ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2014Qualitätsoffensive der Bundesregierung: „Ärztliche Motivation nicht abtöten“

POLITIK

Qualitätsoffensive der Bundesregierung: „Ärztliche Motivation nicht abtöten“

Dtsch Arztebl 2014; 111(49): A-2139 / B-1815 / C-1735

Osterloh, Falk

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Union und SPD wollen die Qualität der medizinischen Versorgung verbessern. Experten zufolge schießen sie dabei jedoch bisweilen über das Ziel hinaus.

Die Bundesregierung meint es ernst mit ihrer groß angelegten Qualitätsoffensive im Gesundheitssystem. Während eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe nach einem Weg sucht, Krankenhäuser mehr nach Qualität zu vergüten, hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) auf Anordnung der Regierung ein Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTiG) auf den Weg gebracht. Unter anderem soll es „möglichst sektorenübergreifend“ risikoadjustierte Instrumente für die Qualitätsmessung entwickeln und dafür auch Patientenbefragungen vorsehen.

Begleitend wird seit Monaten sowohl die Sinnhaftigkeit als auch die Machbarkeit der Regierungspläne diskutiert (siehe auch „Pay for Performance – Umsetzung noch in weiter Ferne, DÄ Heft 40/2014). „Das Qualitätsinstitut ist ein Fortschritt, weil es eine kontinuierlich arbeitende Einrichtung sein wird, und wir bei der Qualitätssicherung nicht alle fünf Jahre von vorne anfangen müssen“, meinte der frühere Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Prof. Dr. med. Matthias Schrappe von der Universität Köln, auf dem 8. Nationalen Qualitätskongress Ende November in Berlin. Zuletzt hatte der G-BA im Jahr 2009 das AQUA-Institut befristet mit der Qualitätssicherung beauftragt. Neu an den Aufgaben des Instituts sei der Rückgriff auf die Routinedaten der Krankenkassen, die Bewertung von Zertifikaten und die Entwicklung von Modulen für ergänzende Patientenbefragungen, so Schrappe. Vor allem letzteres sei „sehr gut“.

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Negativ sei jedoch die Überbetonung der Aufsichtsfunktion im IQTiG, die unter anderem ein Stiftungsrat, der Vorstand und ein Kuratorium übernehmen sollen, so Schrappe weiter. „Ob unter diesen Bedingungen eine gedeihliche Arbeit möglich ist, wird sich erst noch zeigen.“ Zudem wies er darauf hin, dass auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) den Terminus „Qualität“ im Titel trage. „Der Gesetzgeber ist gut beraten, wenn er eine Arbeitsteilung vornimmt. Dennoch werden Reibungsverluste nicht ganz unwahrscheinlich sein“, befand Schrappe.

„Die primäre Motivation aller, die im deutschen Gesundheitssystem den Patienten in die Augen sehen, ist, gute Arbeit zu leisten. Dafür stehen sie jeden Tag auf, dafür machen sie zahlreiche Überstunden“, betonte der Präsident der Ärztekammer Berlin, Dr. med. Günther Jonitz. Deshalb sei es gut, wenn der Ursprung dieser Motivation, die Erbringung hoher Qualität, Niederschlag in einem Institut finde. Er kritisierte jedoch, dass die Ärzteschaft nicht an der Arbeit des Instituts beteiligt werden soll.

Nicht zu kleinteilig messen

Jonitz betonte, dass „wir bei der Qualitätssicherung eine Datengrundlage brauchen. Dazu gehören auch weiche Daten und Erhebungen zur Sicherheitskultur in Krankenhäusern.“ Entscheidend sei jedoch nicht die Qualitätsmessung, denn die sei nur ein Instrument. „Entscheidend ist die Umsetzung“, so Jonitz. Vom Wiegen alleine werde die Sau schließlich nicht fett.

Der Zweite Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. med. Andreas Botzlar, gab zu bedenken, dass „wir aufpassen müssen, dass wir nicht zu kleinteilig messen, regulieren und steuern“. Ärzte hätten eine hohe intrinsische Motivation, Patienten etwas Gutes zu tun. Daher sei es besser, ihnen mehr Vertrauen entgegenzubringen und ihnen ausreichenden Freiraum zu gewähren, um diese intrinsische Motivation nicht abzutöten.

Kein schwarzes Loch

Auch der Geschäftsführer des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI), Dr. med. Andreas Weigand, warnte davor, die Messung der Qualität ausufern zu lassen. „Die durchschnittliche Qualität in den deutschen Krankenhäusern ist vielleicht nicht die beste, aber sie ist doch gut bis sehr gut“, sagte er. „Das Exzellente ist der Feind des sehr Guten. Wir sollten uns nicht auf eine Diskussion begeben, bei der nur die Goldmedaille zählt.“ Zudem tue die Politik derzeit so, als sei die Qualität im deutschen Gesundheitswesen ein großes schwarzes Loch. Dabei habe sich beim Qualitätsmanagement bereits vieles verbessert, und die Qualitätssicherung sei heute in Deutschland trotz einiger Schwächen auf einem hohen Stand.

Weigand sprach sich dafür aus, die Strukturqualität in deutschen Krankenhäusern zu messen und die Häuser entsprechend zu vergüten. Bei der Prozessqualität werde es hingegen schon schwieriger. „Denn hier kommt es ja immer auf die Menschen an, die die Prozesse ausführen“, so der DKI-Geschäftsführer. Auch Ergebnisqualität lasse sich durchaus messen. Ob sie sich jedoch auch vergüten lasse, darauf sei bislang noch keine Antwort gefunden worden.

Falk Osterloh

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Avatar #539999
klausenwächter
am Sonntag, 2. August 2015, 04:41

Aufstehen

Ja, dafür stehen wir früh auf.

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