ArchivDeutsches Ärzteblatt21/1996Die Kraftfahreignung bei Hörstörungen und bei Vestibulariserkrankungen

MEDIZIN: Zur Fortbildung

Die Kraftfahreignung bei Hörstörungen und bei Vestibulariserkrankungen

Höhmann, Dirk

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LNSLNSLNSLNS Es ist einfach nachzuvollziehen, daß Störungen des Hörvermögens und der Vestibularisfunktion eine besondere Gefahrenlage beim Führen eines Kraftfahrzeuges darstellen können. Bei der Beurteilung der Kraftfahreignung wird dem Arzt ein sehr weiter Ermessensspielraum belassen. Bei Vestibulariserkrankungen gilt zu beurteilen, ob ein Anfall eine Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit bewirkt, ob ein Anfallsgeschehen so plötzlich auftreten kann, daß ein rechtzeitiges Abstellen eines Fahrzeuges nicht mehr möglich ist, und ob eine Wiederholungstendenz zu erwarten ist.


Seit 1956 existieren Richtlinien
der WHO für die medizinische Untersuchung von Bewerbern um eine Kraftfahrerlaubnis. Im Rahmen der EG wurde ein Übereinkommen über die Mindestanforderungen für die Erteilung und Gültigkeit von Fahrerlaubnissen erarbeitet, das in seiner zweiten Fassung als Richtlinie über den Führerschein 1991 verabschiedet wurde und zum 1. Juli 1996 in Kraft treten wird. Die Umsetzung in einzelstaatliches Recht soll bis zum 1. Juli 1997 erfolgt sein.
Das Gutachten "Krankheit und Verkehr" des gemeinsamen Beirats für Verkehrsmedizin beim Bundesminister für Verkehr und beim Bundesminister für Gesundheit beschäftigt sich seit 1973 mit Richtlinien zur Verkehrstauglichkeit und ist in seiner vierten Auflage 1992 veröffentlicht und mit der 14. Verordnung zur Änderung straßenverkehrsrechtlicher Vorschriften vom 1. April 1993 aktualisiert worden. Das Gutachten "Krankheiten und Verkehr" ist zwischenzeitlich eine unentbehrliche Orientierung für Behörden, Kraftfahrer und Gutachter. Dieses Gutachten erhebt Mindestanforderungen hinsichtlich der körperlichen und geistigen Tauglichkeit (Kraftfahreignung) für das Führen eines Fahrzeugs. Aufgrund der Bestimmungen zur Straßenverkehrszulassung (StVZO) hat die zuständige örtliche Behörde zu ermitteln, ob Bedenken gegen die Eignung eines Antragstellers zum Fahren von Kraftfahrzeugen vorliegen. Eine ärztliche Untersuchung als generelles Erfordernis ist hierin nicht enthalten. Wenn Tatsachen bekannt sind, die Bedenken gegen die körperliche und geistige Eignung des Bewerbers begründen, kann die Verwaltungsbehörde die Beibringung eines Gutachtens anfordern. Gegenstand der ärztlichen Untersuchung ist dann die Begutachtung der körperlichen oder geistigen Eignung im allgemeinen, wenn nicht die Verwaltungsbehörde ein Gutachten für eine bestimmte Eigenschaft (zum Beispiel Seh- oder Hörvermögen) anfordert. Welche Anforderungen da im allgemeinen oder an das Gehör im besonderen gestellt werden, ist durch Gesetzesvorschriften nicht festgelegt. Die Eignung muß vielmehr individuell durch das Sachverständigengutachten ermittelt werden.


Schwerhörigkeit
Es wird angenommen, daß die Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit im allgemeinen als gut kompensierbare Sinnesdefekte im Rahmen der Leistungen, die das Führen eines Kraftfahrzeuges erfordert, gelten. Bisher konnte dem Gutachten des gemeinsamen Beirats für Verkehrsmedizin folgend nicht nachgewiesen werden, daß Gehörlosigkeit bei Kraftfahrern zu einer signifikant größeren Unfallhäufigkeit führt. Aus statistischen Erhebungen in den Vereinigten Staaten (Feinsilver 1961, Coppin und Peck 1965) und der Schweiz (Wüthrich 1970) ist bekannt, daß gehörlose Fahrzeugführer im Vergleich zu Normalhörigen weniger Verkehrsübertretungen, aber etwas gehäuft Unfälle verursachen. Insgesamt gefährden sie den Straßenverkehr nicht vermehrt. Es bestehen keine Bedenken, bei einem Schwerhörigen oder Gehörlosen die Erteilung der Fahrerlaubnis für die Klassen 1, 3, 4 und 5 (Tabelle 1) zu befürworten. Gewisse Einschränkungen der Fahrerlaubnis sind möglich, wenn weitere erhebliche Einschränkungen der Sinnestätigkeit oder grobe intellektuelle Schwächen die gesamte Leistungs- und Belastungsfähigkeit herabsetzen. Ein Ausschluß solcher Mängel ist dann Gegenstand medizinisch-psychologischer Untersuchungen. Für die Beurteilung kommt es auf die Auswirkungen der Ursachen des Leidens an, soweit sich diese nicht nur auf den Hörsinn erstrecken, sowie auf zusätzliche und komplizierende Mängel.
Hinsichtlich des Hörvermögens kann die Erteilung oder Erneuerung einer Fahrerlaubnis bei Bewerbern oder Führern von Kraftfahrzeugen zur Fahrgastbeförderung (Taxi, Omnibus), von Kraftwagen mit einer zulässigen Gesamtmasse von mehr als 3 500 kg, von Fahrzeugkombinationen mit einem Zugfahrzeug von mehr als 3 500 kg und einem Anhänger einer zulässigen Gesamtmasse von mehr als 750 kg, von Kraftwagen zur Personenbeförderung mit mehr als acht Sitzplätzen außer dem Fahrersitz und von Fahrzeugkombinationen mit einem Anhänger mit einer zusätzlichen Gesamtmasse von mehr als 750 kg vorbehaltlich eines ohrenärztlichen Gutachtens erfolgen. Für das Führen von Fahrzeugen zur Fahrgastbeförderung (Taxi, Omnibus) ist ein Hörvermögen zu fordern, das eine gute mündliche Verständigung mit den Fahrgästen ermöglicht. Im allgemeinen wird eine Hörweite für Umgangssprache von etwa fünf Metern gefordert. Bei der ärztlichen Untersuchung sollen insbesondere die Kompensationsmöglichkeiten im Hinblick auf eine hörgerätetechnische Versorgung berücksichtigt werden. Grundsätzlich muß sichergestellt werden, daß alle anderen Sinnesfunktionen, insbesondere das Sehvermögen, intakt sind
und daß keine geistigen Mängel bestehen. Feldmann (1984) empfiehlt, daß die Begutachtung des Hörvermögens sich darauf beschränken sollte, die nachweisbaren Mängel und Fähigkeiten im Hinblick auf die Eignung zum Führen eines Kraftfahrzeuges darzulegen; die endgültige Entscheidung solle der Untersucher einem medizin-psychologischen Institut und der praktischen Prüfung überlassen.
Für einen Berufskraftfahrer sind die Anforderungen ganz allgemein strenger zu handhaben. Für Bewerber um die Fahrerlaubnis der Klasse 2 mit beiseitiger Gehörlosigkeit oder hochgradiger Schwerhörigkeit wird eine vollständige Beherrschung von Fahrzeugen der Erlaubnisklasse 3 und die Verkehrserfahrung in dreijähriger Fahrpraxis vorausgesetzt. Es wird davon ausgegangen, daß Bewerber um diese Fahrerlaubnisklasse (Fahrzeugführer Gruppe 2) (nebenstehender Textkasten) Berufskraftfahrer werden wollen, daß sie sich durch Tages- und Nachtfahrten vielen Gefahren aussetzen, daß die Kontrolle über einen störungsfreien Lauf der Maschine zumindest eingeschränkt ist und daß wegen dieser Gründe die speziellen Kompensationsleistungen zur sicheren Teilnahme am motorisierten Straßenverkehr über die Einstellung des optischen Systems voll entwickelt sein sollten, bevor die Bewerber diese Belastungen übernehmen. Als Leitsätze für
die Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit bei beruflicher Fahrgastbeförderung können genannt werden (Tabelle 2): Eine beidseitige Gehörlosigkeit oder hochgradige Schwerhörigkeit schließt das Führen von Kraftfahrzeugen, die der Fahrgastbeförderung dienen, aus. Eine hochgradige Schwerhörigkeit liegt dann vor, wenn Umgangssprache nur in einer Entfernung von weniger als ein Meter gehört wird. Eine Hörweite von fünf Metern für Umgangssprache sollte gefordert werden.


