ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2014Präventiver Kinderschutz: „Oftmals nur ein ungutes Gefühl“

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Präventiver Kinderschutz: „Oftmals nur ein ungutes Gefühl“

Dtsch Arztebl 2014; 111(49): A-2141 / B-1817 / C-1737

Bühring, Petra

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Frühe Hilfen sind Angebote der Jugendhilfe. Ärzte können belastete Familien motivieren, sie in Anspruch zu nehmen. Ein Modellprojekt in Baden-Württemberg zeigt, wie die Kooperation gelingen kann.

Lebenslange Haft wegen Mordes an ihrer dreijährigen Tochter Yagmur – so lautet das Urteil des Landgerichts Hamburg für Melek Y., das am 25. November verkündet wurde. Immer wieder geschlagen, getreten, geschüttelt und geschleudert wurde das Kind von der Mutter in seinem kurzen Leben. Mehr als 80 zum Teil schwere Verletzungen stellten Rechtsmediziner fest. Das Jugendamt war in den Fall involviert – Fehlentscheidungen verhinderten den Schutz des Kindes.

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Es wäre zu einfach zu sagen, dass Frühe Hilfen den Tod des Mädchens hätten verhindern können, aber die regionalen Unterstützungssysteme und Hilfsangebote für Eltern und Kinder von der Schwangerschaft bis zum dritten Lebensjahr, sind ein guter Ansatz. Die Netzwerke bieten praktische Hilfen im Alltag und sollen zudem die Beziehungs- und Erziehungskompetenz der Eltern stärken (Kasten). Denn: „Nicht alle Eltern schaffen es, ihr Kind gesund aufwachsen zu lassen. Es gibt Probleme, die ein empathisches Einfühlungsvermögen in das Kind nicht funktionieren lassen: geringes Einkommen, niedriges soziales Milieu, psychische Erkrankungen oder Sucht“, erklärte Prof. Dr. med. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Zusammen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem Nationalen Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) veranstaltete die BZgA die Tagung „Gemeinsam Verantwortung – interprofessionelle Qualitätszirkel als Instrument in den Frühen Hilfen“ am 26. November in Berlin.

Ärzte häufig der einzige Kontakt in den ersten Jahren

„Die Zusammenarbeit zwischen dem Gesundheitssystem und der Kinder- und Jugendhilfe ist sehr wichtig“, sagte Pott weiter. Geburtskliniken ebenso wie niedergelassene Gynäkologen, Kinderärzte, Hausärzte und Psychotherapeuten seien häufig die einzigen Kontaktpersonen zu Risikofamilien in den ersten drei Lebensjahren und außerdem besonders befähigt, die Betroffenen auf das Netzwerk Frühe Hilfen hinzuweisen. Aber: „Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Jugendhilfe ist nicht immer einfach, weil unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen“, erklärte Pott.

Deshalb war der Schwerpunkt der Tagung ein erfolgreiches Modellprojekt der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg zur Vernetzung von vertragsärztlichen Qualitätszirkeln mit Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe. „Die Erfahrung in Baden-Württemberg hat gezeigt, dass die Zusammenarbeit gelingen kann“, betonte Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV. Er wies zunächst auf die höheren Risiken für gesundheitliche Probleme hin, die Kinder aus Familien mit geringem sozioökonomischen Status haben: funktionelle Entwicklungsstörungen, Adipositas, Essstörungen, Verhaltensauffälligkeiten oder Sucht. „Neu an der sogenannten neuen Morbidität ist die epidemische Häufung.“ Immer häufiger sehe der Kinderarzt belastete Familien. Oftmals seien die Anzeichen für eine mögliche Kindeswohlgefährdung nicht konkret, sondern nur „ein ungutes Gefühl“, sagte Gassen. Solche Fälle können anonymisiert in den interprofessionellen Qualitätszirkeln besprochen werden.

Dauerhafte Einrichtung der Qualitätszirkel gefordert

Von der Implementierung des Modellprojekts Frühe Hilfen bei der KV Baden-Württemberg berichtete Roland Müller, dort Sachgebietsleiter für Qualitätssicherung und Verordnungsmanagement. Start war eine Pilot-Veranstaltung für Qualitätszirkel-Moderatoren 2009, bei der sich herausstellte, dass Ärzte zwar zunehmend belastete Familien in ihren Praxen sehen, aber keine Zusammenarbeit im präventiven Kinderschutz mit der Jugendhilfe stattfindet. Wissen über Ansprechpartner und Angebote der Jugendhilfe waren kaum vorhanden, berichtete Müller. Mit Hilfe der modellhaften Förderung durch das NZFH und der Einrichtung einer Koordinierungsstelle bei der KV wurden Qualitätszirkel errichtet, in denen sich Ärzte und Psychotherapeuten mit Mitarbeitern der Jugendhilfe austauschen können. Dazu wurden Moderatoren ausgebildet, die im Tandem, jeweils ein Arzt oder Psychotherapeut und ein Vertreter der Jugendhilfe, diese Zirkel anleiten. „Die Moderatoren müssen Kollegen motivieren, an einem Zirkel teilzunehmen“, sagte Müller. Das habe bereits zu 34 Qualitätszirkeln landesweit geführt, aber es funktioniere noch nicht überall. „Geduld ist gefragt“, so Müller. Ziel der Zirkel sei es, die Vernetzung und klinische Fallbearbeitung mit der Jugendhilfe zu fördern und die Kommunikationswege zu standardisieren. Ärzte müssen belastete Familien erkennen und motivieren, die Angebote der Frühen Hilfen in Anspruch zu nehmen. Als Instrument der Fallfindung wird ein Erhebungsbogen eingesetzt, der Ärzten im Verdachtsfall ermöglicht, mehr Informationen über die Belastungssituation der Schwangeren oder der Familie zu erhalten. Im Juli 2014 wurde eine Rahmenvereinbarung mit der BKK Landesverband Süd und kommunalen Spitzenverbänden abgeschlossen, der bislang 23 BKKen beigetreten sind. Müller wünscht sich für Baden-Württemberg eine Verstetigung der Koordinierungsstelle und hofft, seine Erfahrungen ins Bundesgebiet befördern zu können. Auch Gassen sprach sich für eine dauerhafte Regelung aus und dafür, die interprofessionellen Qualitätszirkel in weiteren KVen einzurichten.

„Erfolgreich ist die Arbeit in den Qualitätszirkeln dann, wenn bei den Beteiligten die Bereitschaft besteht, sich sehr irritieren zu lassen“, sagte Prof. Dr. med. Markus Siebolds von der Unternehmensberatung Sysco GmbH. Zu unterschiedlich sei die Arbeit von Ärzten und Mitarbeitern der Jugendhilfe. Zu Beginn der Qualitätszirkel hätten sowohl Ärzte als auch Jugendhilfemitarbeiter häufig Vorurteile über die Arbeit der anderen gehabt. Mittels gegenseitiger Wertschätzung und Mitteilung über die Besorgnis um den Fall könne jedoch vieles aufgelöst werden. Die Frage sei zudem immer, wie der Arzt die Leistungen der Jugendhilfe nach SGB VIII auslösen kann; überweisen sei schließlich aufgrund der unterschiedlichen Systemarchitektur nicht möglich, so Siebolds.

Systemübergreifende Kooperation wichtig

Die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium Caren Marks wies auf die Vereinbarung im Koalitionsvertrag hin, die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswesen und Kinder- und Jugendhilfe zu verbessern. Seit dem Start der Bundesinitiative Frühe Hilfen 2012 seien in ganz Deutschland Netzwerke Früher Hilfen entstanden: 98 Prozent der Kommunen hätten inzwischen eine Koordinierungsstelle eingerichtet, in 84 Prozent stünden Familienhebammen und Kinderkrankenschwestern zur Verfügung, um belastete Familien zu unterstützen.

„Die systemübergreifende Kooperation zwischen Gesundheitswesen und der Kinder- und Jugendhilfe ist ein wichtiger Schritt“, lobte Annette Widmann-Mauz, parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), die Arbeit der Qualitätszirkel. Frühe Hilfen hätten eine besonders hohe Relevanz für den Kinderschutz. Sie kündigte zudem an, dass das BMG eine S-3-Leitlinie zum Thema Kinderschutz und Kindesmisshandlung fördern wolle, um Ärzten und Psychotherapeuten eine Handlungsleitlinie zu geben.

„Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten müssen generell noch stärker in die kommunalen Netzwerke der Frühen Hilfen eingebunden werden“, forderte KBV-Vorstandsvorsitzender Gassen abschließend. Und mit einem klaren Signal an die Politik: „Wir brauchen eine Rechtsgrundlage im SGB V – Kinderschutz muss eine Aufgabe des Gesundheitswesens werden.“

Petra Bühring

Frühe Hilfen

Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen wurde 2007 vom Bundesfamilienministerium gegründet, um den präventiven Kinderschutz zu stärken und die Fachpraxis beim Auf- und Ausbau der Frühen Hilfen zu unterstützen. Träger sind die BZgA und das Deutsche Jugendinstitut. Frühe Hilfen sind:

  • Aufsuchende Familienbesuchsprogramme durch Familienhebammen und Kinderkrankenschwestern
  • Unterstützung durch Familienpaten
  • Stadtteilbezogene Hilfe durch Elterncafés, Eltern/Kindgruppen
  • Schwangerschaftsberatungsstellen
  • entwicklungspsychologische Beratung in Erziehungsberatungsstellen
  • Hilfen des Jugendamtes nach dem SGB VIII

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