ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2014Kriegerische Auseinandersetzungen 2014: Den Flüchtlingen helfen

EDITORIAL

Kriegerische Auseinandersetzungen 2014: Den Flüchtlingen helfen

PP 13, Ausgabe Dezember 2014, Seite 529

Bühring, Petra

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Das Jahr 2014 scheint den traurigen Titel als Jahr der Kriege zu erwerben. Afghanistan kommt nicht zur Ruhe, im Irak gibt es immer wieder blutige Anschläge, Somalia, Südsudan und Kongo versinken im Chaos, die Terrororganisation „Islamischer Staat“ verbreitet Angst und Schrecken, der Bürgerkrieg in Syrien hört nicht auf, verfolgte Tschetschenen fliehen aus Russland. Abgesehen von der Vielzahl der Opfer haben nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks alle kriegerischen Auseinandersetzungen weltweit mehr als 50 Millionen Menschen veranlasst, ihre Heimat zu verlassen. Allein aus Syrien sind beispielsweise rund drei Millionen Kinder, Frauen und Männer auf der Flucht. Die meisten von ihnen retten sich in die Nachbarländer, aber auch nach Deutschland sind seit Beginn des Bürgerkriegs knapp 60 000 Syrer geflüchtet, die meisten davon in diesem Jahr. Die Zahl der Asylbewerber insgesamt steigt rasant.

Vorsichtige Schätzungen der WHO gehen davon aus, dass jeder dritte syrische Flüchtling als Folge von psychischen Traumatisierungen medizinisch behandlungsbedürftig ist. Darauf wies Prof. Dr. med. Malek Baibouj, Initiator des Berliner Projekts CharitéHelp4Syria hin, das Psychotherapeuten ausbildet, um Flüchtlingen vor Ort zu helfen. Hunderttausende seien in Jordanien, der Türkei und im Libanon, wohin die meisten Syrer fliehen, unversorgt, aber auch in Deutschland gehe es ihnen nicht besser, kritisierte der Arzt. Während in den arabischen Ländern psychiatrische Strukturen traditionell nur rudimentär vorhanden seien, fehle in Deutschland ein Versorgungsnetz, das auf eine muttersprachliche und kultursensitive Behandlung ausgerichtet sei.

Aber Traumatisierte werden nicht von selbst wieder gesund: Überlebenden von Gewalt oder mehrfacher Lebensbedrohung in kriegerischen Auseinandersetzungen gelinge es nicht mehr, sich aus den Erinnerungen dieser traumatischen Erfahrungen zu befreien, weiß Prof. Dr. Thomas Elbert, klinischer Psychologe an der Universität Konstanz. Die Verortung und Vergeschichtlichung der traumatischen Szenen unterbleibe, die Betroffenen fühlten sich ständig an die traumatischen
Szenen erinnert. Die permanente Alarmreaktion sei nicht nur belastend für die Psyche, sondern lasse auch das Risiko für körperliche Erkrankungen beträchtlich steigen.

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Die Rate der posttraumatischen Belastungsstörungen ist bei in Deutschland Schutz suchenden Flüchtlingen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um das Zehnfache höher. Trotzdem erhalten sie sehr häufig aufgrund von Regelungen im Asylbewerberleistungsgesetz keine leitliniengerechte Behandlung bei schweren psychischen Erkrankungen. Sie würden oft nur mit Psychopharmaka behandelt, berichtet die Bundes­psycho­therapeuten­kammer. Notwendig sei aber auch Psychotherapie mit Hilfe von Dolmetschern, wenn kein muttersprachlicher Therapeut zur Verfügung steht. Der 25. Psychotherapeutentag forderte deshalb in einer Resolution die Bundesregierung auf, in dem Gesetz festzulegen, dass nur qualifizierte Ärzte und Psychotherapeuten über den Behandlungsbedarf von psychisch kranken Flüchtlingen entscheiden sollen und dass Dolmetscherkosten zulasten der Krankenkassen gehen (Seite 537).

Medizinische und psychotherapeutische Behandlung nach den gleichen Kriterien wie für gesetzlich Krankenversicherte sollten für Flüchtlinge in einem wohlhabenden Land wie Deutschland, ebenso wie Grundsicherung und Unterkunft, selbstverständlich sein.

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