ÄRZTESTELLEN

Onkologie: Durch Empathie wird der Berg kleiner

Dtsch Arztebl 2014; 111(49): [2]

von Manteuffel, Leonie

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Die Verständigung mit Krebspatienten am Krankenbett und im Sprechzimmer zu verbessern, gilt als so dringlich, dass dazu ein eigenes Handlungsfeld im Nationalen Krebsplan verankert wurde. Entsprechende Fortbildungen für Ärzte, wie das „Kompass“-Programm, sind noch nicht populär, aber ein wirksamer Ansatz.

Fortbildungen zur Verbesserung des Kommunikationsverhaltens von Ärzten können dabei helfen, Klarheit ins Arzt-Patienten-Gespräch zu bringen. Foto: DRV Westfalen
Fortbildungen zur Verbesserung des Kommunikationsverhaltens von Ärzten können dabei helfen, Klarheit ins Arzt-Patienten-Gespräch zu bringen. Foto: DRV Westfalen

Auch die beste und einfühlsamste Gesprächsführung macht aus einer schlechten keine gute Nachricht“, betont Dr. med. Bernd Sonntag von der Uniklinik Köln. Der stellvertretende Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie betreut hier mit einem Kollegen das Kommunikationstraining „Kompass“. Es wendet sich an Ärzte aller Fachrichtungen, die Krebspatienten behandeln und wurde von einem Medizinerteam aus mehreren Universitätskliniken entwickelt.

Ärzte scheuen sich häufig davor, Gefühle anzusprechen

Das dreitägige Training soll Ärzte in ihren Ressourcen für belastende Gesprächssituationen, von der Diagnoseeröffnung bis zu Entscheidungen zur Therapiebegrenzung, stärken. Eine Hürde dabei: „Ärzte haben vielfach Scheu, Gefühle anzusprechen. Wir zeigen ihnen, dass sie auf Emotionen ihrer Patienten auch in schwierigen Situationen eingehen können“, erläutert der Kölner Trainer das „Kompass“-Konzept, das ausgeschrieben für „Kommunikative Kompetenz zur Verbesserung der Arzt-Patient-Beziehung durch strukturierte Schulung“ steht

Das Herzstück – umrahmt von Modulen zu Gesprächsführung, Umgang mit Emotionen und mit dem Tod – ist ein Praxisteil: In Rollenspielen arbeiten die Teilnehmer Aufgaben wie Diagnoseeröffnung nach Staging und eigene Fallbeispiele, verdichtet zu wörtlich erinnerten „Critical Incident Reports“, mit Schauspielerpatienten durch. „Mit dem Trainer wird die besondere kommunikative Herausforderung der jeweiligen Szene identifiziert und so das Rollenspiel auf ein Ziel ausgerichtet“, erläutert Sonntag. Per Feedback und Videoaufnahmen lassen sich typische Strategien erkennen und modifizieren, etwa das Ausweichen auf die Sachebene, bevor ein Patient dafür aufnahmefähig ist, oder Versuche, das Scheitern der Therapie positiv zu verbrämen: „Wir müssen leider die Chemotherapie abbrechen, aber wir können etwas gegen die Schmerzen tun“. Die Alternative lautet „Emotionen aushalten“, die eigenen wie die Reaktionen des Gegenübers. Was braucht der Patient zu diesem Zeitpunkt? Darauf soll sich die innere Gesprächshaltung ausrichten – was mehr zuhören, nachfragen, Gefühle spiegeln und auch Schweigemomente zulassen beinhaltet. „Ärzte treten dabei aus dem ,Macher-Modus‘ heraus“, fasst Sonntag zusammen. Der Transfer im Klinikalltag scheint zu gelingen: „Ich wundere mich, wie wenig ich reden muss, wenn ich zuhöre und zurückfrage, und brauche nicht mehr Zeit“, hat ein Teilnehmer formuliert.

