ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2014Gruppenpsychotherapie: Soziale Kompetenzen in einer virtuell aufgeladenen Welt

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Gruppenpsychotherapie: Soziale Kompetenzen in einer virtuell aufgeladenen Welt

PP 13, Ausgabe Dezember 2014, Seite 552

Kattermann, Vera

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Sollte die Kombination von Einzel- und Gruppentherapie zu einem gängigen Behandlungsverfahren werden? Diese Frage wurde auf einer Tagung von gruppenpsychotherapeutischen Fachverbänden intensiv diskutiert.

Foto: picture alliance
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Die Idee, dass Menschen soziale Wesen sind und Netzwerke brauchen, verändert im Zeitalter der Internetkommunikation ihre Gestalt. Internetforen ermöglichen per anonymen Identitäten schamfreie Formen der Selbstoffenbarung und auf sozialen Netzwerken wie Facebook ist es plötzlich möglich, tausend und mehr „Freunde“ zu haben. Die virtuelle soziale Welt verheißt neuartige Gruppenzugehörigkeiten, die sich realer anfühlen können als die der analogen Welt – zumindest, wenn man nach der Blickdichte auf Handys im Straßenbild urteilt. Spürbar ist aber, dass diese neuen virtuellen Kontaktformen Zugehörigkeit versprechen und fördern, sozialen Halt aber auch vorenthalten können. Gefühle der Einsamkeit werden vertrieben, die Qualitäten der Nähe reduzieren sich jedoch. Bindungssicherheit, die auch durch körperliche Nähe und durch die Spiegelfunktion des Blickkontakts entsteht, lässt sich virtuell nur begrenzt und teilweise illusorisch herstellen. Da, wo reale Bezüge flüchtiger werden, geht nicht nur Bezogenheit (etwa durch verbindliche Nachbarschaftsbeziehungen) verloren, auch die damit verbundenen sozialen Kompetenzen werden brüchiger. In den virtuellen Netzwerken ist die Fähigkeit zu mentalisieren, zu Einfühlung und Abgrenzung nur reduziert nötig. Im therapeutischen Alltag hören wir von diesen sozialen Veränderungen und ihren Auswirkungen. Brauchen die Psychotherapien der Zukunft also dringlich Zugänge, um den Einzelnen „abzuholen“, zugleich aber auch sozialen Halt und soziale Kompetenzen wiederherzustellen und zu fördern? Sollte in der Zukunft die Kombination von Einzel- und Gruppentherapie zum Standardmodell professioneller Behandlung werden?

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Im stationären Bereich seit jeher selbstverständlich

Auf einer Tagung des Berufsverbands der Approbierten Gruppenpsychotherapeuten (BAG) und der Deutschen Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie (D3G) Anfang Oktober in Berlin wurde dies zwar nicht offensiv gefordert, aber die Chancen und Schwierigkeiten einer solchen Kombination heiß diskutiert. Bislang ist sie gemäß den Psychotherapierichtlinien nur in spezifischen Ausnahmefällen möglich. Dabei könnte doch auch im ambulanten Sektor gelten, was im stationären Bereich seit jeher selbstverständliche und fruchtbare Alltagspraxis ist: das Zusammenwirken verschiedener therapeutischer Prozesse in sich ergänzenden Zugängen und Konstellationen. Und dies eben nicht nur im Kontext ausgesuchter Krisensituationen sondern als systematischer Behandlungsrahmen. Bei einigen Störungsbildern oder Problematiken liegt der Vorteil einer Kombination unmittelbar auf der Hand: Etwa dann, wenn – wie nach sexuellem Missbrauch – die Bearbeitung in einer Gruppe zunächst mit zu viel Scham verbunden sein könnte oder auch dann, wenn Patienten so instabil und teilweise von Ängsten vor anderen so überflutet werden, dass sie ergänzenden Halt in einem Zweierkontext brauchen. Die Kombination von Einzel- und Gruppensetting verspricht generell die Möglichkeit, die beiderseitigen methodischen Vorteile zu einem hochwirksamen und intensiven Behandlungszugang zu verknüpfen, da er maximale Sicherheit bei maximaler Ausnutzung therapeutischer Impulse verspricht. Die Parallelität von heilsamen Prozessen findet im Alltag eigentlich permanent und dabei mehr oder weniger spontan statt: etwa, wenn wir eng mit behandelnden Psychiatern zusammenarbeiten, um akute Suizidalität abzufangen. Wenn Patientinnen und Patienten uns von homöopathischen oder ergotherapeutischen Begleitbehandlungen erzählen und in der Therapie ihre Erfahrungen dort reflektieren. Wenn sie auf eigene Initiative Selbsterfahrungsprozesse wie Psychodramagruppen, Biodanza-Kurse oder Familienaufstellungen aufsuchen und dabei – gerade im Schutz der einzeltherapeutischen Reflexion – wichtige innerseelische Fortschritte erreichen. Je größer das Gewahrsein für die natürliche Vielfalt der selbst gesuchten „Behandlungsrahmen“, desto mehr können wir die dadurch ermöglichte Verknüpfung und Potenzierung von Heilungschancen würdigen: Die biografisch erlebte Vielfalt der Beziehungen als Einzelbeziehung zu Eltern und als Gruppenbeziehung zur Familie insgesamt fächert ein weites Spektrum für das nachträgliche Erfahren und Bearbeiten darin wurzelnder zentraler Beziehungskonflikte auf. Das Vertiefen, Präzisieren und Katalysieren dieser im Gruppenkontext angestoßenen seelischen Prozesse in der Einzeltherapie begründet die hohe therapeutische Wirksamkeit. Dies auch systematischer im Kontext kassenfinanzierter professioneller therapeutischer Prozesse vorzusehen, scheint mehr als folgerichtig. In der ambulanten Verhaltenstherapie ist diese Kombination zwar in der Theorie durchaus Standard, in der Praxis machen aber nur wenige Therapeuten/-innen davon Gebrauch – zu schwierig ist oft die Zusammenstellung einer monothematischen Gruppe, in der dann spezifische Manuale durchgearbeitet werden könnten. Zudem verfügt die Verhaltenstherapie bislang über kein Konzept für das Bearbeiten und Nutzen der Gruppendynamik als wichtigem gruppentherapeutischen Wirkfaktor.

In der Kombination lauern auch potenzielle Fallen

Die Potenzierung der Felder für unbewusste Prozesse ist es dahingegen, was psychodynamisch arbeitende Psychotherapeuten bislang als Hauptschwierigkeit einer Kombination ansehen. Tatsächlich ist ja vor allzu naiver und unreflektierter Begeisterung zu warnen: denn in der Kombination lauern eben auch potenzielle Fallen. Werden etwa für die therapeutischen Prozesse unterschiedliche Therapeuten/-innen gewählt, kann es zu Spaltungen in der Übertragung kommen: Dann scheint zum Beispiel die Einzeltherapeutin als „ideale Mutter“, während die Gruppentherapeutin als versagend und entwertend erlebt wird – wie diese beiden inneren Bilder zusammengehören, kann dann weitaus schwieriger zu synthetisieren sein. Oder Patienten könnten verführt sein, bestimmte Themen systematisch auszusparen, da sie ja im jeweils anderen Setting ihren Platz finden. Übernimmt im gegensätzlichen Fall der Therapeut sowohl die Einzel- als auch die Gruppentherapie, kann hierdurch intensiver Neid und Rivalität unter den Gruppenteilnehmern/-innen ausgelöst werden, die sich im schlimmsten Fall gruppenzersprengend auswirken. Und auch hier besteht die Gefahr des Agierens, also der szenischen Nutzung des Rahmens für Konflikte, die doch eigentlich zu verstehen wären.

Generell gilt aber: wie auch immer ein Patient oder eine Patientin mit der Kombination der Settings umgeht und welche inneren Szenarien sich darin veräußerlichen – immer eröffnet sich hierdurch auch die Chance für die Transformation und Heilung genau dieser Schwierigkeiten, die häufig ja gerade den Kern des Leidens ausmachen.

Je länger man über die Kombination der Verfahren – wie auf der Fachtagung geschehen – nachdenkt und diskutiert, desto deutlicher wird, dass sowohl die Entscheidung zu als auch die Vorbehalte vor einer synchronen Nutzung der Rahmen von einer Vielzahl von Faktoren abhängig ist, die aus jeder Situation einen Einzelfall machen: eine Rolle spielt etwa die Überzeugung des Therapeuten und die Intensität ihrer oder seiner Identifikation mit dem Einzel- beziehungsweise Gruppenverfahren, ebenso wie seine Wagelust für Prozesse, die generell natürlich schwieriger zu kontrollieren sind als puristisches Vorgehen. Auch die aktuelle Lebenssituation des Patienten oder der Patientin, ihre oder seine Stärken und Schwächen, Bedürfnisse und Ressourcen wird eine Entscheidung für oder gegen die Kombination der Verfahren beeinflussen. Schließlich gilt es auch die Situation und den Phasenstand der jeweilig in Betracht stehenden Gruppe zu berücksichtigen.

Wirkungszusammenhang noch zu wenig erforscht

Der dynamische Wirkungszusammenhang beider Verfahren ist prinzipiell noch zu wenig erforscht und in seiner spezifischen Gestalt auch noch deutlicher herauszuarbeiten. So zeigte sich: eigentlich eröffnen sich die wirklich „heißen“ Fragen erst dann, wenn man sich innerhalb eines spezifischen Kontexts für die Kombination der Verfahren entschieden hat. Hier ist dann ein möglichst umsichtiges, Gefahren und Nachteile abwägendes Vorgehen gefragt; die daraus folgenden Erfahrungen sind systematisch zu überprüfen und im Austausch mit anderen Kolleginnen und Kollegen zu reflektieren. Generell waren sich die versammelten Experten aber einig, dass die Erweiterung der Entscheidungsfreiheit zu einer Kombination der Verfahren bei begründeten Entscheidungen und bei einer fachlichen Qualitätssicherung im Sinne des Patientenwohls absolut zu wünschen ist. Und vielleicht brauchen wir einen solchen Zuwachs an sozialen Kompetenzen tatsächlich als dringliche Ressource einer immer virtueller werdenden Zukunft.

Dr. phil. Vera Kattermann

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