ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2014Sterbehilfegesetz: Erhebliche Ressourcen notwendig
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Die Forderungen nach Stärkung der Palliativmedizin sind zweifellos ethisch verantwortungsvoll. Doch sie sollten auch thematisieren und hinterfragen, woher die personellen und finanziellen Ressourcen in einer alternden Gesellschaft kommen sollen, diese Anforderungen umzusetzen. Sonst stellt man nur Wunschlisten auf, deren Umsetzung zum Beispiel am Mangel an Pflegepersonal scheitern wird. Dass dies schon in naher Zukunft den sozialen Druck zur Legalisierung von assistiertem Suizid und/oder aktiver Sterbehilfe massiv erhöhen dürfte, wird viel zu wenig thematisiert.

Zwei mögliche Quellen erheblicher Ressourcen sollten deshalb tabulos diskutiert und verantwortungsvoll erschlossen werden:

  • In Pflegeheimen – beschönigend oft mit „Seniorenresidenz“ bezeichnet – sind tagtäglich tausende Pflegende emotional am Limit, weil sie schwerstbeeinträchtigten Bewohnern Kalorien und Flüssigkeit zuführen sollen, auch wenn diese klare verbale oder nonverbale Zeichen der Nahrungsverweigerung geben. Mit solchen ethischen Konflikten in der täglichen Arbeit werden die Pflegenden meist alleingelassen – Folgen wie Burn-out, hohe Fluktuation usw. sind die Folge und bekannt.

In der Palliativmedizin gilt das Lindern leidvoller Symptome wie Schmerz, Hunger und Durst als gebotenes Handeln, wenn der Verzicht auf Lebensverlängerung gerechtfertigt ist. In stationären Pflegeeinrichtungen jedoch fehlen oftmals die kommunikativen Ressourcen, den Willen von Bewohnern verantwortungsvoll zu ermitteln und umzusetzen – das Ergebnis ist dann die starre Umsetzung von Pflegezielen und einer Kalorien- und Flüssigkeitszufuhr, die sich an Senioren mit Lebenswillen und erlebtem Lebenssinn orientieren.

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  • Hochbetagte Patienten/-innen werden in der modernen Medizin nach Leitlinien behandelt, die anhand von Studien mit viel jüngeren Teilnehmern/-innen entwickelt wurden. Geboten wäre statt reflexartiger Indikationsstellung eher zuvor ein empathisches Gespräch mit hochbetagten, multimorbiden Patienten/-innen – möglichst gemeinsam mit Angehörigen – über grenzwertigen oder fragwürdigen Benefit belastender Therapien im Vergleich zum Spontanverlauf und ähnliche Inhalte einer verantwortungsvollen Nutzen-Risiko-Abwägung.

Doch das „leistungs-“bezogene Abrechnungssystem, die Furcht vor Unterlassung unter anderem machen das Ausloten der sinnvollen Grenzen in der individuellen Behandlungssituation zu einem ärztlichen Handeln für Idealisten – und begünstigen daher den aktionistischen Verbrauch gigantischer materieller und personeller Ressourcen.

Dr. Heinrich Günther, 01259 Dresden

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