ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2014Körperbilder – Diego Velázquez (1599–1660): In den Fesseln Amors

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder – Diego Velázquez (1599–1660): In den Fesseln Amors

Dtsch Arztebl 2014; 111(49): [68]

Schuchart, Sabine

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Als die Suffragette Mary Richardson am 10. März 1914 in Londons National Gallery mit einem Messer auf Velázquez’ „Rokeby Venus“ einstach, um gegen die Darstellung von Frauen als Sexobjekte und die Inhaftierung einer Mitstreiterin zu demonstrieren, war die Nation erschüttert. Das einzige erhaltene Aktbild des bewunderten spanischen Hofmalers hatte die National Gallery sechs Jahre zuvor mit großzügigen Spenden der Bevölkerung und König Edwards VII. erworben. 1651 tauchte es erstmals im Inventar des Marqués del Carpio auf, eines Kunstsammlers und berüchtigten Frauenhelden. Von Spanien gelangte es 1813 nach England und danach auf den Landsitz Rokeby Park, der der Venus ihren offiziellen Zweitnamen geben sollte.

Diego Velázquez: „Venus mit dem Spiegel (Rokeby Venus)“, 1647–1651, Öl auf Leinwand, 122,5 x 177 cm: Eine unbekleidete Frau liegt mit dem Rücken zum Betrachter träge auf einem Bett und betrachtet sich im Spiegel. Das berühmte spanische Aktbild aus dem 17. Jahrhunderts gilt als eine der schönsten Darstellungen des weiblichen Körpers in der Kunst. © London, The National Gallery
Diego Velázquez: „Venus mit dem Spiegel (Rokeby Venus)“, 1647–1651, Öl auf Leinwand, 122,5 x 177 cm: Eine unbekleidete Frau liegt mit dem Rücken zum Betrachter träge auf einem Bett und betrachtet sich im Spiegel. Das berühmte spanische Aktbild aus dem 17. Jahrhunderts gilt als eine der schönsten Darstellungen des weiblichen Körpers in der Kunst. © London, The National Gallery

Auch weil sie mehr verbirgt als sie offenbart, beflügelt die nackte Schöne auf dem anthrazitfarbenen Laken erotische Phantasien. Ihre Geschlechtsmerkmale sind ebenso wenig zu erkennen wie ihr Gesicht, das der Spiegel nur schemenhaft andeutet. Sie hat die Augen geschlossen, was den Betrachter der intimen Szene zum Voyeur werden lässt und den Blick auf ihre vollkommenen weiblichen Formen lenkt. Aber ihre Sinnlichkeit bleibt vage, diffus wie ihr Anblick im Spiegel. Allein mit meisterhaft modellierten perlmuttartigen Tönen und subtilsten Schattierungen hauchte der Maler ihrem Körper pulsierendes Leben ein. „An dieser Frau ist eine Ambivalenz, eine Ungewissheit, ob sie ein menschliches Wesen oder eine mythische Göttin ist“, urteilte die Velázquez-Expertin Enriqueta Harris. Zwar thematisierte der Künstler mit dem Werk die Göttin der Liebe, für die Cupido den Spiegel hält. Die Bänder am Spiegel spielen auf die Liebesfesseln Amors an. Aber ihr Leib wirkt so real, dass das Bild, um der Inquisition zu entgehen, in Spanien öffentlich nicht gezeigt werden durfte. Velázquez malte es vor oder während seiner zweiten Italienreise, bei der er für seinen König Kunst einkaufte. Das nach der Londoner Attacke mit großem Aufwand restaurierte Gemälde ist derzeit im Rahmen einer großartigen Velázquez-Retrospektive in Wien zu sehen – zusammen mit weiteren Schlüsselwerken des Spaniers. Sabine Schuchart

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Ausstellung

„Velázquez“
Kunsthistorisches
Museum, Burgring 5, Wien;
www.khm.at
Di.–So. 10–18 Uhr, Do. 10–21 Uhr;
bis 15. Februar 2015
Grand Palais, 3,
Avenue du Général
Eisenhower, Paris
25. März bis 13. Juli 2015

1. „Velázquez“, Katalog zur Ausstellung, gebundene Ausgabe, Deutsch/Englisch, 336 Seiten, Hirmer 2014; 45 Euro

2. José López-Rey: „Velázquez. Das vollständige Werk“, gebundene
Ausgabe, Deutsch, 416 Seiten, Taschen 2014; 99,99 Euro

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