ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2014Von schräg unten: Versorgungsstärkung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Versorgungsstärkung

Dtsch Arztebl 2014; 111(50): U3

Böhmeke, Thomas

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Dr. med. Thomas Böhmeke

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich darf vermuten, dass es Ihnen genauso geht wie mir: Wir denken immer in Komplikationen. Wenn das Bein schwillt und der Betroffene hustet, schließen wir auf eine embolisierende Thrombose. Eine unfreiwillige Gewichtsabnahme lässt uns sofort an einen malignen Tumor denken, eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit an ein rheumatisches Grundleiden. Nun, eine drastische, gar maligne Einschränkung der Bewegungsfreiheit droht den Fachärzten unter uns neuerdings nicht von einer Kollagenose, sondern von einem anderen, chronisch therapierefraktären Krankheitsprozess: unserem Gesundheitssystem.

Ich sehe nämlich furchtbare Komplikationen auf uns zukommen, und zwar als Folge des demnächst in Kraft tretenden Versorgungsstärkungsgesetzes. Dieses legt unter anderem den Finger auf die Schwäche der Fachärzte, zeitnahe Termine für alle und jeden zu garantieren, und zwar binnen vier Wochen und nicht vier Monaten. An dieser Stelle eine kurze Pause . . ., ich muss kurz etwas Asche auf mein kahles Haupt streuen. Danke. Das Sorgenverstärkungsgesetz sieht vor, Terminservicestellen einzurichten, die vier Wochen Wartezeit garantieren. Das ist auch gut so, wenn nämlich der arme Patient aus dem südlichsten Zipfeln unserer Republik einen Termin hoch im Norden bekommt, muss Reisezeit eingeplant werden.

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Das Verstärkungssorgegesetz birgt allerdings ungeahnte Herausforderungen: Wer soll die Dringlichkeit beurteilen, die bisher in den kundigen Händen der Hausärzte lag? Da mache ich mir große Sorgen, sollten die Servicestellen mal diagnostisch danebenliegen, sehe ich schon die ersten Haftpflichtprozesse auf sie zukommen. Außerdem müssen die Servicestellen den Patienten erst mal den Reiz der schönen neuen fachärztlichen Versorgung nahebringen: Jeder Termin an einem anderen Ort mit einem anderen Arzt garantiert nicht ihrer Wahl oder Vertrauens. Aber das kann man auch als Fortschritt verkaufen: Das zugesicherte Recht auf eine zweite oder gar fünfte Meinung ist Dank Facharzthopping übererfüllt. Da dieses aber, also das Hopping, negativ konnotiert ist, ist im Rahmen des Verstärkte-Sorgen-Gesetzes geplant, Facharztsitze aufzukaufen und zu verschrotten. Den noch verbleibenden tapferen Kollegen wird per Abstaffelung, Budgetierung und Plausibilitätsprüfung der Hals zugedreht.

Unseren Schutzbefohlenen wird dies bestimmt als frohe Botschaft verkauft: Keine Wartezeit mehr beim Facharzt Ihres Vertrauens, denn: Es gibt ihn nicht mehr. Anstelle der ambulanten fachärztlichen Versorgung sollen Krankenhäuser ermächtigt werden. Du meine Güte, wie sollen die das schaffen; haben unsere Chefärzte nicht schon genügend Schwierigkeiten, die Assistenzarztstellen zu besetzen? Man könnte ja, quasi als Anschlussverwendung, die notwendigen Stellen mit den aus dem ambulanten Bereich eradizierten Fachärzten besetzen. Oje, das kann nicht gut gehen, wenn all das, was wir Fachärzte ambulant leisten, nun stationär durchgeführt werden muss, dann müssten viele Tausend Betten mehr in den Krankenhäuser bereitgestellt werden. Oooh, was für ein Drama, das nimmt ein böses Ende mit dem Sorgenverstärkungsgesetz!

Meine Gedanken werden durch das Telefon unterbrochen, ein Kollege ruft an. „Tut mir leid, wir haben ja beide schon Feierabend, aber könnten Sie sich bitte noch einen Patienten mit akuter Luftnot ansehen?“ Kein Problem, schicken Sie ihn ’rüber! So machen wir das immer, und ich finde, das muss mal richtig gestärkt werden.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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dr.johannesdecker
am Sonntag, 14. Dezember 2014, 13:14

Die Allgemeinheit hat das Recht

- diesen Artikel ebenfalls zum nachdenklichen Lachkrampf angeboten zu kriegen! Sorgen sie für weitere Verbreitung außerhalb der Ärzteschaft!

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