Gleichgewichtsstörungen
Im Gegensatz zu Hörstörungen dürfen Kranke mit schwerwiegenden Gleichgewichtsstörungen in keinem Fall ein Fahrzeug führen. In diesen Fällen gilt: Wer unter ständigen oder anfallsweise auftretenden Störungen des Gleichgewichts leidet, ist zum Führen von Kraftfahrzeugen aller Klassen ungeeignet (Fahrzeugführer Gruppe 1 und Gruppe 2 nach EG-Recht) (Textkasten). Auch bei Fehlen subjektiver Erscheinungen oder spontaner beziehungsweise Provokationssymptome bedeuten positive Befunde bei der experimentellen Prüfung zumindest eine Störung des Gleichgewichts unter erschwerten Bedingungen (Tabelle 2).
Es ist einfach nachzuvollziehen, daß bei Störungen des Gleichgewichts, die spontan oder unter besonderer Belastung auftreten, besondere Gefahrenlagen entstehen können. Diese können dann mit oder ohne Schwindelsymptome zu Störungen der Orientierung über die Körperstellung beziehungsweise Körperlage im Raum oder zu groben Störungen der Richtungskontrolle für Fremd- und Eigenbewegungen führen. Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, die mit dem Auftreten dieser Schwindelerscheinungen verbunden sind (obenstehender Textkasten). Der Schwindel kann hierbei plötzlich und für den Kranken unvorhersehbar auftreten. Für jedes Schwindelanfallgeschehen sind hauptsächlich drei Kriterien zu beurteilen:
1 Ergibt sich durch den Anfall eine Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit?
1 Kommt das Anfallgeschehen so plötzlich, daß ein rechtzeitiges Abstellen des Fahrzeuges und Abwarten der Anfallsfolgen nicht mehr möglich ist?
1 Welche Wiederholungstendenz und welche Wiederholungsfrequenz ist zu erwarten? Ist eine Kompensation eingetreten, und gegebenenfalls in welchem Stadium befindet sich die Erkrankung?
Anstelle einer pauschalen Disqualifizierung von Personen mit Schwindel sollte eine individuelle Ermittlung des Risikos im Einzelfall stattfinden. Es geht also um eine allgemeine Risikoabwägung, nicht hingegen um eine standardisierte Kategorisierung nach Diagnosen (Barolin 1991). Die bundesdeutsche Gesetzgebung begnügt sich mit einer relativ allgemeinen Formulierung und läßt damit dem Arzt einen sehr weiten Ermessensspielraum für seine Beurteilung. Ein Problem der Begutachtung ist, daß der Arzt im Hinblick auf einen Anfall im Gegensatz zu permanenten, meßbaren Ausfällen nur auf Schätzungen angewiesen ist. Über die Koinzidenz der Schwindelerscheinungen bei diesen Erkrankungen und möglichen Unfallfolgen ist bislang im Gegensatz zu Untersuchungen zur Epilepsie wenig bekannt.
Fehlen bei Störungen des Gleichgewichts subjektive Erscheinungen oder Provokationsymptome, so wird angenommen, daß sich die Gefahr ganz erheblich verringert. Im gewöhnlichen Lebens- und Leistungsbereich werden Menschen mit lediglich positiven Befunden bei der experimentellen Prüfung (rotatorische und kalorische Vestibularisprüfung) im allgemeinen unauffällig sein. Eine Beurteilung der Fahrtüchtigkeit muß in diesen Fällen im Einzelfall erfolgen. Die Stellungnahme zur Fahrtüchtigkeit wird sich an einer konsequent durchgeführten antivertigenosen Medikation, an einer konsequenten, engmaschigen Kontrolle beim HNO-Arzt und an einem anfallsfreien Intervall orientieren, das mindestens sechs Monate lang sein sollte. In bezug auf den Schwindelanfall gilt hierbei die Anamnese zur Anfallskontrolle als der beste Voraussageparameter. In diesen Fällen sollte die Erteilung der Fahrerlaubnis von regelmäßigen Untersuchungen beim HNO-Arzt abhängig gemacht werden.
Die ärztliche Beratung als auch die ärztliche gutachterliche Äußerung unterliegt den Regeln der Sorgfaltspflicht. Die Gefahr der Verschlechterung einer Erkrankung bedingt regelmäßige Untersuchungen. Grobe Fahrlässigkeit beim Arzt kann für ihn Rechtsfolgen haben.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-1404–1407
[Heft 21]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis im Sonderdruck, anzufordern über den Verfasser.


Anschrift des Verfassers:
PD Dr. med. Dirk Höhmann
Euro-Med-Clinic, Euro Ear & Skull Base Center
Europa-Allee 1 90763 Fürth

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