ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2014Praxisverwaltungssoftware: Im Minimalbetrieb

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Praxisverwaltungssoftware: Im Minimalbetrieb

Dtsch Arztebl 2014; 111(50): A-2220 / B-1875 / C-1795

Lindemann, Wolfgang

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Hausärzte müssen Sachen können, von denen man an Universität und Krankenhaus wenig hört. Buchführung und Steuerrecht beispielsweise, aber vor allem müssen sie mit dem Computer klarkommen. In Frankreich, wo ich praktiziere, arbeiten vielleicht 15 Prozent der Arztpraxen noch mit Papierakten, ohne Arztinformationssystem. Da schaut man noch auf den Patienten, statt auf Tastatur und Bildschirm, und muss, etwa als Praxisvertreter, nicht gleich mit einem komplexen Praxisprogramm zurechtkommen. Einerseits.

Andererseits können die Ärzte häufig ihre Software nicht richtig bedienen und die Vorteile der IT nutzen. So gibt es seit Herbst 2013 im Rahmen des französischen Fortbildungswesens erstmals Schulungen für Praxissoftware. Diese Schulungen sind gratis (die Finanzierung erfolgt durch einen Fonds der Krankenkassen) und dauern einen Tag. Mit einem Fragebogen habe ich bei 121 Ärzten, die die Software Axisanté (Compugroup) einsetzen, evaluiert, welche Funktionen wie genutzt werden und welche Faktoren eine bessere (Aus)nutzung der Praxissoftware beeinflussen.

Nur zehn Prozent der Ärzte erfassen Vorerkrankungen „fast immer“ strukturiert, bei Allergien sind dies 24 Prozent. 22 Prozent geben Vorerkrankungen beziehungsweise Allergien „überwiegend“ strukturiert ein, die anderen selten oder nie. Nur die strukturierte Erfassung ermöglicht bei Verschreibungen Warnhinweise, aber selbst bei solchen der höchsten Stufe reagieren 33 Prozent selten oder nie. Dabei erhalten Ärzte von der Krankenkasse sogar eine jährliche Prämie von 350 Euro, wenn ihre Praxissoftware zu solchen Warnhinweisen fähig ist.

Anzeige

Sicher, bisher konnten weder der reale Nutzen geschweige denn eine vernünftige Aufwand-Nutzen-Relation eindeutig belegt werden. Das liegt ja auch am „Alarm-Overkill“. Aber es spart eindeutig Zeit und Energie, Musterrezepte und Musterdosierungen im Programm vorzuhalten, statt bei jedem Patienten das Rezept neu zu schreiben. 55 Prozent haben keine Musterrezepte erstellt (ich gehörte zu den zwei Prozent, die mehr als 50 Musterrezepte erstellt hatten), und weitere 50 Prozent keine Musterdosierungen. Ich auch nicht, und ich weiß auch warum: Mir wuchsen die vielen Aufgaben in der eigenen Praxis ohnehin über den Kopf, und da wurde beim Computer erstmal auf „Minimalbetrieb“ geschaltet (was mir viel zusätzliche Arbeit machte).

Die Ärzte benutzten das Programm durchschnittlich seit acht Jahren, aber nur zwei Prozent meinen, es „sehr gut“ zu kennen, 14 Prozent „gut“, dagegen je 42 Prozent „wenig“ oder „genügend“. Wie auch: 71 Prozent haben noch nie an irgendeiner Schulung teilgenommen. Man stellt dem Arzt ein leistungsfähiges, aber hochkomplexes Werkzeug auf den Schreibtisch („hier wird eingeschaltet“) und überlässt beide ihrem Schicksal. Das kann nicht weit führen, zum Schaden von Patient wie Arzt.

Ein Lichtblick ist, dass Ärzte das Programm nicht schlechter als Ärztinnen nutzen (oder umgekehrt), und sich auch ältere oder beruflich stärker belastete Ärzte hierin nicht unterscheiden. Dagegen kommt mit dem Programm interessanterweise besser zurecht, wer Leitlinien benutzt. Je länger Ärzte die Praxissoftware nutzen, desto besser nutzen sie sie. Da man einen ausbildenden Effekt der Nutzung an sich annehmen kann, rechtfertigen sich entsprechende Fortbildungen, man kann eben doch Vieles lernen.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige