ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2014Dermatillomanie: Ventil für negative Gefühlszustände

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Dermatillomanie: Ventil für negative Gefühlszustände

PP 13, Ausgabe Dezember 2014, Seite 568

Sonnenmoser, Marion

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Die Dermatillomanie oder „Skin-Picking-Disorder“ wird den Impulskontrollstörungen zugeordnet. Auch sind Ähnlichkeiten zu Zwangs- und Substanzmissbrauchstörungen sowie zur Borderline-Störung vorhanden.

Mit ihrer Haut beschäftigen sich alle Menschen täglich, etwa beim Waschen oder Pflegen. Auch die Haut gelegentlich zu kratzen, zu drücken oder mit den Fingern abzutasten, gehört zu den unbedenklichen und weit verbreiteten Verhaltensweisen. Etwa zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung gehen jedoch wesentlich brachialer mit ihrer Haut um: Sie ziehen, quetschen, drücken, reiben und kratzen heftig daran, schneiden sich oder ziehen kleine Hautstücke ab. Dazu werden Fingernägel und Zähne, aber auch Werkzeuge wie Pinzetten, Nadeln, Scheren und Messer eingesetzt. Meistens fließt Blut, und es entstehen starke Rötungen, vereiterte Stellen, offene Wunden und Narben. Schmerzen verspüren die Betroffenen während ihrer Prozeduren offenbar keine, da sie automatisch und wie in Trance ihrem zwanghaften Drang nachgehen, die Haut zu „bearbeiten“.

Teufelskreis

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Besonders häufig wird die Haut in Gesicht und Hals, an Schultern, Brust oder an den Händen malträtiert, aber auch an schwieriger zugänglichen Körperstellen. Obwohl die Betroffenen wissen, welche negativen Konsequenzen mit dieser „Zerstörungsarbeit“ einhergehen, können sie sie nicht verhindern und hören oft nur damit auf, weil der Drang nachlässt oder weil sie erschöpft sind. Das Bearbeiten der Haut wird kurzfristig als entspannend, angenehm und stimulierend empfunden, dann aber stellen sich Reue und Schuldgefühle ein. Anschließend wird die Haut gepflegt und versteckt, bis erneut der Drang einsetzt, sie als Ventil für negative Gefühlszustände zu nutzen. Noch nicht verheilte Wunden werden erneut aufgerissen, sodass es zu schmerzhaften Komplikationen kommen kann. Darüber hinaus wird der Hautbearbeitung übermäßig viel Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet, sodass andere Tätigkeiten vernachlässigt werden. Hinzu kommt Scham wegen der offensichtlichen Verletzungen, die dazu führt, dass sich die Betroffenen zurückziehen und das Haus eine Zeit lang nicht mehr verlassen. Sie fürchten Fragen, Kritik und soziale Zurückweisung und isolieren sich, sodass ihr Leben durch die Erkrankung immer stärker eingeschränkt wird. Dies erhöht jedoch den inneren Leidensdruck, der wiederum durch eine Traktierung der Haut abgebaut wird – ein Teufelskreis entsteht.

Die hier beschriebenen Symptome gehören zum Krankheitsbild „Dermatillomanie“, auch „Skin
Picking Disorder“ genannt. Sie tritt besonders häufig in der späten Kindheit oder frühen Jugend auf, kann aber auch später ausbrechen, vor allem zwischen dem 30. und 45. Lebensjahr. Sie verläuft phasenhaft und chronifiziert meistens, wenn sie nicht behandelt wird. Der Frauenanteil beträgt circa 60 bis 90 Prozent, wobei die Dunkelziffer bei Männern hoch ist. Als Ursachen werden verschiedene Faktoren diskutiert, allerdings fehlen bislang aussagefähige empirische Befunde. Ausgelöst wird das schädigende Verhalten oft durch eine Kruste, einen Sonnenbrand, einen Mückenstich, einen Hautausschlag oder einen Pickel in Verbindung mit individuellen Stresssituationen (etwa Streit, Leistungsdruck, Trauer) oder einem Trauma. Die Häufigkeit und die Situationen, in denen die Haut drangsaliert wird, sind vielfältig: Manche Betroffene schreiten eher gedankenverloren zur Tat, etwa wenn sie sich langweilen oder unter Druck stehen, während sie lesen, fernsehen oder am Computer sitzen; andere vollziehen wiederum aufwendige selbsterdachte Rituale.

Die Dermatillomanie wird den Impulskontrollstörungen zugeordnet und ist eine anerkannte psychische Erkrankung, deren Existenz in Fach- und Laienkreisen allerdings noch kaum bekannt ist. Darüber hinaus sind Ähnlichkeiten zu Zwangs- und Substanzmissbrauchstörungen sowie zur Borderline-Störung vorhanden.

In ihrem Umfeld stoßen die Betroffenen oft auf Unverständnis, denn die Wunden ziehen die Blicke auf sich und lösen Abscheu aus. Zudem wird den Betroffenen vorgeworfen, sich nicht von schlechten Angewohnheiten lösen zu können. Dabei wird jedoch übersehen, dass es sich um ein ernstes Problem handelt. Mit dem Vorsatz, „sich zu beherrschen und die Haut einfach in Ruhe zu lassen“, ist es also nicht getan. Die Dermatillomanie bedarf vielmehr einer fachgerechten Behandlung, die beispielsweise kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze, Psychopharmaka (zum Beispiel SSRIs) und Entspannungsverfahren kombiniert. Bewährt hat sich hier unter anderem das Habit-Reversal-Training (Gewohnheitsumkehr), bei dem das problematische Verhalten durch andere Verhaltensweisen ersetzt wird, die mit dem Hautschädigen nicht vereinbar sind. „Das alte Problemverhalten wird quasi unterdrückt und auf diese Weise verlernt“, erklärt die Hamburger Psychotherapeutin Dr. Susanne Fricke. Solche alternativen Verhaltensweisen bestehen beispielsweise darin, die Hände zu falten oder zu Fäusten zu ballen oder sich auf die Hände zu setzen. Darüber hinaus ist es hilfreich, soziale Kompetenzen (zum Beispiel „Nein“ sagen, offen über Gefühle sprechen) und Techniken der Emotionsregulation einzuüben, das Selbstwertgefühl und die Selbstakzeptanz zu stärken und die eigenen Bedürfnisse mehr zu berücksichtigen, um allgemein ein besseres Lebensgefühl zu entwickeln.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

@Die Selbsthilfegruppe Skin-picking in Köln im Internet: www.skin-picking.de

1.
Fricke S: Dermatillomanie. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie 2013; 61(3): 175–9.
2.
Lochner C, Grant J, Odlaug B, Stein D: DSM-5 field survey: Skin picking disorder. Annals of Clinical Psychiatry 2012; 24(4): 300–4.
3.
Odlaug B, Lust K, Schreiber L, Christenson G, Derbyshire K, Grant J: Skin picking disorder in university students. General Hospital Psychiatry 2013; 35(2): 168–73.
4.
Vollmeyer K, Fricke S: Die eigene Haut retten. Köln: Balance 2012.
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2.Lochner C, Grant J, Odlaug B, Stein D: DSM-5 field survey: Skin picking disorder. Annals of Clinical Psychiatry 2012; 24(4): 300–4.
3.Odlaug B, Lust K, Schreiber L, Christenson G, Derbyshire K, Grant J: Skin picking disorder in university students. General Hospital Psychiatry 2013; 35(2): 168–73.
4.Vollmeyer K, Fricke S: Die eigene Haut retten. Köln: Balance 2012.

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