ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2014Die sieben Todsünden: Im Rückspiegel betrachtet

KUNST + PSYCHE

Die sieben Todsünden: Im Rückspiegel betrachtet

PP 13, Ausgabe Dezember 2014, Seite 530

Kraft, Hartmut

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Sagt Ihnen der Begriff SALIGIA etwas? – Mit dieser Frage haben wir im November 2013 unsere Serie zu den „Sieben Todsünden“ begonnen. Inzwischen sind Superbia (Hochmut), Acedia (Trägheit), Luxuria (Wollust), Invidia (Neid), Gula (Völlerei), Ira (Zorn) und Avaritia (Habsucht) an Beispielen alter und neuer Druckgrafiken besprochen worden. Trotz einer Vielzahl diskutierter psychologischer Aspekte ist möglicherweise doch die Frage offengeblieben, was diese im 6. Jahrhundert von Papst Gregor (540–604) formulierten Todsünden bis heute so attraktiv erscheinen lässt. Nicht nur haben Berthold Brecht und Kurt Weill im Jahre 1933 ein gleichnamiges Ballett mit Gesang auf die Bühne gebracht, es gibt auch den sehr viel jüngeren, wirklich nervenaufreibenden Film „Seven“ (1995) mit Brad Pitt und Morgan Freeman in den Hauptrollen. Vor allem aber gibt es gerade in den letzten Jahren mehrere gut fundierte Bücher zum Thema.

Pop-up-Grafik zu den „Sieben Todsünden“ im geschlossenen Zustand. Einbandgestaltung für alle Grafiken von Ludwig Vater, Jena. Foto: Eberhard Hahne
Pop-up-Grafik zu den „Sieben Todsünden“ im geschlossenen Zustand. Einbandgestaltung für alle Grafiken von Ludwig Vater, Jena. Foto: Eberhard Hahne
Und nicht zu vergessen: Die Liste der sieben Todsünden wird fortgeschrieben! Im Jahre 2008 fügte Bischof Gianfranco Girotti in einem Interview mit der Vatikan-Zeitung „L’Osservatore Romano“ soziale Sünden unserer Zeit hinzu: „Man lästert Gott nicht nur durch Stehlen, Blasphemie oder das Begehren seines Nächsten Weib, sondern auch, indem man die Umwelt verschmutzt, moralisch fragwürdige wissenschaftliche Experimente durchführt oder die Zustimmung zu genetischen Manipulationen gibt, die die DNS verändern oder Embryonen gefährden.“ Derartige Aussagen werden von manchen als Orientierung empfunden in einer zunehmend komplexer werdenden Welt mit widersprüchlichen Ansichten und Anforderungen. Neben Nobelpreisträgern, Schauspielern und anderen mehr oder weniger berühmten Menschen, die permanent nach ihrer Meinung gefragt werden – oft auch weit jenseits ihres Kompetenzbereiches – sind es vor allem die Religionsgemeinschaften, von denen Gläubige Orientierungshilfen für sich erwarten. Für andere Menschen aber droht gerade dadurch, das kritische Nachdenken auf eine schlichte Dichotomie von richtig versus falsch oder von gut versus böse reduziert zu werden. Sie bevorzugen die kontroverse Diskussion in einem hoch komplexen Meinungsbildungsprozess, bei dem strittige Fragen gegebenenfalls in Gesetzestexte einfließen. Dass diese sich – vergleichsweise zu kirchlichen Lehrmeinungen – relativ rasch ändern können, lässt sich zum Beispiel an den Scheidungsgesetzen ablesen, die sich von einem moralisch geprägten Schuldprinzip längst zu einem Zerrüttungsprinzip entwickelt haben. Und so stehen wir in Hinblick auf die „Sieben Todsünden“ vor der Frage, was jedem von uns angemessen erscheint. Sollen wir uns nach einem moralischen Kompass richten, zumal dieser je nach religiöser Gemeinschaft in verschiedene Richtungen zeigen kann? Oder erscheinen uns ausführliche, auch sehr kontroverse Diskussionen angemessen? So zum Beispiel, wenn wir um das Pro und Kontra eines Gesetzes über die Beihilfe von Ärzten zum Suizid schwerstkranken Patienten ringen oder um Sinn und Notwendigkeit der Stammzellforschung? Die sieben Todsünden und ihre zeitgemäßen Ergänzungen sind nach wie vor gewichtige Stimmen in dieser vielstimmigen Diskussion – nicht mehr und nicht weniger.

Damit schließt sich der Deckel über diesem spannenden Thema, das uns 14 Monate lang beschäftigt hat. In unserer Abbildung ist eine Pop-up-Grafik zu den „Sieben Todsünden“ im geschlossenen Zustand zu sehen. Die Serie erschien zwischen 2011 und 2014 in loser Folge in der „Burgart-Presse“ in Rudolstadt/Thüringen. Nun aber: Klappe zu – und Startschuss für die „Deutsche Pop Art“, die ab Januar 2015 an dieser Stelle erscheinen wird. Prof. Dr. med. Hartmut Kraft

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1.
Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid und Co. in Therapie und Seelsorge. Springer, Berlin und Heidelberg 2012.
2.
Gori N: The New Forms of Social Sin. L ´Osservatore Romano,
9. März 2008.
3.
Laham SM: Der Sinn der Sünde. Die sieben Todsünden – und warum sie gut für uns sind. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013.
1.Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid und Co. in Therapie und Seelsorge. Springer, Berlin und Heidelberg 2012.
2.Gori N: The New Forms of Social Sin. L ´Osservatore Romano,
9. März 2008.
3.Laham SM: Der Sinn der Sünde. Die sieben Todsünden – und warum sie gut für uns sind. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013.

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