POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Angelika Claußen, Mitglied der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW: Eine schreckliche Situation

Dtsch Arztebl 2014; 111(49): A-2149 / B-1831 / C-1751

Ollenschläger, Philipp

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Im kurdischen Teil des Iraks, rund um die Stadt Dohuk, leben derzeit geschätzte 630 000 Menschen, die sich vor den Angriffen des Islamischen Staates retten konnten. Die Situation in den Flüchtlingslagern ist prekär, die Behörden sind durch den Flüchtlingsstrom überfordert.

Unter welchen Bedingungen leben die Flüchtlinge, die vor dem Terror des Islamischen Staates (IS) geflohen sind?

Angelika Claußen: Die Situation in den Camps ist schrecklich. Die meisten Zelte sind nicht winterfest, es ist keine warme Kleidung vorhanden und bald wird es dort sehr kalt. Zudem sind die hygienischen Verhältnisse miserabel. Die UNHCR-Norm besagt, dass für 68 Personen eine Toilette bereitgestellt werden muss. Ich finde das unzumutbar. Die Frauen haben berichtet, dass sie gar nicht auf die Toilette gehen, weil sie von Männern bedrängt werden. Es gibt bisher noch keine Schulen. Die kurdische Regionalregierung versucht viel für die Flüchtlinge zu unternehmen, aber die Behörden sind aufgrund der Masse an Flüchtlingen überfordert. Während anfangs viele Flüchtlinge unter Brücken oder in baufälligen Häusern Schutz gesucht haben, sind inzwischen nach offiziellen Zahlen 90 Prozent der 630 000 Flüchtlinge, die nach Dohuk geflohen sind, in Flüchtlingscamps untergekommen.

Angelika Claußen ist Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Mitglied der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW und hat im Oktober mit zwei jesidischen Freundinnen Flüchtlingscamps im Nordirak besucht. Foto: IPPNW
Angelika Claußen ist Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Mitglied der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW und hat im Oktober mit zwei jesidischen Freundinnen Flüchtlingscamps im Nordirak besucht. Foto: IPPNW

Was haben Sie über das Leid der Flüchtlinge erfahren?

Claußen: Ich habe eine Gynäkologin kennengelernt, die momentan ein Projekt für „Rückkehrerinnen“ startet. Damit sind die Frauen gemeint, die von der IS-Miliz entführt worden sind und von ihren Familien zurückgekauft wurden. Die Entführten wurden meist von ihren Nachbarn verraten. Viele Menschen haben mit dem IS kooperiert. Die IS-Milizionäre trennen dann Männer und Frauen. Die Frauen werden nach Alter und Aussehen sortiert, als Sexsklavinnen missbraucht oder gezwungen als Hausdienerinnen zu arbeiten. Ich habe mit einer Frau gesprochen, deren beide Töchter nach Mossul verschleppt und von dort weiterverkauft wurden. Ihr Ehemann und ihr Sohn sind noch in IS-Gefangenschaft. Zehn ihrer Familienangehörigen sind direkt beim Überfall des IS gestorben. Sie selbst ist in einer arabischen Familie gelandet. Nach einiger Zeit hat man ihr ein Telefon gegeben, damit sie ihre Familie anruft, um ein Lösegeld auszuhandeln. Mich hat besonders die Mittäterschaft der Nachbarn schockiert. Nach der Rückkehr muss mit psychischen Erkrankungen, mit den verschiedenen Formen der posttraumatischen Störungen gerechnet werden: posttraumatische Belastungsstörungen, schwere Depressionen, Suizidalität. Nach dem Überleben, wenn etwas Ruhe eingekehrt ist, realisieren Betroffene erst das ganze Ausmaß der Verluste ihrer geliebten Angehörigen.

Wie ist es um die psychologische
Betreuung der Flüchtlinge bestellt?

Claußen: Ich habe ein psychologisches Behandlungszentrum der Jiyan-Stiftung besucht, das sehr gut ausgestattet war. Dort werden monatlich 200 Menschen behandelt. Doch da in der Gegend 630 000 Flüchtlinge leben, sind die Kapazitäten viel zu klein. Dieses Behandlungszentrum organisiert mobile Sprechstunden in den Flüchtlingslagern. Zur Behandlung der Hunderttausenden Flüchtlinge müssten neue Zentren eingerichtet und das Personal aufgestockt werden.

Außerdem habe ich die psychologische Fakultät in Dohuk und ein psychiatrisches Krankenhaus besucht. Es wird dort dringend mehr Personal benötigt. Es wäre hilfreich, wenn deutsche Universitäten mit den dortigen Fakultäten Partnerschaften eingingen, um die psychotherapeutische Ausbildung des Personals zu unterstützen.

Das Interview führte Philipp Ollenschläger.

Spenden:

Verband Kurdischer Ärzte in Deutschland e.V.
Stichwort: Spende für Flüchtlinge in Kurdistan
Deutsche Apotheker und Ärztebank
IBAN: DE 39 3006 0601 0008 7790 23
Konto Nr: 0008779023
BIC: DAAEDEDDXXX
BLZ: 30060601

Jiyan Foundation (ehemalig: Kirkuk Center for
Torture Victims)
Kirkuk Center for Torture Victims
Bank für Sozialwirtschaft Berlin
IBAN: DE14 1002 0500 0003 1396 01
BIC/SWIFT: BFSWDE33BER

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