ÄRZTESTELLEN

Innovative Ideenfindung: Probleme kreativ lösen

Dtsch Arztebl 2014; 111(50): [2]

Madel, Michael

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Kreativsitzung in der Klinik. Die Köpfe rauchen. Eine gute Idee muss her. Jetzt sind Kreativtechniken gefragt, mit denen sich im Team innovative Problemlösungen herbeiführen lassen.

Foto: Fotolia/Coloures-pic
Foto: Fotolia/Coloures-pic

Auf den Geistesblitz warten, der sich überdies auch noch recht schnell einstellen soll, hilft meistens wenig. Es gibt aber Kreativmethoden wie zum Beispiel die Walt-Disney-Methode, das Brainwalking oder die Kopfstand-Technik, mit denen der Geistesblitz wahrscheinlicher wird.

Kreativität hat viel damit zu tun, eingefahrene Bahnen zu verlassen und zu denken wie die Kinder: unbekümmert, fantasievoll, ohne Rücksicht auf die Logik der Antworten. Wenn ein Reiter rücklings auf seinem Pferd sitzt, warum nehmen wir automatisch an, er und nicht das Pferd sei verkehrt platziert?

Wenn in der Kreativrunde in der Klinik oder Praxis also die Köpfe rauchen sollen, sollten sich die Teilnehmer in einem bildlichen Sinn verkehrt herum auf das Problem setzen und die Problemstellung aus einer ungewohnten Perspektive betrachten. Das weitet den Blick und ermöglicht neue Zugangsweisen. „Gute Ideen entstehen, wenn wir das System verlassen“ – so lautet der erste Lehrsatz der Kreativität.

Der (männliche) Arzt versucht das Problem aus der weiblichen Perspektive zu lösen, die Ärztin dann schließlich aus der männlichen. Standpunkte auf den Kopf zu stellen und die Fragestellung ins Gegenteil zu verkehren, verhilft zu innovativen Problemlösungen. Die entsprechende Kreativtechnik dazu heißt Umkehrtechnik oder Kopfstand-Technik.

Die Kreativrunde vollführt dazu keinen wirklichen Kopfstand, sondern stellt vielmehr die Fragestellung auf den Kopf: Die Teilnehmer, die etwa das Problem lösen sollen, die Patientenkommunikation zu optimieren und die Patientenfreundlichkeit zu erhöhen, fragen sich, wie es gelingt, die Patienten von der Klinik fernzuhalten, sie zu vergraulen und in die Arme der Nachbarklinik zu treiben.

Gute Ideen durch „walking around“

Allein die ungewöhnliche Fragestellung führt zu zahlreichen und vor allem ungewöhnlich kreativen Vorschlägen. Wobei die Runde in einem zweiten Schritt natürlich in die „Umkehrung“ gelangen muss und sich auf der Grundlage der Ideen, wie sich der Patient erfolgreich vergraulen lässt, Gegenmaßnahmen überlegt: „Wie schaffen wir es, die Patientenfreundlichkeit zu steigern und neue Patienten zu gewinnen?“

Selbstverständlich müssen die Rahmenbedingungen stimmen. In einem ruhigen Raum animiert ein Kreativler – ein Arzt oder ein externer Berater, wichtig ist, dass er sich mit den Kreativtechniken bestens auskennt – die Gruppe ohne Zeitdruck zu kreativen Bestleistungen. Er bittet die Teilnehmer zum Beispiel, im Raum herumzugehen und sich auch ruhig mit etwas anderem zu beschäftigen. Im Raum verteilt sind Flipcharts aufgestellt. Während die Teilnehmer durch den Raum „walken“ und an den Flipcharts vorbeiflanieren, tragen sie dort ihre Ideen ein, die ihnen beim „freien Assoziieren“ einfallen. Sie lesen, was die anderen Brainwalker geschrieben haben und lassen sich so beim „Kreativ sein durch walking around“ inspirieren.

