ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2014Alt Rehse – Idylle und Verbrechen: Was wir von bösen Orten lernen können

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Alt Rehse – Idylle und Verbrechen: Was wir von bösen Orten lernen können

Dtsch Arztebl 2014; 111(49): A-2162 / B-1828 / C-1748

Stommer, Rainer

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Um das Ensemble der „Führerschule der deutschen Ärzteschaft“ in seiner Organisation, Funktion und Intention verstehen zu können, muss der Ort in seiner architektonischen und städtebaulichen Form erhalten werden.

Auf den ersten Blick Idylle pur: In Alt Rehse entstand seit 1934 die „Führerschule der deutschen Ärzteschaft“ – ein Schulungslager zur ideologischen Ausrichtung. Fotos: Sammlung EBB Alt Rehse
Auf den ersten Blick Idylle pur: In Alt Rehse entstand seit 1934 die „Führerschule der deutschen Ärzteschaft“ – ein Schulungslager zur ideologischen Ausrichtung. Fotos: Sammlung EBB Alt Rehse

Am 1. Juni 1935 wurde in dem kleinen mecklenburgischen Dorf Alt Rehse die repräsentative Einrichtung des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes (NSDÄB), die „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ eingeweiht. Diese fungierte bis 1942 als ideologisches Zentrum für die „Gesundheitsführer der Volksgemeinschaft“, der selbst ernannten Elite von Ärzten, Zahnärzten und Apothekern in der NS-Zeit. Dafür wurde auf einer Fläche von 65 Hektar eine architektonisch aufwendige Anlage, bestehend aus einem Mustergut, einem Musterdorf und der eigentlichen Schulungsanlage, errichtet. Die Anlage ist heute noch zu großen Teilen erhalten; sie ist ein eindrucksvolles Dokument der zeittypischen Verquickung von politisch-ideologischen Zielen in einem spezifisch architekturästhetischen Rahmen, ein exemplarisches Beispiel des in NS-Zeiten viel strapazierten „Wortes aus Stein“.

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Was machen wir heute mit diesem Ort? Ist er ein „böser Ort“, den man meiden sollte – oder noch besser abreißen? Ist er nur ein Beispiel für die Hybris und Verblendung vieler Menschen dieser Zeit und hat mit dem Handeln der Ärzte in der Gegenwart nichts mehr zu tun? Manche fürchten immer noch, dass von Architektur und Kunst der NS-Zeit bis heute eine Faszination ausgeht, die die Intentionen ihrer Urheber mit den späteren Konsequenzen von Krieg und Genozid verharmlosen könnten. Aber: Sprechen diese Steine heute noch zu uns und – wenn ja – mit der beabsichtigten Verführungskraft ihrer Urheber?

Die Region rund um den Tollensesee in der Nähe Neubrandenburgs gehört zu den landschaftlich reizvollsten Gebieten in der Müritzer Seenplatte. Nur wenigen Besuchern ist bewusst, dass diese Region nördlich von Berlin zahlreiche historische Orte und Baudenkmale aufweist, die eng mit der Geschichte des „Dritten Reiches“ verbunden sind. Dazu gehört vor allem das Konzentrationslager Ravensbrück am Rande der Stadt Fürstenberg. Zahlreiche „Prominente“ des NS-Staates hatten in dieser Region Güter erworben oder sich feudale Landsitze errichten lassen. Diese Orte wurden gezielt nach dem Krieg gesprengt, um die Erinnerung zu löschen – das hindert bestimmte Personengruppen heute aber nicht, diese immer wieder aufzusuchen und nach den Resten der Geschichte zu suchen. Die Aura der Vergangenheit ist für sie auch ohne materielle Zeugnisse präsent – und dies um so mehr, weil an diesen Orten keine Dokumentationszentren an die Geschichte erinnern und sie in den historischen Kontext stellen.

Altes Gutshaus (unten) mit der ursprünglichen neogotischen Fassade des 19. Jahrhunderts, Postkarte von 1935.
Altes Gutshaus (unten) mit der ursprünglichen neogotischen Fassade des 19. Jahrhunderts, Postkarte von 1935.

Daneben gibt es aber auch Orte, die erst auf den zweiten Blick ihre Geschichte offenbaren. Kommen Besucher zufällig nach Alt Rehse, sind sie meist von der Idylle des Ortes, von den gepflegten Fachwerkhäusern mit Reetdächern und vom Blick auf den Tollensesee beeindruckt. Diese Idylle hat der Gemeinde einen Landessieg im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ beschert. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich dann aber Brüche in der glänzenden Fassade: die einheitlichen Häuser, an einer rechtwinklig ausgerichteten Achse und um einen rechteckigen Dorfplatz gruppiert; und vor allem die irritierenden Inschriften „errichtet im 3. Jahre“ in den Balken über Fenster und Türen. Wer nun anfängt, nachzufragen und zu suchen, der findet mehr und mehr Hinweise auf die Geschichte des Ortes im „Dritten Reich“.

Für die „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ wurde der historische Ort Alt Rehse, der urkundlich seit 1182 nachgewiesen ist, fast vollständig abgerissen. Nur Kirche, Pfarrhaus, das alte Gutshaus und ein Landarbeiterhaus blieben erhalten, wurden aber in die neue städtebauliche und ästhetische Konzeption eingepasst. Im reizvollen Landschaftspark, der am Hang zum Tollensesee von dem früheren Gutsbesitzer Ludwig Freiherr von Hauff um seinen neuen Landsitz „Schloss Lichtenstein“ seit 1897 angelegt worden war, entstanden seit 1934 außerdem Gebäude für die Schulung, Unterbringung und Sport- und Freizeitgestaltung von Ärzten.

Die „Führerschule“ wurde so das erste komplett einheitlich geplante „Schulungslager“, wie sie der NS-Staat zur Schulung, Ertüchtigung und ideologischen Ausrichtung verschiedener Gruppen aus NSDAP und parteinahen Organisationen seit 1933 im ganzen Reich errichtete. Die „Führerschule“ der NS-Ärzteschaft in Alt Rehse war der zentrale und repräsentative Ort für die Funktionäre des NS-Ärztebundes und die Elite der in der NSDAP organisierten Ärzteschaft. Das Geschehen vor Ort war – oberflächlich betrachtet – scheinbar harmlos. Etwa 10 000–12 000 Ärzte, Apotheker und Hebammen sind von 1935 bis Ende 1941 nach Alt Rehse gekommen. Die Kurse dauerten meist etwa sieben bis zehn Tage, sogenannte Jungärzte blieben aber auch vier Wochen, die ihnen auf ihr praktisches Jahr im Rahmen der Ausbildung angerechnet wurden. Eingebettet in einen von früh bis spät reglementierten Tagesablauf fanden Vorlesungen, praktische Kurse, sportliche Ertüchtigung und gemeinsame Freizeitaktivitäten statt.

Neben den praktischen Informationen über die Organisation der Gesundheitspolitik und die neuen Gesetze des NS-Staates („Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, „Nürnberger Rassengesetze“) hatte dies vor allem den Zweck, unter den Ärzten ein neues Gemeinschaftsgefühl zu wecken. Das Zusammenleben wurde als modellhafte „Volksgemeinschaft“ verstanden. Die Diskussionen über das eigene aktive Mitwirken an der Umsetzung der Maßnahmen zur Rassenhygiene dienten der Selbstvergewisserung über die neue ethische Begründung mit der Verpflichtung gegenüber dem „Volkskörper“. Natürlich wurde man auch in seinen Aktivitäten und Diskussionsbeiträgen geheim beobachtet und bewertet, um damit die Eignung für „höhere Aufgaben“ feststellen zu können.

Blick über den Appellplatz auf ein Unterkunftshaus, Postkarte um 1937
Blick über den Appellplatz auf ein Unterkunftshaus, Postkarte um 1937

Dorf und Dorfgemeinschaft fungierten als modellhafte Kulisse einer gesunden, arischen Volksgemeinschaft, die sich vor allem auf der Basis des deutschen Bauerntums erhalten haben und neu gestärkt werden sollte: Alt Rehse ist gebaute „Blut-und-Boden-Idylle“. Dazu gehört die Fiktion einer vermeintlich landestypischen Architektur aus Fachwerk mit Ziegel und Reet.

