ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2014Psychotherapie: Die Braven und die Cleveren
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Der Artikel erweckt den Eindruck, als müssten sich die Krankenkassen vor einer Flut von Psychotherapeuten schützen, die die Ausgaben im Gesundheitssystem ins Unermessliche steigen lassen. Dabei betrugen 2010 die Ausgaben für ambulante Psychotherapie 1,5 Milliarden Euro, was einem Anteil von sechs Prozent an den gesamten Honorarausgaben der gesetzlichen Krankenkasse für vertragsärztliche Leistungen entspricht. Demgegenüber ging laut Bundesregierung allein im Jahr 2008 ein Produktionsausfall von 26 (!) Milliarden Euro auf psychische Erkrankungen zurück.

Die Ausgaben müssten begrenzt werden, dem Gutachterverfahren wird von (Gutachter) Prof. Linden eine wichtige Rolle der Kontrolle attestiert. Das Gutachterverfahren diene der „Ressourcen-Allokation“, auch genannt Priorisierung. Mir ist keine Facharztgruppe bekannt, die bei so geringen Verdienstmöglichkeiten im Vergleich mit anderen Facharztgruppen ständig beweisen muss, dass ihre Leistungen „notwendig, indiziert, machbar, nützlich, hilfreich, wünschenswert, wirtschaftlich oder optimal“ sind. Wir Psychotherapeuten stellen dreiseitige, klein gedruckte DIN-A4-Anträge, damit wir 25-stündige Kurzzeittherapien um weitere 20 Sitzungen ergänzen dürfen, um Therapien angemessen fortführen zu können . . .

Man stelle sich vor, teure Untersuchungen, teils unnötige Operationen, Medikamente gegen Herzinsuffizienz in fortgeschrittenen Stadien, Chemotherapien, andere lebensverlängernde Maßnahmen, Intensivmedizin, teils langjährige nutzlose Psychopharmakotherapien müssten vorher beantragt und auf ihre „nachhaltige Wirkung“ begutachtet werden. Da liegt doch ein echtes Einsparpotenzial, oder? Welche Auswirkungen hat das leidige Gutachterverfahren aber auf uns Therapeuten?

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Die „braven“ Therapeuten schieben die Anträge auf, stöhnen, investieren die Zeit schließlich, setzen sich mit Gutachtern, eventuell noch Obergutachtern auseinander, kämpfen für ihre Patienten und freuen sich über die Bewilligung wie Kinder über den Weihnachtsmann. Wenn sie Glück haben, verdient der Ehepartner ganz gut, oder beide sind Therapeuten, dann geht’s irgendwie.

Die clevereren Kollegen machen nur noch Kurzzeittherapien, teilen den Patienten mit, dass die Kasse leider nicht mehr Sitzungen übernehmen wird, die verärgerten Patienten wechseln zu braven Therapeuten, die noch mal stöhnen und Therapien unter erschwerten gutachterlichen Bedingungen, weil Therapeutenwechsel, beantragen.

Die betuchteren Kollegen investieren Geld in teure Zusatzausbildungen, werden Supervisoren und Dozenten, wechseln die Seite und werden selbst Gutachter und klagen darüber, dass selbst Gutachter für Langzeittherapien, so sie überhaupt noch ambulante Therapie anbieten, Anträge bei den Gutachterkollegen stellen müssen.

Die Mutigeren unter uns geben ihren Kassensitz ab, weil sie keine Lust mehr haben, sich für Billiglohn auch noch ständig kontrollieren, einschränken und belehren zu lassen. Sie werden kreativ, innovativ, behandeln Privatpatienten und Selbstzahler, bieten neben ausgezeichneten Psychotherapien auch noch Beratung und Coaching an, verdienen ehrlich gutes Geld, freuen sich des Lebens, während die Braven spätabends noch an ihren Gutachten sitzen . . .

Dr. med. Johannes Abel, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, 66954 Pirmasens

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Avatar #79783
Practicus
am Freitag, 20. Februar 2015, 23:37

Trotzden unterdiagnostiziert!

Das passt irgendwie nicht zusammen - zumindest die psychologischen Psychotherapeuten dürfen gar keine AU-Bescheinigungen ausstellen. Und die vermehrte Kodierung der Diagnose "Depression" zeigt zunächst mal nur, dass immer mehr Ärze gelernt haben, eine Depression auch zu erkennen.
Trotzdem geht immer noch nur die Hälfte der Depressionskranken überhaupt zum Arzt, und dort wird wiederum nur die Hälfte der Depressionen überhaupt erkannt. Jeder dritte erleidet im Laufe seines Lebens irgendwann eine depressive Episode. Zudem sind Depressionen oft Zweitdiagnosen bei anderen Erkrankungen, die infolge der verbesserten Codierqualität (EBM und RSA lassen grüßen) einfach häufiger auch dokumentiert werden.
Die Zahl der unerkannten und unbehandelten Depression ist etwa doppelt so große wie die der erkannten Erkrankungen.
Depression ist ein sehr exakt definiertes Krankheitsbild und keine aus den Fingern gesaugte Krankheit.
Eine fahrlässig diagnostizierte Depression kann den Arzt in erhebliche Schwierigkeiten bringen, schließt er den Patienten damit doch für viele Jahre von jeder Lebens- Berufsunfähigkeits- und Zusatzkrankenversicherung aus, da kann die Haftung teuer werden!
Avatar #621410
jsbielicki
am Donnerstag, 19. Februar 2015, 20:21

Vermehrte Psychotherapien führen zu vermehrten Arbeitsfehlzeiten

Da ein Tel der Psychotherapiepatienten eine Psychotherapie nur zum Zwecke der Erlangung einer AU-, BU-, oder EU-Bescheinigung oder anderer geldwerter Vorteile des Sozialsystems anstrebt, führt vermehrte Anzahl von Psychotherapien nicht zur Verminderung sondern zur Vermehrung der Arbeitsfehlzeiten. Deswegen stieg nach der TK-Studie die Anzahl der Diagnosen "Depression" (wohlgemerkt: der Diagnosen, nicht der Depressionen!) zwische 2000 und 2013 um 70%.
Avatar #661913
Doro Maier
am Freitag, 5. Dezember 2014, 10:19

Keine Hilfe finden

Schön dargestellt. Und als Insider müssen Sie ja wissen, wie die Verhältnisse tatsächlich sind. Ich kann das Ausgeführte bestätigen. Das Problem ist, dass damit für gesetzlich Versicherte mit schweren Belastungen (z.B. Traumafolgen nach sexuelisierter Gewalt in der Kindheit) nur eine Sorte Psychotherapeuten infrage kommt: die "Braven". Andere können sie sich schlichtweg nicht leisten, da viele eben aufgrund ihrer Traumatisierungen in prekäre finanzielle Verhältnisse abrutschen. Die "Braven" sind deshalb heillos überlaufen. Von der mangelnden Qualifikation vieler Psychotherapeuten in Sachen Traumafolgen nach sexualisierter Gewalt in der Kindheit ganz zu schweigen. Bedenkt man dann noch, dass nicht jede/r Psychotherapeut/in für jede/n Patient/in passt, dann wird klar, warum so viele (viel zu viele) schwer Traumatisierte keine Hilfe finden.

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