werden? In anderen Ländern (zum Beispiel England) gibt es den auf die Lehre spezialisierten Hochschuldozenten, ohne dass die Qualität der Lehre darunter leidet. In Deutschland wehrt man sich gegen Lehr-Professoren, anstatt das Potenzial für Qualität aufzugreifen und zu nutzen: So braucht man als Mischprodukt viele forschende Lehrärzte, die eine Verteuerung der medizinischen Ausbildung bedeuten. Dies spricht nicht gegen die Notwendigkeit medizinischer Forschung und ihre staatliche Unterstützung, doch Forschung und Lehre in einen Topf zu werfen, ist möglicherweise nicht mehr zeitgemäß.

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Prof. Dr. med. Christian Albrecht May, Anatomisches Institut, Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus, TU Dresden, 01307 Dresden

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