Bewegung regt den Denkapparat an, Sitzen macht eher träge und lädt dazu ein, in der bequemen Komfortzone zu verharren – das ist der Hintergedanke beim Brainwalking.

Nach dem Biochemiker Albert Szent-Györgi beruht kreatives Denken darauf, „etwas Beliebiges wie jeder andere zu sehen, sich aber etwas ganz anderes dabei zu denken“. Intensiv kreativ wird es, wenn gleich mehrere Personen dazu in der Lage sind. Darum ist es so wichtig, dass sich das Kreativteam aus möglichst unterschiedlichen Typen zusammensetzt, die das Problem jeweils aus ihrer individuellen Sicht wahrnehmen. Die Team-Vielfalt lässt sich durch die Walt-Disney-Methode potenzieren.

Der berühmte Filmemacher soll bei seinen Produktionen stets in mehrere Rollen geschlüpft sein: in die des Träumers, des Realisten und des Kritikers. Er hat sich also mehrere Wahrnehmungsbrillen aufgesetzt.

Dieses Prinzip nutzt nun unsere Klinikrunde: Der Mitarbeiter, der sowieso zur ständigen Kritiksucht neigt, zum Nörgeln und Meckern, darf jetzt endlich einmal seine „Begabung“ ausleben und das Problem oder die Problemlösung unter die kritische Lupe legen. Der Realist stellt die Zahlen, Daten und Fakten sowie die Frage der Umsetzung in den Mittelpunkt, während der Träumer seinen visionären Gedankenflügen freien Lauf lässt.

Und natürlich sind weitere und andere Rollen denkbar – der Grundsatz lautet immer: Jeder Teilnehmer betrachtet das Problem durch seine Wahrnehmungsbrille, die durch seine Individualität geprägt ist.

Der Lehrer einer Schule für Erwachsenenbildung malte einst einen Punkt auf die Wandtafel und fragte die Klasse, was das wohl sei. „Ein Kreidepunkt auf der Tafel, was sonst!“, war die einzige Antwort der erwachsenen Weiterbildungshungrigen. Als der Pädagoge dieselbe Übung mit einer Kindergartengruppe durchführte, geriet er ins Staunen: Den Kindern fielen an die 50 verschiedene Dinge ein, die gemeint sein könnten: ein zerquetschter Käfer, ein Auge, der Kopf eines Schafs – die Fantasie der quirligen Knirpse lief auf Hochtouren.

108 Ideen in wenigen Minuten

Kreativität hat etwas zu tun mit kindlicher Fantasie und der Freude, das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen zu sehen. Im Kreativteam in der Klinik lässt sich diese Fantasie zumindest etwas hervorkitzeln, indem die Teilnehmer gefragt werden: „Was wäre wenn ...?“ oder „Angenommen, es verhielte sich so ... – was würde dies für die Klinik bedeuten?“

Bei der 635-Methode schließlich erhalten 6 Personen (falls 4 Mitarbeiter mitmachen, handelt es sich eben um die 435-Methode) je ein Blatt und notieren dort in 5 Minuten 3 Ideen. Dann werden die Listen weitergereicht – jeder notiert wieder 3 Ideen in 5 Minuten. Der Prozess ist abgeschlossen, sobald alle Listen an ihren Ausgangspunkt zurückgekehrt sind. In nur 30 Minuten haben sich bestenfalls 108 Ideen angehäuft, bei 4 Personen in 20 Minuten immerhin 48 Gedankenblitze.

Dabei gilt: Es gibt zunächst einmal keine schlechten Ideen. Erst im zweiten Schritt steht die Bewertung und Kategorisierung der Ideen an. Wiederholungen werden aussortiert, die Realisten und kritischen Geister kommen zu ihrem Einsatz. Schließlich bleiben die Ideen übrig, von denen die Teilnehmer des Kreativteams überzeugt sind, dass sie umsetzbar sind.

Und darum werden jetzt noch konkrete Umsetzungsmaßnahmen festgelegt – ohne diese Aktionen bleibt die kreativste Ideenfindung fruchtlos.

Dr. Michael Madel

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