ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2014Porträt von Maritta Sallinger-Nolte, Palliativkrankenschwester: „Wir können nur Symptome lindern“

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Porträt von Maritta Sallinger-Nolte, Palliativkrankenschwester: „Wir können nur Symptome lindern“

Dtsch Arztebl 2014; 111(49): A-2158 / B-1826 / C-1746

Schulte Strathaus, Regine

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Maritta Sallinger-Nolte leistete im Senegal drei Monate lang medizinische Hilfe für Straßenkinder. Sie habe dem Land etwas zurückgeben wollen, in dem sie Jahre zuvor so viele positive Erfahrungen gesammelt habe, sagt die 58-Jährige.

Wunden desinfizieren und verbinden: Maritta Sallinger-Nolte bei ihrer täglichen Arbeit – 800 000 Kinder leben im Senegal auf der Straße. Fotos: Sallinger-Nolte
Wunden desinfizieren und verbinden: Maritta Sallinger-Nolte bei ihrer täglichen Arbeit – 800 000 Kinder leben im Senegal auf der Straße. Fotos: Sallinger-Nolte

Afrika ist seit Kindertagen die große Liebe von Maritta Sallinger-Nolte. Deshalb zog es die heute 58-Jährige bereits nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester immer wieder in afrikanische Länder. Jetzt hat sie drei Monate ihres Sabbaticals genutzt, um Straßenkinder im Senegal medizinisch zu versorgen. Ein oftmals schwieriges Unterfangen, denn die Helfer durften immer nur dann tätig werden, wenn es der „Marabout“, ein selbst ernannter Religionslehrer, gestattete. So kann das Elend der Straßenkinder, die für ihre Mahlzeiten betteln müssen, nur ansatzweise gelindert werden.

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Es ist kalt in St. Louis, der Regionalhauptstadt im nordwestlichen Teil des Senegal. Von Oktober bis Januar herrschen in den Nächten Temperaturen um die zehn Grad. Zu kalt für die vielen spärlich bekleideten Kinder, die auf zerfetzten Decken oder auf dem blanken, schmutzigen Belag der Straße übernachten müssen. „Es sind erbarmungswürdige Zustände, denen diese oftmals erst vier Jahre alten Kinder ausgesetzt sind“, schildert Sallinger-Nolte ihre Eindrücke.

Nicht viel besser sieht es in den sogenannten „Daaras“ aus, in denen Jungen im Alter zwischen vier und 25 Jahren zu „guten“ Moslems ausgebildet werden sollen. „30 bis 40 Kinder leben in diesen Unterkünften im Dreck, den die Ziegen und Hühner in den Räumen ohne fließendes Wasser und sanitäre Anlagen hinterlassen haben. Sie werden wie Vieh gehalten, müssen viele Stunden die Suren des Korans lernen und sich in den Pausen ihr Frühstück, Mittag- und Abendessen erbetteln. Ihr Tag beginnt um 6 Uhr morgens und endet gegen 21 Uhr. Die Kinder sind nicht nur der Willkür ihres Koranlehrers, sondern auch der Hierarchie der Größeren unterworfen. Alle dürfen die Jüngeren herumkommandieren, bestrafen und schlagen.“

Diese „Ausbildung“ hat Tradition in diesem Teil Afrikas, in dem nach Schätzungen der Hilfsorganisationen rund 800 000 Kinder versuchen, auf der Straße zu überleben. Die selbst ernannten Religionslehrer ziehen durch die Dörfer und nehmen die Jungen bereits im Alter von vier bis sechs Jahren mit, die ihnen die Familien anvertrauen, um – so argumentieren die „Marabouts“ – in Koranschulen zu guten Moslems ausgebildet zu werden. Sie werden in weit entfernten Gebieten untergebracht, wo sie die Sprache der dort lebenden Bevölkerung nicht sprechen. Sie werden auch nicht in der Amtssprache Französisch unterrichtet, sondern müssen lernen, sich in dem fremden Dialekt zu verständigen. So entfremden sich die Kinder von Jahr zu Jahr mehr von ihren Familien.

Die bettelnden Straßenkinder erkennt man an ihren orangefarbenen Plastikschalen. „Da ein guter Moslem immer anderen gibt, sind ihre Mahlzeiten immerhin gesichert“, schildert es Sallinger-Nolte. „Doch die medizinische Versorgung der Kinder ist miserabel. Wenn wir uns ihnen nähern durften, mussten wir mit sehr wenigen Mitteln auskommen.“ Die vielen infizierten Wunden, die durch Verletzungen, mangelnde Hygiene oder Züchtigungen entstanden waren, konnten mit nur einem Desinfektionsmittel gesäubert werden. Mangels Kompressen wurde Watte verwendet. Für Brandwunden durch offene Feuerstellen standen lediglich Betaisodona-Salbe und Verbände zur Verfügung. „Neben den zahlreichen Haut- und Fußverletzungen sahen wir auch viele Pilz- und Wurmerkrankungen. Um Malaria und Bronchitiden zu behandeln, müssen Medikamente gekauft werden.“