Kompass-Teilnehmer kommunizieren sicherer

Auch die Angst vor den Gesprächen sinkt tendenziell. In einer kontrollierten Studie stellten sich 262 Kompass-Teilnehmer gegenüber 181 Nichtteilnehmern als „deutlich und signifikant sicherer“ in der Kommunikation dar. Das Team sieht darin einen Burnout-vorbeugenden Einfluss, der sich auch mit einem signifikanten Anstieg auf der Skala „Persönliche Erfüllung“ im Maslach Burnout Inventory (MBI) belegen ließ.

Angelehnt ist das Kompass-Training an das amerikanische „Oncotalk®-Programm. Prof. Dr. med. Walter F. Baile vom MD Anderson Cancer Center in Houston gehört zu den Entwicklern. Der Verhaltenswissenschaftler und Psychiater hob die Wirksamkeit erfahrungsbasierten Lernens hervor, als er die Key Note Lecture beim Symposium „Patient-centered Communication in Cancer Care: New Directions“ am 19. September im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg hielt. „Tell me and I’ll forget, show me and I may remember; involve me and I’ll understand“, zitierte Baile. Er erläuterte, wie Techniken aus dem Sozio- und Psychodrama (nach Dr. med. Jacob L. Moreno) das Rollenspiel methodisch erweitern.

„Help the doctor to step into their shoes“, ist ein Weg zu mehr Empathie. Der Trainee schlüpft dazu in die Rolle eines konkreten Patienten, um dessen Bedürfnisse zu erspüren. Die Eindrücke werden anschließend in der Arztrolle reflektiert und für beide Positionen in einem zweiten Durchgang vertieft. Rollenwechsel und Doppelung „erzeugen Einfühlungsvermögen und Einsicht in die geeignete Reaktionsweise“, erklärte Baile. Wie im Sport müssten kommunikative Kompetenzen allerdings trainiert und angewandt werden. Analog dazu stellte Baile ein Stufenkonzept für Kommunikationskompetenz vor. Darin sind Fähigkeiten erster Ordnung, den Patienten zu begrüßen, ihm offene Fragen zu stellen und zuzuhören, ohne zu unterbrechen. Darauf bauen erweiterte Fähigkeiten auf, zum Beispiel der Umgang mit Gefühlsäußerungen (Stufe 2), die Aufgabe, eine Familienkonferenz für einen Patienten auf Intensivstation durchzuführen (Stufe 3) oder „die eigenen Gefühle zu kontrollieren, wenn wir eines Behandlungsfehlers beschuldigt werden“ (Stufe 4).

Patient muss nachvollziehen können, was ihm fehlt

Obwohl qualifizierte Fortbildung nachweislich das objektive Kommunikationsverhalten verbessert und entlasten kann, ist die Nachfrage hierzulande bisher schwach – „ein zentrales Problem“, befand die Arbeitsgruppe, die sich mit der Umsetzung von Zielvorgaben zur Patientenorientierung im Nationalen Krebsplan befasst. Gründe sehen die Experten unter anderem in der „dominant biomedizinischen Orientierung der grundständigen medizinischen Ausbildung“ und der vergleichsweise geringen ideellen und materiellen Würdigung von Gesprächsleistungen, heißt es in einem Bericht.

Die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) lässt keinen Zweifel daran, dass umgedacht werden muss. „Noch wichtiger“ als die Erfolge durch neue Behandlungen, Forschung und Innovation in der Medikation sei, „dass der Patient versteht, was ihm fehlt und woran er leidet und dass er informierte Entscheidungen gemeinsam mit dem medizinischen Personal treffen kann“, betont Generalsekretär Dr. med. Johannes Bruns in einer Stellungnahme. Die DKG ist daran beteiligt, Empfehlungen für Modellcurricula „Kommunikation“ für die Säulen der Aus-, Weiter- und Fortbildung zu erarbeiten – ein dickes Brett. Doch sei bereits ein großer Fortschritt erreicht, sagt Dr. med. Simone Wesselmann, Bereichsleiterin für Zertifizierung. „Entscheidend ist, dass Normgeber und Fachgesellschaften an einem Tisch sitzen und sich einig sind, das Drei-Säulen-Konzept umzusetzen“.

Leonie von Manteuffel

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Ärztestellen

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige