ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2014Ambulante spezialfachärztliche Versorgung: Vollbremsung droht

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Ambulante spezialfachärztliche Versorgung: Vollbremsung droht

Ankowitsch, Eugenie

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Erst im April hat die Umsetzung der ambulanten spezialfach-ärztlichen Versorgung begonnen. Doch das geplante Versorgungsstärkungsgesetz droht sie nun auszubremsen.

Der Bestandsschutz für laufende § 116b-Verträge mindert die Motivation, sich an der ASV zu beteiligen. Foto: iStockphoto
Der Bestandsschutz für laufende § 116b-Verträge mindert die Motivation, sich an der ASV zu beteiligen. Foto: iStockphoto

Kaum fiel der Startschuss für die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV), droht bereits das Scheitern des mittlerweile dritten Versuchs, die ambulante und stationäre Versorgung miteinander zu verschmelzen. So ist im Entwurf des GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes (GKV-VStG) eine Änderung des Paragrafen 116b SGB V vorgesehen, die den Krankenhäusern, die bereits über eine Genehmigung für ambulante Leistungen nach § 116b SGB V alter Fassung verfügen, erlaubt, diese grundsätzlich auf unbestimmte Zeit zu behalten. „Damit entfällt für Krankenhäuser mit Bestandsgenehmigungen jegliche Notwendigkeit, sich an der ASV zu beteiligen und mit niedergelassenen Ärzten zu kooperieren“, warnte Dr. med. Axel Munte, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes ambulante spezialfachärztliche Versorgung e.V., auf dem Leuchtturmsymposium seines Verbandes in Berlin. In Regionen mit besonders vielen Bestandsgenehmigungen werde der Zugang zur ASV für niedergelassene Fachärzte damit kaum noch möglich sein.

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Auch der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Köhler, kritisierte die geplante Vorschrift: „Was soll die Deutsche Krankenhausgesellschaft dann noch dazu motivieren, im Gemeinsamen Bundesausschuss in diesem Bereich etwas voranzutreiben?“ Allerdings äußerte er sich verhalten optimistisch, dass die Regelung im Laufe des VStG-Gesetzgebungsverfahrens geändert werden könnte. So gebe es „Erkenntnisprozesse“ im Bundesgesundheitsministerium und Signale, dass „vielleicht andere Lösungen“ angestrebt würden.

Doch verbessert die ASV tatsächlich die Versorgung? Zumindest im Bereich der Seltenen Erkrankungen werden einige Nachbesserungen gefordert.

So bietet die ASV aus Sicht des Bundesverbandes ambulante spezialfachärztliche Versorgung e.V. grundsätzlich große Chancen für die Behandlung von Menschen mit seltenen Erkrankungen. Köhler bezeichnete sie für die Versorgung der Betroffenen gar als „alternativlos“, da weder Selektivverträge noch der Kollektivvertrag für die Behandlung der rund vier Millionen Betroffenen in Deutschland geeignet seien. Allerdings sahen sowohl Munte als auch Köhler Probleme in der Organisationsstruktur, den Qualifikations- und Strukturvoraussetzungen sowie bei der Vergütung.

Eine große Herausforderung für die ASV im Bereich der seltenen Erkrankungen sind aus Sicht von Köhler die räumliche Verteilung sowie geringe Fallzahlen. So gab es im Jahr 2013 seinen Angaben nach in Deutschland 140 000 Patienten mit Tuberkulose als Verdachts- oder gesicherte Diagnose. Obwohl Tuberkulose eine vergleichsweise häufige seltene Erkrankung sei, habe ihr Anteil am gesamten Leistungsbedarf nur 0,3 Prozent betragen. „In den Vergütungsdiskussionen müssen wir berücksichtigen, dass eine Praxis trotz geringer Fallzahlen und höherem Zeitbedarf wirtschaftlich tragfähig sein muss, ohne andererseits Missbrauchsanreize zu schaffen“, sagte Köhler. In der ASV habe man sehr viel bessere Chancen, besondere Vergütungsaspekte zu etablieren, als in der Regelversorgung.

Der Vorsitzende der Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (ACHSE), Dr. Andreas Reimann, kritisierte außerdem die Katalogisierung der seltenen Erkrankungen als „unvollständig, unzweckmäßig und ungerecht“. Er schlug vor, die Zugangsberechtigung zur ASV über die Prävalenz, wie sie bei seltenen Erkrankungen üblich ist (weniger als fünf pro 10 000 Einwohner in Deutschland), zu definieren.

Viel Kritik gab es wiederholt für die Umsetzungsgeschwindigkeit der neuen Versorgungsebene sowie für den Bürokratieaufwand. Norbert Lettau, Vorsitzender des Erweiterten Landesausschusses in Hamburg, bezeichnete den Aufwand sowohl für das ASV-Team als auch für die Landesausschüsse als „unverhältnismäßig“. Nach den ersten Erfahrungen in Hamburg liege das Volumen einer Anzeige für die Indikation Tuberkulose pro Team bei mehr als 150 Seiten. Auch die Resonanz sei bisher äußerst bescheiden.

Eugenie Ankowitsch

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