Diese Anschaffungen sowie die bescheidenen Unterkünfte für die Helfer werden von dem Geld finanziert, das die Freiwilligen für ihren Aufenthalt im Land an die Organisationen bezahlen müssen. Für Sallinger-Nolte waren dies 3 700 Euro, die sie für die drei Monate ihres Aufenthalts an „Projects Abroad“ zahlte. Die Unterkünfte in den Familien (Minizimmer mit fließend Wasser, aber Hock-WCs ohne Spülung) stellen eine weitere Herausforderung für die Freiwilligen dar. Der mehrmalige Aufenthalt in Afrika Jahre zuvor war für Sallinger-Nolte ein Pluspunkt, da sie gut Französisch spricht und mit der Mentalität der Menschen schon vertraut war. So war es vor allem für die vielen jungen Freiwilligen sehr gewöhnungsbedürftig, dass in den Familien nicht gemeinsam gegessen wird. Denn sowohl die Männer und die Frauen als auch der Gast nehmen die Mahlzeiten alleine oder in separaten Gruppen zu sich. „So kann kein wirkliches Zusammenleben entstehen“, sagt Sallinger-Nolte. „Allerdings habe ich mich von Anfang an bemüht, mit der Familie zu sprechen, habe Interesse an ihrem Tagesablauf, am Kochen, der Kindererziehung und anderem gezeigt. Nach etwa drei Wochen war das Eis gebrochen und ich wurde dann auch eingeladen, zusammen mit den Frauen zu essen.“

An der Gesamtsituation der Straßenkinder ändert sich gar nichts, was für viele Helfer eine sehr belastende Erkenntnis war.
An der Gesamtsituation der Straßenkinder ändert sich gar nichts, was für viele Helfer eine sehr belastende Erkenntnis war.

Allerdings hat die Krankenschwester auch erlebt, dass manche junge Freiwillige früher zurück in die Heimat geflogen sind, weil sie die Arbeit psychisch zu sehr belastet hat. Daher hat sie auch gegenüber der Organisation geäußert, dass schon im Vorfeld eine bessere Information zur Tätigkeit sowie eine engere psychische Betreuung und der Austausch zu den teils schockierenden Verhältnissen wünschenswert wäre. „Viele der Jungen kommen direkt nach dem Abitur, um sich sozial zu engagieren und zu helfen. Dabei müssen sie sich von einem Tag auf den anderen in einer ihnen völlig fremden, vom Elend geprägten Welt zurechtfinden. Wir konnten nur versuchen, Symptome zu lindern. Denn an der Gesamtsituation der Straßenkinder ändert sich gar nichts, was für viele Helfer eine sehr belastende Erkenntnis war.“

Die Palliativ-Krankenschwester will aber nochmals nach Afrika gehen. Denn seit ihrem 21. Lebensjahr bestand der Wunsch, dieses Land näher kennenzulernen. Daher ging sie nach ihrer Ausbildung in die Entwicklungshilfe und war viele Jahre in Togo, der Elfenbeinküste und im Tschad tätig. Bei einem ihrer Einsätze dort lernte sie auch ihren späteren Mann, den Palliatvmediziner Thomas Nolte kennen und lieben. Nach der Geburt zweier Kinder gingen beide nochmals für zwei Jahre nach Benin, bis das dritte Kind zur Welt kam und sie in Deutschland sesshaft wurden. „Meine Tätigkeit in der Entwicklungshilfe war für mich auch der Grundstein für meine ambulante Palliativarbeit“, sagt Sallinger-Nolte. Seit zwölf Jahren engagiert sie sich beim Hospizverein Auxilium in Wiesbaden auch als Hospizbegleiterin. Sie hat viele Sterbende erlebt, die am Ende ihres Lebens bedauerten, manche Dinge nicht getan zu haben. Das war mit ein Auslöser, sich mit ihrem jüngsten Aufenthalt im Senegal „einen Herzenswunsch erfüllt zu haben, um diesem Land, in dem ich so viele positive Erfahrungen sammeln konnte, etwas von meiner Dankbarkeit zurückzugeben.“ Gerne möchte sie nochmals in ein afrikanisches Land gehen, „dann allerdings, um mich in einem Reservat um kranke und verwaiste Tiere zu kümmern.“

Regine Schulte Strathaus

Zur Person

Maritta Sallinger-Nolte (58) zog es bereits mit 21 Jahren, nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester, immer wieder in afrikanische Länder. Seit zwölf Jahren arbeitet sie als Palliatv-Krankenschwester im ambulanten Hospizverein Auxilium. Sie ist seit 1988 mit dem Arzt Thomas Nolte, dem Leiter des Schmerz- und Palliativzentrums Wiesbaden, verheiratet. Das Ehepaar hat drei erwachsene Kinder.

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