ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2014Trauer: Krank ist anders

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Trauer: Krank ist anders

Dtsch Arztebl 2014; 111(49): A-2164 / B-1830 / C-1750

Voß, Burkhard

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Dr. med. Burkhard Voß, Neurologe
Dr. med. Burkhard Voß, Neurologe

Spätestens seit den 1990er Jahren hat sich die Psychotherapie auch der Trauerarbeit hingegeben. War der Schmerz nach Verlust des Lebenspartners zu groß, gab es die Klinikeinweisung. „Irgendjemand muss sich doch darum kümmern“, meinte meine damalige Chefin in einer kleinen psychiatrischen Abteilung am Niederrhein. Wenn es der Einzelne oder die Gesellschaft nicht mehr schafft, muss es wohl die Medizin richten, im konkreten Fall die Psychiatrie oder Psychotherapie. Und wenn Hausärzte und Internisten das Wehklagen der Patienten nach einem Todesfall nicht mehr ertragen können, gibt es die Überweisung zum Facharzt für die Probleme, die das genervte Umfeld nicht mehr hören kann.

Als niedergelassener Neurologe und Psychiater mit der Zusatzbezeichnung Psychotherapie bekam ich neulich gleich drei Patienten an einem Vormittag überwiesen, die um ihre verstorbenen Angehörigen trauerten, bei einem lag der Todesfall gerade erst vier Wochen zurück. Als ob Gott mich prüfen wollte, erreichten mich am selben Vormittag zwei Arztbriefe über stationär-psychiatrische Aufenthalte, bei denen die Trauerarbeit nach dem Tod des Katers beziehungsweise Hundes ein wesentliches psychodynamisches Element für die Verlängerung des stationären Aufenthaltes war.

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Wie war das noch mit den viel zu wenigen Psychotherapieplätzen in Deutschland? Vielleicht bietet ja die tiergestützte Psychotherapie die Lösung dieses Problems. So, jetzt ist das auch heraus, und es geht mir deutlich besser. Der Präsident der Bundestherapeutenkammer, Professor Richter, hat zur Trauer nach dem Verlust einer nahestehenden Person Folgendes festgestellt: „Wer intensiv trauert, erfüllt zwar häufig formal die Kriterien einer Depression, ist aber nicht krank. Die meisten Trauernden verkraften ohne Behandlung den Verlust einer geliebten Person. Der Schmerz von Trauernden kann durchaus Monate oder über ein Jahr dauern und sollte nicht als behandlungsbedürftig gelten.“ Sehr vernünftig, was von oben verkündet wird. Es spiegelt aber nicht die Realität an der Basis wider.

Spontan fällt mir da ein Artikel in der Fachzeitschrift Neuroaktuell ein, wo Psychotherapie als Vorbereitung auf die Vaterrolle einer homosexuellen Patientin beantragt wurde. Aber zurück zur Trauerarbeit. Das ist zwar nicht die einzige Arbeit, die hierzulande noch geleistet wird, liegt aber mächtig im Trend. Doch ähnlich wie Helikopter-Eltern und Laissez-faire-Pädagogen letztlich das Gegenteil von dem erreichen, was sie erreichen wollen, wird auch Trauerarbeit durch Psychotherapie zu einer immer weiteren Absenkung der Schwelle zum psychisch Kranksein beitragen. Genau das ist aber derzeit in vollem Gange, DSM-V und ICD-11 lassen grüßen. Um dem entgegenzuwirken, bedarf es schon eines Weitblicks, wie ihn der Historiker und Sozialpsychiater Klaus Dörner hat. Wenn es zu arg wird mit der Inanspruchnahme psychologischer Hilfe empfiehlt er: Manchmal ist es die größte Hilfe, alle Hilfen zu unterlassen. Das soll nicht heißen, dass man den trauernden Patienten mit den Worten „das ist Ihr Problem“ abfertigt. Aber statt reflexhaft zum Überweisungsschein zu greifen, wäre es besser zu sagen: „Es ist okay, wenn du trauerst. Du darfst trauern. Trauern gehört zum Menschsein dazu und du wirst es überwinden, auch wenn es heute nicht so aussieht.“ Denn sonst wird aus so manch einem MVZ ein MTZ – ein medizinisches Trauerzentrum.

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