Mit großem Selbstbewusstsein setzte sich die NS-Ärzteschaft einen eigenen symbolischen Ort im Park mit den Bauten des eigentlichen Schulungslagers, im Zentrum das „Gemeinschaftshaus“. Diese Bauten befanden sich nicht – wie in anderen städtebaulichen Planungen für Parteiorganisationen – hierarchisch untergeordnet an der Hauptachse. In Alt Rehse entstand eine eigenständige Querachse und bildete eine dritte Einheit in der Trias „Volksgemeinschaft – (Arzt-)Elite – Partei“. Die NS-Ärzteschaft schien damit aussagen zu wollen: Wir sind nicht nur dienende Vollstrecker im „Führerstaat“, sondern wir sind (Mit-)Gestalter der neuen Gesellschaft auf der Basis unserer medizinischen und rassenhygienischen Vorstellungen.

Dazu war aber nicht nur die Auslese und Förderung der arischen Volksgemeinschaft notwendig, sondern die „Ausmerzung alles Artfremden“. Die Überhöhung der Idylle machte deshalb um so mehr die Notwendigkeit deutlich, mit ärztlichem Wissen und Handeln die Vorstellungen der NS-Rassenhygiene aktiv umzusetzen. Um den „Volkskörper“ zu reinigen, war in dieser Denkweise das rigorose Eingreifen mit Zwangssterilisationen, „Euthanasie“ und letztendlich Selektion an den Rampen der Konzentrationslager unabdingbar. Insofern ist das verbrecherische Handeln Voraussetzung, um die Idylle auch gesellschaftliche Wirklichkeit werden zu lassen.

Alt Rehse ist kein beliebiger Ort. Er spricht tatsächlich noch zu uns über die Intentionen seiner Urheber – man muss dazu aber Informationen bekommen, wie dieses „Wort aus Stein“ zu lesen ist. Um das gesamte Ensemble der „Führerschule“ in seiner Organisation, Funktion und Intention verstehen zu können, muss der Ort in seiner architektonischen und städtebaulichen Form erhalten werden. Deshalb ist es auch notwendig, das Gutshaus wiederherzustellen, weil erst dadurch die ästhetische Gesamtkonzeption des Ortes sichtbar wird – und darüber die Geschichte und das Selbstverständnis einer ganzen Generation von Ärzten, die maßgeblichen Anteil an der Formierung einer Gesellschaft nach dem Idealbild des „homo fascistus“ hatte.

Die Information über die Geschichte des Ortes, wie sie im sanierten Gutshaus in einer neuen Dauerausstellung präsentiert werden soll, wird es ermöglichen, über die Bedeutungszuschreibung eines Berufsstandes in der NS-Zeit kritisch nachzudenken. Vor allem auch über die Leichtfertigkeit, mit der die ethischen Grenzen ärztlichen Handelns für eine vermeintliche gesellschaftliche Utopie überschritten wurden.

Dr. phil. Rainer Stommer
Erinnerungs-, Bildungs- und
Begegnungsstätte Alt Rehse

Spenden Für Alt Rehse

Die Gutshaus Alt Rehse gGmbH führt die Sanierung und den Ausbau des alten Gutshauses durch, um dort ein Ausstellungs-, Kultur- und Studienzentrum zu betreiben. Dieses wird sich der Aufarbeitung der Geschichte Alt Rehses und der ehemaligen NS-„Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“, der Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus sowie aktuellen Fragen der Ethik in der Medizin widmen.

Um dieses Ziel zu erreichen, muss das Gebäude umfassend saniert werden. Leider erfordert der augenblickliche Bauzustand den Einsatz erheblicher Geldmittel. Die Gutshaus Alt Rehse gGmbh muss einen erheblichen Teil der Kosten des Bauvorhabens selbst aufbringen. Daher werden Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten um die Unterstützung des Vorhabens gebeten. Jede Unterstützung und Hilfe zählt. Die Spenden sind steuerlich absetzbar – die Gesellschaft hat einen entsprechenden Freistellungsbescheid.

Infos unter www.gutshaus-ar.de

Deutsche Apotheker- und Ärztebank

Kontonummer: 0001574213, BLZ: 300 60601, IBAN: DE95 3006 0601 0001 5742 13, BIC: DAAEDEDDXXX,
Kontoinhaber: Gutshaus Alt Rehse gemeinnützige GmbH, Gutshaus 1,
17217 Penzlin

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